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Kreative Zellen Heiße Ware aus dem Knast

Kreative Zelle: Knackis an der Nähmaschine Fotos
Christian Lauenstein

Faulenzen gilt nicht in deutschen Gefängnissen. Fast alle Häftlinge müssen an die Arbeit. Sie versorgen die Außenwelt mit immer neuen Produkten: Grills für den Garten, Brettspiele für die Familie, sogar Roben für Juristen. Der Verkauf könnte noch besser laufen, gäbe es nicht dieses kleine Humorproblem.

Es gibt Gefangene, die unterscheiden Juristen auf den ersten Blick. Gerd Andrack (Name geändert) ist so einer. "Schauen Sie hier, die Robe." Er streift mit dem Finger den schwarzen Saum aus Samt hinab. "Nur sieben Zentimeter breit, der ist für Referendare in der Ausbildung." Echte Richter und Staatsanwälte hingegen bekämen einen Saum von elf Zentimetern. Oder mit anderen Worten: Je breiter der Saum, desto gefährlicher die Burschen im Gerichtssaal.

Andrack hat Juristen in der ganzen Republik mit ihrer Berufskleidung versorgt. Er hat Tausende Meter schwarzen Stoff durch eine Nähmaschine gejagt. Er hat mit seinen tätowierten Händen Hunderte Roben vermessen, gebügelt, zurechtgeschnitten. Und er hat immer wieder den Gedanken beiseite geschoben, was genau er da eigentlich tut - "denn ein bisschen komisch ist das ja schon mit den Roben".

Jeden Werktag meldet sich Andrack pünktlich um 6.30 Uhr in der Schneiderei der Justizvollzugsanstalt Celle, malocht bis 15 Uhr, unterbrochen nur von einem schnellen Mittagessen. Andrack arbeitet hier, weil er muss. Aber auch weil es ihn ablenkt, weil es ihn therapiert, weil es ihm seine Zigaretten finanziert. Seit 30 Jahren ist er eingesperrt, Urteil "lebenslänglich", besondere Schwere der Schuld, kaum Aussicht auf Freiheit. "Solange ich sitze, gebe ich die Stelle nicht mehr ab", sagt Andrack. "Sie ist das Beste, was mir hier drin passieren konnte."

"Hier ist gar nichts normal. Außer der Arbeit"

Arbeit im Knast: Das ist Pflicht in Deutschland. Wer im normalen Vollzug sitzt und nicht gerade krank oder zu gefährlich ist, der muss arbeiten. Die Bedingungen in Niedersachsen: im Schnitt 11,04 Euro am Tag, 39,75 Stunden in der Woche, 21 Tage Urlaub. Die Knackis zahlen in die Arbeitslosenversicherung ein und sind verpflichtet, 1456 Euro zurückzulegen - für die ersten Wochen nach der Haft. Vom Rest können sie sich alle zwei Wochen Zigaretten oder Schokoriegel kaufen, ihre Familien versorgen oder "Zehrgeld" für einen Freigang sparen.

"Ein Gefängnis ist etwas Künstliches", sagt Wilfried Weißmann, Betriebsleiter der Schneiderei in der JVA Celle. "Hier ist nichts normal, gar nichts. Außer der Arbeit." In jeder Werkstatt gebe es gute und schlechte Leute, Vorarbeiter und Drückeberger, Schleimer und Talente. "Das ist wie draußen, wie im echten Leben."

Fast jedenfalls. Die Gefangenen hantieren in der Schneiderei mit Werkzeugen, die einen schnell den Finger kosten können. Deshalb kommen die Scheren auch jeden Abend in einen Sicherheitsschrank. Fehlt eine, gibt es für die zwölf Häftlinge in der Schneiderei keinen Feierabend. "Das funktioniert gut", so Weißmann. Er hat alle zehn Finger noch, trotz der 33 Jahre im Beruf. "Toi, toi, toi. Das kann ewig gut gehen, und morgen passiert etwas."

