Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

ThemaKündigung - KarriereSPIEGELRSS

Alle Artikel und Hintergründe


 

Kündigungen Chefinnen werden häufiger gefeuert als Chefs

Es ist zum Schreien: Bei Kündigungswellen müssen häufig Frauen gehen. Zur Großansicht
Corbis

Es ist zum Schreien: Bei Kündigungswellen müssen häufig Frauen gehen.

Bei Massenentlassungen trifft es Frauen in Führungspositionen besonders hart. Dies belegt eine Studie zu US-Unternehmen. Doch weder Willkür noch starke Männerbünde sind schuld daran - sondern objektive Auswahlkriterien.

Wenn über die Benachteiligung von Frauen in der Arbeitswelt geredet wird, geht es meist um Willkür. Um Netzwerke der Männer und um Vorgesetzte, die Frauen wenig zutrauen.

Doch nun hat die israelische Soziologieprofessorin Alexandra Kalev einen neuen Diskriminierungsfaktor entdeckt. Einen, der nicht in den Köpfen von Personalentscheidern steckt, sondern im System. Sie fand heraus, dass weibliche Führungskräfte von Massenentlassungen überproportional betroffen sind. Der Grund dafür ist keineswegs die Frauenfeindlichkeit der Personaler. Es sind die vermeintlich objektiven Auswahlkriterien, die den Frauen bei Entlassungen zum Verhängnis werden.

"Vor allem wenn nach Dauer der Betriebszugehörigkeit entschieden wird und wenn ganze Geschäftsbereiche aufgelöst werden, haben die Frauen das Nachsehen," sagt Kalev.

Massenentlassungen zerstören die Vielfalt der Belegschaft

Für ihre Studie, die in der Februarausgabe der Fachzeitschrift "American Sociological Review" erschienen ist, untersuchte die Wissenschaftlerin zunächst die Geschlechterverteilung in über 800 US-amerikanischen Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern, und zwar über einen Zeitraum von über 20 Jahren. Die Daten, anhand derer sie die Untersuchung durchführte, geben unter anderem Aufschluss über die Geschlechterverteilung in den verschiedenen Berufsgruppen eines Unternehmens. In den USA müssen alle Firmen mit mehr als 100 Mitarbeitern einer staatlichen Stelle darüber Auskunft erteilen.

Im zweiten Schritt fragte die Wissenschaftlerin bei den Personalverantwortlichen der Unternehmen nach, ob sie im fraglichen Zeitraum Massenentlassungen durchgeführt hatten und wenn ja, nach welchen Kriterien die Betroffenen ausgewählt wurden. Rund 300 Unternehmen gelangten so in die Analysen.

Das Ergebnis: Die Massenentlassungen wirken sich verheerend auf die Vielfalt in den Führungsetagen aus. Entscheidet die Dauer der Betriebszugehörigkeit darüber, ob man gehen muss oder nicht, hat das zur Folge, dass hinterher der Anteil der weiblichen Führungskräfte in dem Unternehmen um 20 Prozent niedriger ist. Werden im Zuge der Entlassungen ganze Bereiche abgewickelt, reduziert er sich gar um 25 Prozent.

Warum das so ist, dafür liefert die Wissenschaftlerin relativ einfache Erklärungen: Frauen arbeiten im Schnitt weniger lange für ein und dasselbe Unternehmen als Männer. Weil sie Kinder erziehen und weil ihnen häufiger gekündigt wird. Nachteilig wirkt sich zudem aus, dass Frauen vor allem in solchen Bereichen Führungspositionen einnehmen, die häufig als erstes dem Sparhammer zum Opfer fallen, wie zum Beispiel das Marketing oder die Öffentlichkeitsarbeit.

Kriterien für Sozialauswahl können diskriminieren

Sind die Ergebnisse der Studie auf Deutschland anwendbar? Das Arbeitsrecht in den USA unterscheidet sich von unserem. Will hierzulande ein Unternehmen aus betrieblichen Gründen Kündigungen aussprechen, wird das von einem Arbeitsgericht geprüft. Auf Grundlage einer Sozialauswahl wird dann bestimmt, wer gehen muss. Solche Vorgaben gibt es in den USA nicht.

Doch gerade weil der Fokus der Studie auf den Kriterien für Kündigungen liegt, hält Kalev die Ergebnisse für Deutschland relevant: "Ich wüsste nicht, warum diese Erkentnisse nicht übertragbar sein sollten. Schließlich geht es nicht darum, unter welchen Bedingungen ein Unternehmen kündigen darf, sondern darum, wem gekündigt wird. Und in Deutschland wird anhand formeller Kriterien entschieden."

