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Kriminalpsychiater Blick in die Seele von Mördern und Vergewaltigern

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Hans-Ludwig Kröber ist Deutschlands wohl bekanntester Kriminalpsychiater

Hans-Ludwig Kröber ist Dauergast in deutschen Gefängnissen. Erst spricht er mit Mördern über Fußball oder mit Sexualstraftätern übers Fernsehprogramm - dann über ihre Taten. Seine Gutachten haben Gewicht vor Gericht, ob im Fall Stephanie oder im Kachelmann-Prozess.

Hans-Ludwig Kröber, 60, redet oft mit Vergewaltigern, Terroristen und Mördern. Sobald ein interessanter Fall in den Medien auftaucht, hofft Kröber auf einen Anruf. Er ist Deutschlands wohl bekanntester Kriminalpsychiater. In den vergangenen Jahrzehnten hat er bei vielen spektakulären Prozessen ausgesagt, so auch beim Kachelmann-Prozess.

In dem Verfahren vor dem Landgericht Mannheim hatte Kröber nicht den angeklagten TV-Moderator Jörg Kachelmann zu begutachten, sondern die Nebenklägerin - das angebliche Opfer des freigesprochenen Schweizers. Kröber sorgte für Aufsehen, als er vor Gericht die Expertise des Heidelberger Traumatologie-Professors Günter Seidler in Frage stellte. Seidler hatte die Erinnerungslücken der Frau mit ihrer Todesangst und einer Traumatisierung erklärt - eine These ohne wissenschaftliche Grundlage, sagte Kröber. Im vergangenen Mai sprachen die Richter Kachelmann vom Vorwurf der Vergewaltigung frei.

Uwe K., der Mörder des neun Jahre alten Mitja, bekam die Höchststrafe. Kröber hatte ihn für voll schuldfähig erklärt. Auch als Sachverständiger für den RAF-Terroristen Christian Klar war Kröber einst vorgesehen - doch Klar verweigerte beharrlich jedes Gespräch.

Beim Prozess ist die Arbeit längst getan

Eine Erfahrung, die der Leiter des forensischen Instituts der renommierten Charité in Berlin eher selten macht: "Die meisten Leute wollen gern über sich selbst reden." Oft ist Kröber der Erste, der sich für die Lebensgeschichte der Straftäter interessiert. Auf die Gespräche bereitet er sich akribisch vor. Meist beginnt er mit ein wenig Small Talk über Fußball oder Fernsehen - dann hakt er nach.

Wenn Kröber im Prozess seinen Sitzplatz an der Seite des Staatsanwalts einnimmt, vis-à-vis zum Angeklagten, ist der Fall für ihn eigentlich schon abgeschlossen. Das schriftliche Gutachten ist fertig und liegt der Strafkammer vor. Im Prozess muss er jedoch die wesentlichen Punkte mündlich vortragen - so sieht es das deutsche Recht vor.

Gelegentlich ergeben sich Ergänzungen durch eine Zeugenaussage oder das Verhalten des Angeklagten in der Verhandlung. "Insgesamt findet die entscheidende Arbeit jedoch vorher statt", sagt Kröber. "Im Prozess sitzen wir Psychiater dann eher dabei - und das ist relativ langweilig." Gelassenheit sei in seinem Beruf aber sowieso eine wichtige Voraussetzung: "Wer das nicht nach dem dritten Semester begriffen hat, erträgt den Beruf nachher nicht."

Manche Menschen müssen für immer eingesperrt werden

Der Sexualstraftäter Mario M. ist Kröber besonders in Erinnerung geblieben. Er hatte die 13 Jahre alte Stephanie fünf Wochen lang gefangen gehalten, mehr als hundertmal vergewaltigt und gequält. "Der war besonders, das war ein herausragender Fall", so Kröber. Mario M. habe genau gewusst, was er tat, als er Stephanie einsperrte und misshandelte. Der Psychiater attestierte dem Verbrecher eine schwere seelische Abartigkeit, die seine Einsichts- und Steuerungsfähigkeit aber nicht beeinträchtigte.

Mario M. wurde im Dezember 2006 vom Landgericht Dresden wegen Vergewaltigung, Geiselnahme, sexuellen Missbrauchs von Kindern und Körperverletzung zur Höchststrafe von 15 Jahren und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Körber hatte sich für die Sicherungsverwahrung ausgesprochen.

Früher sollten Kriminalpsychiater in den meisten Fällen die Schuldfähigkeit eines Angeklagten einschätzen. Inzwischen müssen sie immer häufiger Prognosen zur Gefährlichkeit eines Straftäters abgeben. Generell sei er eher ein Gegner des "Einsperrens für immer", doch für manche Straftäter gebe es nur diesen Weg, so Kröber. "Insgesamt empfehle ich aber heute mehr Entlassungen als früher." Wichtigste Voraussetzung sei ein intensives Arbeiten mit dem Gefangenen von Beginn der Haft an - und eine umfangreiche Betreuung bei der Entlassung.

