• Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Kündigung "Hoffentlich war ich nie so"

Zur Großansicht
dpa

Ulrich Flieger hat zehn Jahre lang bei einem großen Lebensmitteldiscounter die Mitarbeiter gekündigt - Sabine Schulze wurde vor kurzem dort entlassen. Er spürte Kollegen beim Blaumachen auf, sie berichtet von ominösen Zeugen, die gegen sie aussagten.

Dabei war es schon schlimm genug. Die Frau des Filialleiters hatte kurz zuvor ihre Krebsdiagnose bekommen. Und heute sollte ihm auch noch Ulrich Flieger eine schlechte Nachricht beibringen: seine Kündigung.

Flieger hatte lange überlegt, wie er es dem Filialleiter sagen soll: Was, wenn der Mann sich gegen die Kündigung wehrt? Wenn er, völlig verzweifelt, schimpft und wütet? "Das Gespräch ist dann relativ einfach verlaufen. Er hatte einfach nicht mehr die Kraft, dagegen anzugehen." Flieger sagt, er habe den Ausstieg "so sanft wie möglich" bereitet, mit langen Fristen. Aber die Entscheidung selbst, die sei unumgänglich gewesen: "Er konnte es einfach nicht."

Flieger, 49, ist ein Routinier im Feuern. Tausenden Mitarbeitern hat er gekündigt während seiner Zeit als Verkaufsleiter eines großen Lebensmitteldiscounters. Er fuhr raus in die Filialen, bat Mitarbeiter, die eben noch Regale einräumten, zu einem vertraulichen Gespräch nach hinten. Manch einer sackte dort in sich zusammen. Mancher bäumte sich auf, ein letztes Mal. Manchmal dauerte es drei, vier, fünf Stunden. Manchmal war Flieger nach zehn Minuten durch. "Eine herzliche Atmosphäre kommt dabei natürlich nie auf", sagt Flieger.

Sabine Schulze* arbeitete bis vor kurzem bei dem selben Lebensmitteldiscounter, für den auch Flieger bis 2000 tätig war. Sie hatte gerade ihre Freitagsschicht beendet und wollte ins Wochenende, als ihr Chef sie an der Tür abfing. Ob sie noch einmal kurz mit hochkommen könne.

Fotostrecke

5  Bilder
Entlassungen: Gekündigt - und jetzt?
Sie scherzte: "Was habe ich denn jetzt wieder verbrochen?" Keine Antwort. Sie, ernster: "Was ist los?" "Das werden Sie gleich hören", sagte ihr Vorgesetzter und führte sie ins Büro.

Wie ein Arzt, der eine schlechte Diagnose stellt

Die Kommissioniererin Schulze und der ehemalige Verkaufsleiter Flieger kennen sich nicht und haben nichts miteinander zu tun. Aber sie erzählen aus zwei Perspektiven, was Kündigung im selben Unternehmen bedeuten kann. Als Teil des Alltagsgeschäfts für den einen, als Ende von allem für die andere.

Flieger vergleicht sich mit einem Arzt, der eine schlechte Diagnose stellt. "Ein Arzt nimmt sich die Dinge am Anfang sehr zu Herzen, später gehört es zu seinem Beruf dazu." So sei es mit Kündigungen auch, sagt er, sie gehören zum Arbeitsleben. Für jemanden, der Tausende davon ausgesprochen hat, sind sie schlicht: normal.

Natürlich hinkt der Vergleich mit der Medizin. Ein Arzt ist in der Regel nicht verantwortlich für das Leiden seines Patienten, dem er nur den Namen gibt. Ein Chef hat selbst die Entscheidung getroffen, seinen Mitarbeiter aus welchen Gründen auch immer zu entlassen. Ein Arzt hätte nicht anders diagnostizieren können. Ein Personalverantwortlicher hätte die Wahl gehabt.

Trotzdem beharrt Flieger auf dem Vergleich. Es sei wie mit dem Rauchen, sagt er. Wer raucht, nimmt die Krebsdiagnose in Kauf. Wer schlechte Leistungen im Job erbringt, riskiert die Kündigung. Eine Kündigung hat für Flieger immer etwas Zwangsläufiges.

