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26. Dezember 2012, 09:26 Uhr

Türmer mit Trompete

Fenster auf, ich muss arbeiten

Wenn Josef Thöne in seine Trompete bläst, hören jeden Tag Tausende zu. Sein Publikum sieht er aber nur in Ameisengröße. Denn beim Musizieren steht er als Türmer auf dem Hamburger Michel, in knapp 100 Metern Höhe. Für den Job ist viel Puste gefragt - schon für den Weg zur Arbeit.

279 Stufen muss Josef Thöne zweimal am Tag zu seinem Arbeitsplatz hochklettern. Jeden Morgen um 10 Uhr und jeden Abend um 21 Uhr packt er auf dem sogenannten Türmerboden der Hamburger St. Michaelis-Kirche, im Volksmund Michel, seine Trompete aus, öffnet ein kleines Fenster und beginnt zu spielen. In alle vier Himmelsrichtungen sendet er einen Choral, aus fast 100 Metern Höhe. Eine 300 Jahre alte Tradition, die es europaweit so nur noch in Hamburg gibt.

Thöne hat das Amt vor 17 Jahren übernommen, mehr aus Zufall: "Ich war ein junger Musikstudent, als mich der damalige Türmer fragte, ob ich ihn nicht während der Urlaubszeit vertreten könnte." Als sein Vorgänger dann in Rente ging, übernahm er 1995 dessen Job, den er sich mit seinem Kollegen Horst Huhn teilt. "Und ich habe es nicht bereut", sagt Thöne. "Es ist immer noch ein besonderes Erlebnis. Hier oben kann und darf man die Welt um sich herum für einen Moment vergessen."

Als Michel-Türmer brauche man "eine gut gehende Uhr" und müsse mit dem Kirchenjahr vertraut sein: "Wir beschäftigen uns mit Musik, die 300 Jahre alt ist, aber die Menschen immer noch berührt wie zur damaligen Zeit." Zum Nachdenken über das Leben anregen, das sei das Ziel der Musik aus dem Turm.

Der Brauch wurde während der Reformation in Hamburg eingeführt. Bis zur Aufhebung der Torsperre 1861 war der Trompeten-Choral auch das Zeichen für die Öffnung oder Schließung der damaligen Stadttore. "Früher war die Neustadt sehr dicht besiedelt. Da übernahm der Türmer auch eine Wächterfunktion und warnte vor Feuer oder Feinden", so Thöne.

Als der Turm 1906 abbrannte, baute die Gemeinde ein Gerüst auf, damit der Türmer weiterspielen konnte. Und selbst im Zweiten Weltkrieg, als links und rechts die Bomben fielen, harrte der Turmbläser aus. "Die haben trotzdem gespielt, die haben sich nicht beirren lassen, aus dem einfachen Grund: Die Menschen brauchen irgendetwas im Leben, woran sie sich festhalten können", sagt Thöne.

Er unterrichtet hauptberuflich als Musiklehrer an der Staatlichen Jugendmusikschule und leitet den Posaunenchor der St. Michaelis-Gemeinde. "Immer wieder sprechen mich Leute an, um mir zu sagen, wie sehr sie diese schlichten Melodien anrühren", sagt er. Besonders bewegt hat ihn die Geschichte der alten Dame, die in ein Altersheim musste: "Jeden Morgen um 10 Uhr hat ihre Tochter angerufen, damit sie den Choral übers Telefon hören konnte."

Carola Große-Wilde/dpa/vet

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