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Handgemachte Holzkohle Arbeiten auf dem Scheiterhaufen

Kein Tag ohne Qualm: Wie ein Köhler Holzkohle macht Fotos
Peter Ilg

Juristerei? Das war nichts für ihn. Georg Wengert entschied sich für das harte Handwerk, das schon sein Urururopa ausübte: Als Köhler stellt er Holzkohle her - in Mini-Vulkanen, mit Holz, Erde, Heu und Feuer. Die handgemachte Kohle kauft vor allem die Industrie.

Unweit der Autobahn 7 bei Heidenheim steigt weißer Rauch aus einem Erdhügel. Stark verkohlter Geruch hängt schwer in der Luft, in den Bäumen - und in der Schutzkleidung von Georg Wengert. Wenige Zentimeter unter seinen brandsicheren Schuhen glüht ein Schwelbrand mit über tausend Grad Celsius. Aus Buchenholz entsteht hier nach alter Tradition Holzkohle, seit gut 200 Jahren an derselben Stelle. Wengert ist in der sechsten Generation Köhler und betreibt eine der letzten professionellen Köhlereien Deutschlands.

90 Prozent seiner Kohle verkauft er an die Industrie. Die Schwäbischen Hüttenwerke in Aalen härten damit Bremsscheiben für Autos, Daimler in Stuttgart nutzt die gleichmäßig langanhaltende Hitze zum Reparieren von Formen, in denen Motorblöcke gegossen werden. Und Weleda in Schwäbisch Gmünd stellt daraus Kohle-Compretten gegen Durchfall her. Mit den restlichen zehn Prozent von Wengerts handgemachter Holzkohle wird gegrillt.

Das sei "ein Vergnügen", sagt Wengert: "Unsere Holzkohle glüht nach fünf Minuten, das hält bis zu zwei Stunden an." Es liege am hohen Kohlenstoffgehalt von 96 Prozent. Industriell hergestellte Holzkohle besteht nur aus circa 60 Prozent Kohlenstoff. Wengerts Qualität hat aber auch seinen Preis: 20 Euro für acht Kilo.

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And it burns, burns, burns: Grillen mit großem Geldbeutel
Eine Ausbildung zum Köhler gibt es nicht, die Alten geben ihr Wissen an die Jungen weiter. "Ich habe meiner Großmutter nachts die Laterne gehalten, damit sie etwas sieht, wenn sie auf dem Meiler die Löcher zugetreten hat", erzählt Wengert. Heute macht er das selbst: Der Kohldreck muss festgetreten werden, damit kein Sauerstoff ins Innere des Meilers gelangt. "Wenn der brennt, gehen vier Tage schwerer Arbeit ruckzuck in Rauch auf." Alle zwei Stunden muss man auf den glühenden Vulkan, damit er nicht ausbricht. Bei Wind und Wetter. Nachts und sonntags.

Geschlafen hat der kleine Georg damals in einer Waldhütte, unweit der Kohlplatten. Heute schläft er daheim und fährt die drei Kilometer zum heißen Arbeitsplatz mit dem Auto. Manchmal springt die 76 Jahre alte Mutter ein, auch sie Köhlerin, mit Leib und Seele. Sie hat ihrem Sohn das Handwerk beigebracht. Dass er einmal den Betrieb übernehmen würde, war allerdings nicht selbstverständlich.

Bei Regen ist die Kohle schneller fertig

Nach dem Abitur studierte Georg Wengert in Tübingen Jura - "ich wollte einen ordentlichen Beruf lernen". Nach dem erstem Staatsexamen arbeitete er in der Immobilienbranche. Und hielt es nur wenige Monate aus. Als Jurist habe man ständig "mit streitsüchtigen Menschen" zu tun, sagt Wengert. Das war nichts für ihn, "ich will mein eigener Herr sein". Als Köhler ist er das.

Das Holz kauft er bei den Eigentümern der umliegenden Wälder. Die Bäume fällt er selbst. Mit Traktor, Motorsäge und Spaltgerät geht das schneller und einfacher als noch vor hundert Jahren. Am Verfahren zur Herstellung von Holzkohle hat sich allerdings nichts geändert.