In der JVA Celle sitzen nur die ganz schweren Jungs, mit Haftstrafen ab 14 Jahren. Man muss schon eine ganze Menge angestellt haben, um hier zu landen. Und wer lange bleibt, der muss auch lange beschäftigt werden. Im Aufnahmegespräch werden die wesentlichen Fragen geklärt: Was will der Häftling, was kann er, kann er überhaupt etwas?

Abitur gilt als Freizeit

Manche Neuankömmlinge müssen ganz vorn anfangen, beim Hauptschulabschluss, vielleicht sogar beim Alphabet. Andere kommen in die sogenannte Arbeitstherapie, verrichten leichte Holzarbeiten, lernen zum ersten Mal, was es heißt, einen geregelten Tagesablauf zu haben. Wer zu gebrauchen ist, kann wählen: Schneiderei, Polsterei, Bäckerei, Schlosserei, Tischlerei, je nach Kapazität. Wer will, kann auch eine Ausbildung machen. Abitur und Studium sind möglich. Aber erst nach Feierabend. Höhere Bildung zählt im Knast als Freizeit.

Ziel des Strafvollzugs ist es, so schreibt es das Gesetz vor, dass die Gefangenen künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Freiheitsstrafe führen. Und eine geregelte Arbeit ist das Behandlungsmittel Nummer eins. In Niedersachsen versucht man deshalb, 75 Prozent aller Häftlinge arbeiten zu lassen, das zählt dann knastintern als Vollbeschäftigung. Die Gefangenen sollen aber nicht einfach irgendwas machen. Allein schon, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken, soll die Arbeit - so das Zauberwort des Gesetzes - "wirtschaftlich ergiebig" sein.

Dafür ist Hartmut Clasen zuständig. Zwei Kilometer südlich der JVA Celle sitzt er in einem tristen Verwaltungsbau, einer ehemaligen Kaserne. Mit rund einem Dutzend Kollegen sorgt er dafür, dass die Knackis Produkte herstellen, die draußen gebraucht werden. Und vor allem auch gekauft. Das klappt ganz gut: 21 Millionen Euro wurden in Niedersachsen im Jahr 2010 umgesetzt, sechs Millionen davon flossen in den Landeshaushalt.

So arbeiten die Gefangenen im Auftrag für Firmen, verpacken Schrauben, waschen Handtücher, fertigen Kabelbäume. In der Tischlerei zimmern sie Möbel für Niedersachsens Justizbehörden. Jeder Staatsanwalt, der einen neuen Schreibtisch bekommt, kriegt den aus einer Gefängnistischlerei.

Richter-Robe für 180 Euro

Clasens Aufgabe ist es, die Produkte an Menschen außerhalb der Knastmauern zu verkaufen. Seit über zehn Jahren ist deshalb der JVA-Shop online. Hier kann man Roben bestellen, 180 Euro das Stück für Richter und Staatsanwälte, 195 Euro für Rechtsanwälte. Einen Bollerwagen gibt es für 145 Euro, einen Nistkorb für 28 Euro. Clasens ganzer Stolz ist der Edelstahlgrill "Sehnde Duplex-Profi" für stolze 989 Euro. "Die Grills sind der Renner", sagt er, "die verkaufen sich wie geschnitten Brot."

Die Internetseite hatte 2010 rund 200.000 Besucher. Fünf Jahre zuvor waren es noch 20.000. Der Shop ist kurz davor, in diesem Jahr die Umsatzmarke von 500.000 Euro zu knacken. "Viele Menschen haben Berührungsängste mit Produkten aus der JVA abgelegt. Das spüren wir deutlich."

Aber der Shop hat auch so seine Probleme. "Marketing" steht auf Clasens Visitenkarte unter seinem Namen. "Aber was heißt schon Marketing?", fragt er gequält. Clasen ist zwar kein Beamter, sondern angestellter BWLer, arbeitet aber natürlich in einer Behörde. Marketing bedeutet da vor allem: aufpassen. Nicht gegen Gesetze, Verordnungen, Erlasse oder sonstige Weisungen zu verstoßen.

