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10. August 2011, 09:18 Uhr

Kreuzberger Multikulti-Pool

Bademeister, du bist immer so gechillt

Von Marie-Charlotte Maas

Lebensretter, Sportsmann und Streetworker: Manuel Skora ist Bademeister im Kreuzberger Prinzenbad. Sein sonniger Job macht ihn zu einer Institution im Kiez. Von vielen Schwimmgästen kennt er die Brüder und hat schon die Väter zurückgepfiffen. Doch ohne Sicherheitsdienst kommt er heute nicht mehr aus.

Manuel Skora sitzt auf dem Aussichtsturm und lässt seine Augen schweifen. In der rechten Hand hält er eine Kaffeetasse, in der linken ein Megafon. 22 Jahre Dienst haben ihn wachsam gemacht.

"Du mit der roten Badehose, komm bitte mal her!", ruft er laut. Eine Gruppe im Teenageralter schaut erschrocken. Der Junge in der roten Badehose macht ein erstauntes Gesicht: "Ich?", sagt er fragend. "Wer sonst?", entgegnet Skora ruhig.

Manuel Skora, 41, ist Bademeister im Prinzenbad in Berlin-Kreuzberg, einem der bekanntesten Schwimmbäder der Republik. Rund 8000 Gäste dürfen dort gleichzeitig rein, immer wieder war es wegen Randalierern in den Schlagzeilen. 1989 begann Skora seine Ausbildung zum Schwimmmeistergehilfen: "Eine spontane Idee, weil ein älterer Freund schon in diesem Beruf tätig war".

Der Junge in der roten Badehose bekommt einen Platzverweis wegen rüpelhaften Verhaltens. Er hat einen Gast geschubst. Für eine halbe Stunde muss er nun in ein anderes Becken. "Man muss durchgreifen", sagt Manuel Skora und grüßt einen Kollegen, der gerade seine Runde durch das Bad dreht.

Ohne Sicherheitsdienst geht es nicht mehr

Ein eingeschworenes Team sind sie im Prinzenbad, das erleichtert die Arbeit. Sie können sich aufeinander verlassen. Wer neu dazu kommt, wird auf Herz und Nieren geprüft. Allzu zurückhaltend dürfen Bewerber nicht sein. "Ein Mäuschen hätte hier keine Chance", sagt Skora. Der Job des Bademeisters hat sich in den letzten Jahren gewandelt: "Wir spüren die gesellschaftliche Veränderung enorm. Früher brauchte es keinen Sicherheitsdienst im Supermarkt. Heute kommt man ohne nicht mehr aus. Genauso sieht es hier auch aus."

Das Schwimmbad als Mikrokosmos: Seit einiger Zeit gibt es neben den Bademeistern auch Sicherheitspersonal im Prinzenbad. In einem Pilotprojekt wird gerade der Einsatz von Konfliktlotsen geprüft. "Unser Beruf hat sich schon lange gewandelt. Ich bin heute nicht mehr nur Aufpasser und Lebensretter. Ich bin Sozialarbeiter und manchmal auch Ordnungshüter."

Wenn Leute sagen: "So möchte ich mein Geld auch verdienen", muss Skora lachen. Arbeiten wie andere Urlaub machen? "Diese Zeiten sind lange vorbei", sagt er, "wir haben ein ganz neues Anforderungsprofil."

Kein familienfreundlicher Job

Sechs Tage Arbeit die Woche, kein freies Wochenende über die Sommerzeit. Vier bis fünf Monate dauert die Saison im Prinzenbad. In dieser Zeit dürfen Skora und seine Kollegen zwei Wochen Urlaub machen. "Manchmal würde ich gerne einfach ein Wochenende rausfahren. Aber berufsbedingt rauscht der Sommer an uns vorbei." Ein familienfreundlicher Job ist das nicht.

Ein Junge klettert auf den Aussichtsturm und klopft an die Tür: "Tschuldigung, kann ich mir einen Schwimmring leihen?" Manuel Skora nickt. Viele seiner Gäste kennt er schon seit Jahren. Man grüßt sich auch außerhalb des Bades. Manuel Skora wohnt selber seit zwanzig Jahren in Kreuzberg. "Ich habe die Kinder aufwachsen sehen und bin mit ihnen erwachsen geworden."

Er kennt ihre Namen und weiß, wer wessen Bruder ist. Er kann bei einigen erahnen, dass sie es nicht leicht haben. Zwei Drittel der Kinder kommen alleine ins Bad. Manchmal lassen sie sich auf einen Wettkampf mit Manuel Skora ein. Wer kann länger tauchen? "Sie verlieren immer", lacht Skora. Er weiß, dass Sport als Ventil wirken kann. "Manche Jugendliche brauchen etwas, um sich zu beweisen." Die, die er besser kennt, fordert er auf, vor dem Verlassen des Schwimmbads noch zehn Bahnen zu schwimmen. Eine Aufgabe, die 90 Prozent der Kinder freudestrahlend annehmen, sagt Skora: "Wenn sie geübt haben, kommen sie und zeigen mir, dass es jetzt besser klappt."

"Hallo Bademeister, wie geht's?"

Die meisten Jugendlichen sind ausgesprochen höflich. "Hallo Bademeister, wie geht's?" Sie meinen es nicht ironisch. Er sei immer so gechillt, sagen sie.

Das Prinzenbad ist ein multikultureller Pool. Viele Herkunftsländer und Mentalitäten, damit muss man umgehen können. Da helfen auch die Schulungen nichts, die angeboten werden, findet Skora: "Zu viel Theorie. Die Praxis sieht ganz anders aus." Sein einfaches Rezept: "Ich suche den persönlichen Kontakt. Und ich bleibe immer höflich, auch wenn es manchmal nicht ganz einfach ist." Bei Verstößen gegen die Badeordnung gibt es eine Ermahnung, bei einer Wiederholung droht der Rausschmiss. Diebstahl, Körperverletzung oder sexuelle Belästigung bedeuten Hausverbot.

Plötzlich springt Manuel Skora auf und pfeift. Ein Jugendlicher hüpft in den verbotenen Teil des Beckens. "Herkommen, bitte!" Folgsam kommt der Junge angetrottet, ein paar seiner Freunde im Schlepptau. Skora klettert vom Gerüst und nimmt den Jungen ins Gebet. "So geht das nicht! Springen von der Längsseite ist verboten. Entweder ihr haltet euch an die Regeln oder ihr müsst gehen. Du machst jetzt erst mal eine Pause."

Die Freunde nicken und laufen zurück zum Becken. Manuel Skora klettert zurück auf seinen Aussichtsturm. Der kleine Junge platziert sich gut sichtbar am Beckenrand und schmollt. Als die halbe Stunde herum ist, schaut er zu Manuel Skora hoch. Erst dann springt er wieder ins Wasser. Von der kürzeren Seite des Beckens, wie es sich gehört.

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