Am Brückentag krank gemeldet

So war es zum Beispiel bei dem Verkäuferpaar, von dem Flieger erzählt: Sie arbeitete in der einen Filiale, er in einer anderen. Just für den Tag zwischen Himmelfahrt und dem Wochenende hatten sich beide krank gemeldet. Verdächtig, dachte Flieger. Er fuhrt direkt zu ihnen nach Hause. Er wollte schon klingeln, als sie selbst die Tür öffneten. Sie hatte im Flur noch gerufen: "Schatz, fährst du mit einkaufen?"

Flieger bestellte beide zu einem Gespräch ein. Sie für Montag, 9 Uhr, in ihrer Filiale. Ihn für 10 Uhr am Montag in seiner Filiale. "Das ging ganz schnell", sagt Flieger. Diejenigen, die er gekündigt hat, sieht er meistens nicht wieder.

Im Büro im Zentrallager saß Sabine Schulze an jenem Freitag zwei Vorgesetzten gegenüber, viele Kollegen waren schon im Wochenende. Zwölf Jahre lang hatte sie für den Discounter gearbeitet, nun lag ein Auflösungsvertrag vor ihr auf dem Tisch, den sie unterschreiben sollte.

"Ich vertraue den Zeugen"

"Was ist los?", fragte sie. "Wir können nicht mehr vertrauensvoll mit Ihnen zusammenarbeiten", sagte der Vorgesetzte. Sie habe eine Mitarbeiterbefragung manipuliert, so dass das Unternehmen besonders schlecht abschnitt. Zwei Kolleginnen hätten berichtet, dass Schulze ihre Fragebögen an sich nehmen wollte - um sich mit schlechten Noten bei der Geschäftsführung zu rächen. "Dann holen sie die beiden ins Büro", sagte Schulze. "Ich vertraue den Zeugen", sagte der Chef.

Schulze versuchte, einen kühlen Kopf zu behalten, trotz Schock. Bloß nichts unterschreiben! "Ich bin 37 Jahre alt und alleinerziehend. Ich bin angewiesen auf diesen Job." Als sie das Büro verließ, forderte man sie auf, ihren Spind auszuräumen. Am nächsten Morgen war die schriftliche Kündigung in der Post. "Man hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen."

"Ich stand da wie ein Schwerverbrecher"

Ein einziges Mal ist auch Ulrich Flieger, der selbst Tausende Kündigungen aussprach, gefeuert worden. Aber die Situation, sagt Flieger, sei völlig anders gewesen als die Kündigungen, für die er verantwortlich gewesen ist. Ungerechtfertigt.

Flieger war damals schon nicht mehr beim Discounter, sondern Vertriebschef eines mittelständischen Konsumgüterherstellers. Er war gerade für das Unternehmen auf einer Messe, als der Chef beim Frühstück verlangte, ihn auf sein Zimmer zu führen. "Er sagte, er müsste etwas auf meinem Laptop nachsehen", erzählt Flieger.

Der Chef schloss die Zimmertür und sagte nun, man müsse sich von ihm trennen. Er nahm den Laptop an sich, ebenso die Schlüssel des Dienstwagens. Flieger drückte er 200 Euro für die Heimreise mit der Bahn in die Hand.

"Um 7.15 morgens stand ich in meinem Hotelzimmer wie ein Schwerverbrecher", sagt Flieger. So wie sich auch Schulze bei ihrem Tribunal nach Dienstschluss am Freitag fühlte.

"Hoffentlich", sagt Flieger, "war ich bei meinen Kündigungen nie so ein Arschloch."