Hier mal eine Messe besuchen, da mal ein Telefongespräch mit potentiellen Kunden führen, mehr ist nicht drin. Die Produktentwicklung ist vom Zufall geprägt, je nachdem wer mal eine neue Idee hat. Und seit Jahren versucht Clasen für den Online-Shop auch ein Online-Bezahlsystem einzurichten. Wie lange sich das schon hinzieht, will er lieber nicht verraten. Es ist ihm peinlich.

Der Weihnachtsknacki: "Verstoß gegen die Menschenwürde"

Vor einigen Jahren hatte Clasen mit Kollegen zu Weihnachten eine kleine Flash-Animation auf die Seite gebastelt. Ein Männchen in Sträflingsklamotten, Fußfessel und Weihnachtsmütze kam auf die Seite geschlurft. Im Justizministerium war man entsetzt. Verstoß gegen die Menschenwürde! Der Weihnachtsknacki musste sofort weg. Wenn es um die Würde der Gefangenen geht, gibt man sich in Niedersachsen mehr als humorlos.

In Hamburg sieht man das ein bisschen lockerer. Dort hat die Justiz für die Vermarktung und Produktentwicklung eine Werbeagentur engagiert. Die setzte sich vor einigen Jahren mit Gefangenen zusammen und gründete die "kreativen Zellen". Bald darauf ging der Santa-Fu-Shop online, Untertitel: "Heiße Ware aus dem Knast." Santa Fu ist der Spitzname der "Strafanstalt Fuhlsbüttel", abgekürzt St. Fu.

Die Marke ist inzwischen Kult in Hamburg, ähnlich wie die Fanartikel des FC St. Pauli. Die Produkte werden nicht nur online vertrieben, auch über Shops auf der Reeperbahn oder am Flughafen. Verkauft werden Handtücher mit dem Aufdruck "Strafvollzug", Unterhemden mit dem Schriftzug "Santa Fu" oder das Brettspiel "Alaarm!" das wie "Mensch ärgere dich nicht" funktioniert. Nur umgekehrt: Man muss seine Männchen aus dem Knast rauskriegen, nicht rein.

"Wir sind bei unseren Produkten sicher etwas liberaler als andere Bundesländer", sagt Angela Biermann, Leiterin der Hamburger JVA Glasmoor. Von einem Verstoß gegen die Würde der Gefangenen will sie nichts wissen. "Unsere Sachen haben einen freundlichen Witz, das ist alles." Bevor ein neues Produkt angeboten werde, setzten sich die Beteiligten zusammen und beratschlagten, ob das zu weit gehe. "Jedes Mal wird die Frage der Würde neu abgewogen", so Biermann.

Außerdem gingen 20 Prozent der Gewinne an den Opferverband Weißer Ring. So hätten am Ende alle etwas davon: die Häftlinge eine anspruchsvolle Arbeit, die Opfer von Straftaten zumindest einen Ausgleich. Und die Käufer seien auch zufrieden. Denn, so Biermann: "Die Produkte sind doch cool."

  • KarriereSPIEGEL-Autor Christian Lauenstein (Jahrgang 1982) ist freier Journalist in Hamburg. Auf dem Weg in die Schneiderei der JVA Celle musste er insgesamt 13 Türe, Tore und Gitter passieren.

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1. das ist eine andere Welt
raimondo 08.02.2012
Zitat von sysopChristian LauensteinFaulenzen gilt nicht in deutschen Gefängnissen. Fast alle Häftlinge müssen an die Arbeit. Sie versorgen die Außenwelt mit immer neuen Produkten: Grills für den Garten, Brettspiele für die Familie, sogar Roben für Juristen. Der Verkauf könnte noch besser laufen, gäbe es nicht dieses kleine Humorproblem. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,813957,00.html
Menschen die in unseren freizügigen Europa nicht draußen leben können, dürfen hier leben. Sie mit Arbeit zu konfrontieren, ihnen Arbeit nahe zu bringen (in U-Haft arbeiten sie freiwillig) sie zu motivieren, ist nicht leicht. Das ist eine ganz andere Welt. Gefüllt mit vielen täglichen Erfolgserlebnissen. Bedingt durch den hautnahen Umgang, aber auch mit den überlebensnotwendigen Vorsichtsmaßnahmen. Die uns den Rest des Lebens begleiten.
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