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01. Januar 2013, 11:30 Uhr

Briefmarken-Designerin

Kunst zum Ablecken

Sie sind klein, schmecken fies und werden ab 1. Januar drei Cent teurer. Trotzdem ist die Gestaltung von Briefmarken attraktiv, Grafiker reißen sich darum. Denn wer erreicht mit seinen Werken schon eine 100-Millionen-Auflage? Barbara Dimanski hat bereits 17 Marken entworfen.

Jeden Tag wird ein Bild von Barbara Dimanski abgeleckt, mit Farbe verschmiert oder in den Müll geworfen. Und sie ist auch noch stolz darauf. Dimanski ist seit 1997 eine von rund hundert Grafikern und Grafikerinnen, die regelmäßig eingeladen werden, um deutsche Briefmarken zu entwerfen. 17 ihrer Entwürfe haben es bislang an den Postschalter geschafft. Ihre Briefmarke zum 100. Geburtstag des Berliner Doms wurde 110 Millionen Mal gedruckt.

Für die Gestaltung der Briefmarken ist in Deutschland der Bundesfinanzminister zuständig. Themen darf aber jeder vorschlagen: Eine formlose E-Mail oder ein Brief an das Referat VIII A7 des Bundesfinanzministeriums genügt. Achthundert bis tausend Vorschläge gehen dort jedes Jahr ein. Rund fünfzig haben die Chance, verwirklicht zu werden.

Welche Themen auf den Briefmarken dargestellt werden sollen, darüber diskutiert der Programmbeirat. In diesem Gremium sitzen Politiker, Verwaltungsfachleute, Grafiker, Briefmarkensammler und Vertreter der Post. Haben sie sich auf ein Thema geeinigt, wird ein Wettbewerb ausgeschrieben, an dem aber nur ausgewählte Grafiker teilnehmen dürfen. Wer dazu gehören will, muss sich mit Lebenslauf und Arbeitsproben beim Kunstbeirat bewerben. Dieses Gremium wurde 1954 zum ersten Mal einberufen - nachdem die ersten Briefmarken der jungen Republik harsch kritisiert worden waren. Der Kunstbeirat entscheidet nun auch darüber, welcher Grafiker am Ende den Zuschlag für eine Marke bekommt.

Dimanski hat es gerade wieder geschafft: mit einer Sondermarke zum 200. Jahrestag der Erstausgabe von Grimms Märchen. Auf dem Bildchen ist ein Foto des vergilbten Märchenbuchs aus dem Jahr 1812 zu sehen, darüber laufen pastellfarbene Scherenschnittfiguren, die auf den ersten Blick wie Stockflecken wirken. Für den Entwurf habe sie in Archiven recherchiert und in alten Bänden von Grimms Märchen geblättert, erzählt Dimanski. Denn: "Ohne das eigene Erlebnis kann ich keine Briefmarken gestalten."

Ihre Leidenschaft für die Mini-Bildchen entdeckte sie während ihres Gebrauchsgrafik-Studiums an der Halleschen Burg Giebichenstein. Damals sollte sie als Übung eine Briefmarke gestalten. Keine leichte Aufgabe, denn sogar Motive, die als Plakat für sich stehen, wirken auf einer Fläche von nicht einmal vier mal vier Zentimetern oft belanglos. Weglassen ist gefragt, konzentrieren auf das Notwendigste. Dimanski macht das großen Spaß, zumal sie bei Briefmarken freie Techniken und klassische Typografie mixen kann, "eine tolle Verbindung", wie sie sagt.

Die Themen ihrer Briefmarken sind unterschiedlich. Eine widmet sich ihrer Heimatstadt Halle, eine andere erinnert an "20 Jahre Friedliche Revolution". Goethes "Faust" hat sie neu interpretiert, eine Kindermarke hat eine Maus als Motiv, und auf der Sondermarke "150 Jahre Deutscher Chorverband" reißen die Sänger ihre Münder weit auf - eine Hommage an Loriot.

dpa/vet

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