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Opernsängerin Ich bin ein Job-Mosaik

Patchwork-Beruf Opernsängerin: Überleben mit Musik Fotos
DPA

Eine schöne Stimme und Charisma sind noch kein Garant für ein Bühnenengagement. Das liegt auch am Sparzwang in der deutschen Kulturszene. Diana Petrova hat es besonders schwer: Sie ist lyrischer Koloratursopran.

Diana Petrova will singen. Möglichst oft. Möglichst vor großem Publikum. Und möglichst auf einer Bühne. Eine Festanstellung ist ihr großer Traum. So wie es von 2008 bis 2010 schon einmal war, als Petrova am Musiktheater im Revier (MiR) in Gelsenkirchen das Publikum begeisterte: als lyrischer Koloratursopran, so sagt man in der Fachsprache.

In ihrem Berufsalltag geht es meist weniger glamourös zu, sie kommt mit vielen verschiedenen Jobs über die Runden, einem "Berufsmosaik", wie es manchmal beschönigend heißt. Petrova gibt privaten Klavierunterricht, macht Stimmbildung, leitet Chöre und veranstaltet kleinere Konzerte. Damit finanziert die 32-Jährige ihren Unterhalt. Es könnte schlimmer sein. Aber die Künstlerin hat andere Vorstellungen.

Diana Petrova ist ein Opfer der jahrelangen Sparrunden im Kulturbetrieb. Die Bühnen besetzen immer weniger Rollen mit festen Mitarbeitern. Ihre sehr spezielle Frauenstimme macht die Sache nicht leichter. Ein Sopran wird öfter gebucht als ein höherer lyrischer Koloratursopran wie etwa in Mozarts "Die Entführung aus dem Serail", im "Rosenkavalier" von Richard Strauss oder in Verdis "Rigoletto". "Ich habe eine sehr hohe Stimme, die wird eher für ein Gastengagement gesucht. Mein Traum ist es trotzdem, mal für fünf Jahre an einer Bühne zu sein", sagt Petrova.

Aber sie kommt nicht unter. An ihrer Qualifikation liegt es nicht. Ausgebildet wurde Petrova in Russland. Sie lernte bei der Lehrerin, die auch Weltstar Anna Netrebko ausbildete. Sie studierte Musiktheorie, Dirigieren und Klavier an der St. Petersburger Universität der Künste. Ihre Gesangsausbildung schloss sie am Konservatorium Rimskij-Korsakow mit Prädikat ab. Ihre erste Oper sang Diana Petrova 2002 in Petersburg. Im Herbst 2005 begann die Sängerin ein Aufbaustudium in Zürich und gleichzeitig am Schweizer Opernstudio Biel. Während des Studiums nahm sie Meisterkurse, unter anderem bei dem Opernsänger Thomas Quasthoff.

"Die Musikschule war hart und die Erziehung wie in einem Internat", erinnert sich Petrova an ihre Kindheit und Jugend. Zudem war die Konkurrenz in der Ausbildung groß. Den Sprung auf die Musikhochschule schaffte sie erst im dritten Anlauf. Die Lehrer erkannten dann aber schnell ihr Talent und stuften sie eine Klasse höher ein.

Fassungslos und chancenlos

Nach den ersten Berufsjahren kam die Ernüchterung. Der Kulturbetrieb in Deutschland muss seit Jahren sparen. Bühnen und Sparten verschwinden ganz oder gehen Kooperationen mit Nachbarstädten ein. Feste Anstellungen für Künstler werden durch immer mehr Tagesverträge ersetzt. Dass Petrovas Engagement in Gelsenkirchen nach zwei Jahren auslaufen würde, war schon vor Vertragsabschluss klar. Fassungslos aber ist sie über die anschließende Chancenlosigkeit: "Seitdem hatte ich leider kein Angebot mehr. Das ist frustrierend."

In der Künstlersozialkasse (KSK), die bei Freiberuflern den Sozialversicherungsanteil der Arbeitgeber übernimmt, waren 2011 mehr als 1100 Sänger für Oper, Operette und Musical versichert. Rund 620 Sänger geben bei der KSK an, Lied- oder Oratoriensänger zu sein - alles Kandidaten für die Suche nach Aufträgen.

Dieser Zahl der Suchenden stehen die wenigen festen Stellen an den deutschen Musiktheatern gegenüber. Das Deutsche Musikinformationszentrum in Bonn führt Statistiken über das ständig beschäftigte künstlerische Personal. Insgesamt gab es bis Mitte der neunziger Jahre noch rund 16.800 Stellen. In der Spielzeit 2000/2001 waren es noch etwa 15.500 Stellen; über die folgenden zehn Jahre blieb diese Zahl etwa konstant.

Es gibt immer weniger Festanstellungen

Anders sieht es bei den Sängern aus. Hier gab es Mitte der neunziger Jahre noch über 1800 Stellen; seitdem ist das Angebot um rund 500 Stellen gesunken.

Stattdessen gibt es Zuwächse bei Gastverträgen. Zu dieser Sparte werden auch Künstler gezählt, die nur für einen Abend an eine Bühne kommen. In den vergangenen 15 Jahren stieg die Zahl der Gastverträge von fast 8000 auf knapp 14.000 - ein Plus von 75 Prozent.

Der Deutsche Bühnenverein kritisierte bereits 2009 den dauerhaften Abbau von Arbeitsplätzen und die zunehmende Anzahl von Gastverträgen. Direktor Rolf Bolwin schätzt die Lage drei Jahre später an den deutschen Bühnen zwar wieder als stabil ein. "Durch den Abschluss von Haustarifverträgen und den damit verbundenen Lohnverzicht hat sich die Situation deutlich verbessert. Aber es gibt einzelne Häuser mit großen Problemen wie Bonn, Hagen oder Wuppertal", sagt Bolwin.

Und nach seiner Einschätzung gilt nach wie vor: Wenn es finanziell knapp wird, sparen die Häuser zuerst am Personal. "Weniger Ensemble-Verträge sind dann gleichbedeutend mit einem Plus an Gastverträgen." Bei ständig wechselnden Künstlern aber fehle die Identifikation beim Publikum, befürchtet Bolwin.

Diana Petrova sieht das genauso. Sie würde sich gern länger an ihr Publikum gewöhnen - an einer festen Bühne.

Carsten Linnhoff, dpa/mamk

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