Marion van der Kraats, dpa/vet

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insgesamt 26 Beiträge
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    Seite 1    
1. Täterpsychiologie nicht gleich Opferpsychologie!!
liliane66 17.12.2011
"Kröber sorgte für Aufsehen, als er vor Gericht die Expertise des Heidelberger Traumatologie-Professors Günter Seidler in Frage stellte. Seidler hatte die Erinnerungslücken der Frau mit ihrer Todesangst und einer Traumatisierung erklärt - eine These ohne wissenschaftliche Grundlage, sagte Kröber." Kröber sollte sich mich der Opferpsychologie genauso auseinandersetzen, wie mit der Täterpsychologie! Es sind NICHT die gleiche Sorte von Menschen! Erinnerungslücken aufgrund traumatischer Erfahrungen sind sogar häufig!!!! Dieser Mensch ist total unverantwortlich!!
2. Bestellt - geliefert
Thesa 17.12.2011
Zitat von liliane66Dieser Mensch ist total unverantwortlich!!
Kröber ist ein Gefälligkeitsgutachter, der seine Fahne in den Wind hängt. Seine ganz große Stärke ist das Kollegen Bashing. Er gehört in die Kategorie von Dr. Cornelius Schott. DER SPIEGEL*23/2001 - Der war's! Oder? (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-19337159.html)
3. Leider Realität!
schnitti23 17.12.2011
Zitat von sysopHans-Ludwig Kröber*ist Dauergast in deutschen Gefängnissen. Erst spricht er mit Mördern über Fußball oder*mit Sexualstraftätern übers Fernsehprogramm - dann über ihre Taten. Seine Gutachten haben Gewicht vor Gericht, ob im Fall Stephanie oder*im Kachelmann-Prozess. Kriminalpsychiater: Blick in die Seele von Mördern und Vergewaltigern - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,804043,00.html)
Der Psychologe kann evtl. die Hintergründe beleuchten, warum es zu der Tat kam. Was aber geradezu unerträglich im deutschen Justizwesen ist, alles wird aus Sicht des Täters beurteilt. Warum geht man nicht zum Opfer, sieht sein womöglich lebenslanges Leiden und verurteilt den Täter nach diesen Umständen? Es ist doch nicht damit getan, die eigentliche Tat isoliert zu sehen. Man muß auch das Leiden der Opfer in Betracht ziehen und beim Strafmaß berücksichtigen. Das vollkommene Ungleichgewicht zwischen Tat und Strafe ist oft himmelschreiend! Der sadistische Mörder läuft nach wenigen Jahren wieder munter frei herum, seine Opfer sind aber für immer tot!
4. Kröber und sein Auftreten...
Blubberman 17.12.2011
... vor Gericht im Fall K. Schlimmer geht´s nimmer. Es hat ihm offensichtlich einen Heidenspaß gemacht, einen Traumatologen Seidler in Grund und Boden zu stampfen. Traumatologie ist für ihn Scharlaterie. Einem so unangenehmen und unverschämten Zeitgenossen wie Kröber möchte ich nie begegnen; geschweige denn auch noch eine Expertise anfertigen zu lassen. Nie vergesse ich sein selbstgefälliges Lächeln vor Gericht und ich war nur Zuschauer. Kröber habe ich persönlich als "Unmensch 2011" getauft. Übrigens hatter er für mich mit dem K.-Verteidiger etwas gemeinsam: Dieses überhebliche Lächeln. Widerlich!
5. Auge um Auge
Tubus 17.12.2011
Zitat von schnitti23Der Psychologe kann evtl. die Hintergründe beleuchten, warum es zu der Tat kam. Was aber geradezu unerträglich im deutschen Justizwesen ist, alles wird aus Sicht des Täters beurteilt. Warum geht man nicht zum Opfer, sieht sein womöglich lebenslanges Leiden und verurteilt den Täter nach diesen Umständen? Es ist doch nicht damit getan, die eigentliche Tat isoliert zu sehen. Man muß auch das Leiden der Opfer in Betracht ziehen und beim Strafmaß berücksichtigen. Das vollkommene Ungleichgewicht zwischen Tat und Strafe ist oft himmelschreiend! Der sadistische Mörder läuft nach wenigen Jahren wieder munter frei herum, seine Opfer sind aber für immer tot!
Was Sie fordern, ist ein Auge um Auge und Zahn um Zahn und hat mit humaner Rechtsprechung nichts zu tun. Danach ist ein Täter nach seiner individuellen Schuld zu verurteilen. Wo kämen wir hin, wenn z.B. nicht mehr zwischen geringer Schuld, fahrlässigem oder grob fahrlässigem Verhalten und Vorsatz und Schuldunfähigkeit unterschieden würde. Ich gebe Ihnen Recht, dass Strafen für Gewaltverbrechen z.T. in keiner vernünftigen Relation mehr zur Schuld!!! der Täter stehen. Ich bin ein entschiedener Gegner der Todesstrafe, aber wo lebenslänglich nicht mehr lebenslänglich bedeutet, ist Mord auch nicht mehr Mord.
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