Auch Rechtswissenschaftler sehen die Situation hierzulande aus ähnlichen Gründen kritisch: Vor allem die Sozialauswahl halten sie für ein Einfallstor für die Diskriminierung von Frauen. Dabei muss der Arbeitgeber vier Kriterien berücksichtigen: Lebensalter des Mitarbeiters, Unterhaltspflichten, Schwerbehinderung und Dauer der Betriebszugehörigkeit, also auch jenen Faktor, den Kalev als Hauptübel identifiziert hatte.

Bettina Graue, Rechtsberaterin für Arbeits- und Sozialrecht in der Arbeitnehmerkammer in Bremen, hat sich in einem Buchbeitrag mit der Frage beschäftigt, inwieweit betriebsbedingte Kündigungen anfällig sind für Diskriminierung. Die Expertin hält neben der Dauer der Betriebszugehörigkeit den Faktor "Unterhaltspflicht" bei der Sozialauswahl für problematisch. Denn die können sich viel häufiger die Männer auf die Fahnen schreiben. "Üblicherweise wird Personalabbau nach dem Motto 'hinter jedem Familienvater steht auch eine Familie' betrachtet und betrieben," fasst Graue zusammen.

Kalev konnte in ihrer Untersuchung aber auch einen Faktor ausmachen, der den Diskriminierungseffekt schmälert: der hausinterne Jurist eines Unternehmens. "Für den Erhalt der Diversität scheint von Vorteil zu sein, wenn eine Person den Überblick über die Entlassungen hat."

  • David Einsiedler
    KarriereSPIEGEL-Autorin Annick Eimer (Jahrgang  1975) ist freie Journalistin in Hamburg.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 52 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ma kann es auch so sehen:
genlok 14.02.2014
Die Cheffinen schaffen es nicht ihre Bereiche so gut aussehen zu lassen dass von einer Massenentlassung in dem Bereich abgesehen wird. Oder, dass Maenner eher Chefs von unabdingbaren Bereichen sind. Bei Mercedes Benz wird die Entwicklungs und Forschungsabteilung wohl kaum massenentlassen, jedoch wahrscheinlicher in den Softbereichen, Medien und Kommunikation etc.
2. Wenn's brennt -
kezia_BT 14.02.2014
behält man eben die, die am intensivsten bei Löscharbeiten einsetzbar sind.....
3. Wie bitte?
perspective 14.02.2014
"Die Expertin hält neben der Dauer der Betriebszugehörigkeit den Faktor "Unterhaltspflicht" bei der Sozialauswahl für problematisch. Denn die können sich viel häufiger die Männer auf die Fahnen schreiben." Und warum genau ist es ist problematisch das zu berücksichtigen wenn dies der Fall ist?
4. Ein Chef, der gefeuert werden kann ist kein Chef..
vogtnuernberg 14.02.2014
Ein Chef, der gefeuert werden kann ist kein Chef. Wie oft soll ich Euch das noch sagen? Er/Sie ist NUR angestellte Mitarbeiterin. Ein Chef ist nicht abhängig von Anderen, ein Chef ist selbstständig!
5. Doofe Realität
Esib 14.02.2014
Zitat von sysopCorbisBei Massenentlassungen trifft es Frauen in Führungspositionen besonders hart. Dies belegt eine Studie zu US-Unternehmen. Doch weder Willkür noch starke Männerbünde sind schuld daran - sondern objektive Auswahlkriterien. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/kuendigungen-chefinnen-werden-haeufiger-gefeuert-als-chefs-a-953251.html
Es ist schon blöd: Wenn durchaus sinnvolle und nachvollziehbare Kriterien, bei Frauen stärker einschlagen und Frauen in Bereichen verstärkt arbeiten, die häufiger von Einsparungen betroffen sind, ist das - natürlich, wie könnte es anders sein - Diskriminierung. Wäre es anders herum, würde kein Hahn danach krähen, da es sich um objektive Faktoren handelt oder es würde sogar als "positive Maßnahme" gefeiert. Und das Ganze erhielte dann auch noch die Bezeichnung "Gleichberechtigung". Willkommen im "Patriarchat"!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Entlassungen: Gekündigt - und jetzt?
Verwandte Themen

Fotostrecke
Arbeitsrechts-Urteile: Abgemahnt, gefeuert, geklagt

"Was kosten Sie? Sie müssen weg"

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil


Buchtipp

Social Networks