*Name von der Redaktion geändert

  • KarriereSPIEGEL-Autor Bernd Kramer ist freier Journalist in Köln.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Sleeper_in_Metropolis 28.09.2012
Aber sicher, Herr Flieger. Die tausend Kündigungen, die sie ausgesprochen haben, waren natürlich alle berechtigt, und nicht etwa auch mal vorgeschoben, um unliebsame oder zu teuer gewordenen Mitarbeiter loszuwerden. Nur die eine, die sie selbst erwischte, die war natürlich völlig unberechtigt.Is' klar...
2. Kündigung!
seal124 28.09.2012
Der freundliche Herr hat in zehn Jahren tausenden von Mitarbeitern gekündigt. Nun, wie heißt es doch so schön: "Am Ende bekommt jeder was er verdient" Im übrigen wirft das ein erschreckendes Bild auf die Lebensmitteldiscounter.
3. Leistung
ctwalt 28.09.2012
Es ist doch heute anscheinend völlig egal, wie gut mam im Job ist und genau daher haben wir all die Probleme am Arbeitsmarkt. Rausgemobbt, wegrationalisiert, Betriebzusammenlegung, Insolvenz, etc.. Wenn jemand heute Höchstleistungen bringt und im Falle ener Kündigung ein anderer Miarbeiter aufgrund seines Alters o.ä. einen besseren Kündigungsschutz hat, zählen dies Leistungen gar nichts. Ich habe zu oft erlebt, wie rigoros mit guten leuten umgegangen wurde und all zu oft stehen diese Unternehmen heute schlecht da oder sind verschwunden. Nicht wahr, Herr Götz Diehl von der Firma main radio in Frankfurt....... Erst Radio Diehl verhökern, dann die arrogante Nummer bei main radio und am Ende war NICHTS mehr übrig vom ehemals renomiertesten UE Geschäft im Großraum Frankfurt.
4. Verlogene Geschichte von den üblichen Spiessgesellen gewissenloser Unternehmer
NETSUBJEKT 28.09.2012
Ebenso wie die Henker, ist der Rauswerfer kein Arzt, der eine schlechte Diagnose stellt. Denn der Verlust des Lebensunterhaltes ist keine Krankheit. Es sei denn, man bezeichnet die Gewissenlosigkeit gewinnorientierter Unternehmen, die in der Regel rauswerfen um ihren Gewinn zu steigern und nicht um zu überleben, als Krankheit, als Krebsgeschwür, als Pesthauch unserer modernen Zivilisation den Leute wie Herr Flieger unter den menschen verbreitet. Er ist ein Henker des Arbeitsmarktes im Auftrage seines feigen Herrn und macht sich gern die Hände dreckig, wenn er nur gut genug dafür bezahlt wird.
5. Hmm...
Koboldt 28.09.2012
...schon schade, wie Grammatik und Rechtschreibung beim SPIEGEL den Bach runtergehen. "Ulrich Flieger hat zehn Jahre lang bei einem großen Lebensmitteldiscounter die Mitarbeiter gekündigt"... Nicht jemand wird gekündigt, sondern jemandem wird gekündigt; nämlich der Vertrag. Es muss also heißen: ...er hat den Mitarbeitern gekündigt...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Kündigung - KarriereSPIEGEL
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Arbeitsrechts-Urteile: Abgemahnt, gefeuert, geklagt
Verwandte Themen



Wann ist eine Kündigung gültig?
Einfach so jemanden entlassen - das geht in Deutschland nicht. Man braucht gute Gründe für eine ordentliche Kündigung.
Dreierlei Kündigungen
Juristen unterscheiden zwischen einer personenbedingten (etwa bei langer Krankheit), einer verhaltensbedingten (etwa bei Leistungsmängeln oder ungenehmigten Nebentätigkeiten) und einer betriebsbedingten Kündigung (etwa bei Stilllegung der Firma).
Fristlos entlassen
Fristlos gefeuert werden kann nur, wer sich schwere Fehler geleistet hat - zum Beispiel stiehlt oder Dienstgeheimnisse verrät.
Einige Grundregeln
In jedem Fall muss die Entlassung vorher mit dem Betriebsrat abgestimmt sein und schriftlich erfolgen mit leserlicher Unterschrift; SMS oder E-Mail sind ungültig. Für bestimmte Personengruppen wie Schwerbehinderte oder Schwangere gilt ein erhöhter Kündigungsschutz.

Social Networks