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Ausgestorbene Berufe: Die Wiedergänger
Die Holzscheite werden um eine Stange herum in zwei Lagen konzentrisch gestapelt, etwa 15 Festmeter, meist Buche, manchmal Birke. Das Holz wird mit Heu und Erde abgedeckt, die Stange abgesägt und an dieser Stelle ein Feuer als Initialzündung aufgesetzt. Das Feuer brennt nach innen, 15 Minuten später wird das Loch verschlossen. Die Luft zwischen den Holzscheiten reicht aus, um den Schwelbrand in Gang zu halten.

"Jeder Meiler ist verschieden", sagt der Köhler. Regelmäßig muss er die Löcher im Schutzmantel schließen. Bei starkem Wind ist die Gefahr größer, dass ein Feuer entfacht wird. Nach rund vier Tagen ist die Holzkohle fertig, bei Regen einen Tag früher als bei Sonnenschein, weil dann mehr Sauerstoff in der Luft ist, der den Schwelvorgang beschleunigt. Allerdings leidet die Qualität der Holzkohle unter der kürzeren Garzeit.

Im Winter geht Köhlern gar nicht. Dann fällt Wengert Bäume, spaltet das Holz, stapelt es zum Trocknen auf. "Köhlern ist schwere körperliche Arbeit, von der man nur leben kann, wenn man alles selbst macht." Wie es weitergeht, weiß er nicht. In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Holzpreis verdoppelt, 64 Euro kostet jetzt ein Festmeter. Die steigenden Einkaufspreise schmälern Wengerts Gewinn.

Neben den wirtschaftlichen Sorgen hat der Köhler auch ein Nachfolgeproblem: Er ist nicht verheiratet und hat keine Kinder. "Mir geht es wie den Bauern - eine Frau zum Geldausgeben findet man leicht, eine zum Mitarbeiten nur schwer."

  • Peter Ilg (Jahrgang 1960) arbeitet als freier Journalist in Aalen und schreibt vor allem über Berufe und Karrieren.

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insgesamt 20 Beiträge
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    Seite 1    
1. Es soll ja Firmen geben...
Koda 08.08.2013
die bestimmten Biomüll, den man sonst schwer loswerden bzw. kompostieren kann, zu Biokohle machen wollen, zum Einen als Bodenverbesserer zum Anderen um mit CO2-Zertifikate zu handeln, da das CO2 aus dem verkohlten Biomüll nicht mer in die Luft gelangt.
2. Warum Industrie?
Olaf53 08.08.2013
Eins wundert mich: Gute Holzkohle ist selten geworden, und meines Erachtens schmeckt ein Steak oder eine Bratwurst über guter Holzkohle wesentlich besser. Warum verkauft dieser Köhler nicht mehr an Privatleute, die ihren Gartengrill nutzen?
3.
TimmThaler 08.08.2013
Zitat von Olaf53Warum verkauft dieser Köhler nicht mehr an Privatleute, die ihren Gartengrill nutzen?
20 Eur für 8kg? Wenn im Baumarkt 10kg für 6 Eur zu haben sind? Das ist zwar billigster Dreck aus Tropenhölzern, der entweder nicht angeht oder keine Hitze bringt, aber das sehen die Leute ja nicht. Kurz: Weil die Leute harte Arbeit und gute Ware nicht zu schätzen wissen und nicht zu bezahlen bereit sind.
4. Warum Privat?
McMathew 08.08.2013
Auch den ersten Blick scheint es lukrativer zu sein an Privatleute zu verkaufen, doch ich bezweifle, dass er so die Mengen absetzen kann, die er produziert, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Und die meisten Privaten nehmen ihre Holzkohle doch im Supermarkt mit.
5. optional
hansmaus 08.08.2013
OHJE! Fassen wir mal zusammen: der Mann arbeitet in seinem Beruf gerne, kann davon offensichtlich leben, fackelt beruflich Holz ab und damit wird auch noch wehrloses totes Fleisch zum Verzehr gebracht.....Wann schreit der erste hier nach dem Staatsanwalt????
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