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Türmer mit Trompete Fenster auf, ich muss arbeiten

Von Beruf Türmer: Trompeten über den Dächern der Stadt Fotos
DPA

Wenn Josef Thöne in seine Trompete bläst, hören jeden Tag Tausende zu. Sein Publikum sieht er aber nur in Ameisengröße. Denn beim Musizieren steht er als Türmer auf dem Hamburger Michel, in knapp 100 Metern Höhe. Für den Job ist viel Puste gefragt - schon für den Weg zur Arbeit.

279 Stufen muss Josef Thöne zweimal am Tag zu seinem Arbeitsplatz hochklettern. Jeden Morgen um 10 Uhr und jeden Abend um 21 Uhr packt er auf dem sogenannten Türmerboden der Hamburger St. Michaelis-Kirche, im Volksmund Michel, seine Trompete aus, öffnet ein kleines Fenster und beginnt zu spielen. In alle vier Himmelsrichtungen sendet er einen Choral, aus fast 100 Metern Höhe. Eine 300 Jahre alte Tradition, die es europaweit so nur noch in Hamburg gibt.

Thöne hat das Amt vor 17 Jahren übernommen, mehr aus Zufall: "Ich war ein junger Musikstudent, als mich der damalige Türmer fragte, ob ich ihn nicht während der Urlaubszeit vertreten könnte." Als sein Vorgänger dann in Rente ging, übernahm er 1995 dessen Job, den er sich mit seinem Kollegen Horst Huhn teilt. "Und ich habe es nicht bereut", sagt Thöne. "Es ist immer noch ein besonderes Erlebnis. Hier oben kann und darf man die Welt um sich herum für einen Moment vergessen."

Als Michel-Türmer brauche man "eine gut gehende Uhr" und müsse mit dem Kirchenjahr vertraut sein: "Wir beschäftigen uns mit Musik, die 300 Jahre alt ist, aber die Menschen immer noch berührt wie zur damaligen Zeit." Zum Nachdenken über das Leben anregen, das sei das Ziel der Musik aus dem Turm.

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Kirchenmusiker: Mehr als nur Orgeln
Der Brauch wurde während der Reformation in Hamburg eingeführt. Bis zur Aufhebung der Torsperre 1861 war der Trompeten-Choral auch das Zeichen für die Öffnung oder Schließung der damaligen Stadttore. "Früher war die Neustadt sehr dicht besiedelt. Da übernahm der Türmer auch eine Wächterfunktion und warnte vor Feuer oder Feinden", so Thöne.

Als der Turm 1906 abbrannte, baute die Gemeinde ein Gerüst auf, damit der Türmer weiterspielen konnte. Und selbst im Zweiten Weltkrieg, als links und rechts die Bomben fielen, harrte der Turmbläser aus. "Die haben trotzdem gespielt, die haben sich nicht beirren lassen, aus dem einfachen Grund: Die Menschen brauchen irgendetwas im Leben, woran sie sich festhalten können", sagt Thöne.

Er unterrichtet hauptberuflich als Musiklehrer an der Staatlichen Jugendmusikschule und leitet den Posaunenchor der St. Michaelis-Gemeinde. "Immer wieder sprechen mich Leute an, um mir zu sagen, wie sehr sie diese schlichten Melodien anrühren", sagt er. Besonders bewegt hat ihn die Geschichte der alten Dame, die in ein Altersheim musste: "Jeden Morgen um 10 Uhr hat ihre Tochter angerufen, damit sie den Choral übers Telefon hören konnte."

Carola Große-Wilde/dpa/vet

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insgesamt 8 Beiträge
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1. optional
Altesocke 26.12.2012
Klettert er wirklich hinauf? Oder nimmt er doch eher den Fahrstuhl, und klettert , eh, steigt er ~180 Stufen hinab zur Arbeit? Um dann die erstgenannten 279 Stufen zum Verlassen der Turmes nach unten zu nehmen. ;-]
2. Lange ist´s her
paddykraut 26.12.2012
Witzig, nach über 20 Jahren einen Artikel über meinen früheren "Trompeten-Lehrer" zu lesen... Aber, lieber Josef, den Gesang der Meerjungfrauen aus der Oper Oberon kann ich noch.. :-)
3. Nicht einzigartig in Europa
Maetze 26.12.2012
Schlecht recherchiert, Frau Große-Wilde. Der Turm der Marienkirche in Krakau ist zwar nur 54m hoch, aber dennoch läutet dort seit dem 14ten Jahrhundert ein Feuerwehrmann zu jeder vollen Stunde die Sturmglocke und bläst ein Trompetensignal (Hejnał) in alle vier Himmelsrichtungen, dann bricht er mitten im Spiel ab. Das soll an den Tatarenangriff im Jahr 1241 erinnern, bei dem ein Trompeter beim Blasen des Alarmsignals von einem Pfeil getötet worden war, die Stadt aber rettete. Im Übrigen überträgt Radio Krakau das Signal zur Mittagszeit seit 1927. Die älteste ständig ausgestrahlte Radiosendung der Welt.
4. Auf nach Krakau
dröhnbüdel 26.12.2012
Maetze hat recht, der Turmbläser vom Hamburger Michel ist eben nicht einmalig in Europa. Das Trompetensignal vom Turm der "Mariacka" in Krakau ist auch eine Touristenattraktion. Doch auch sonst lohnt sich eine Reise in Polens "heimliche Hauptstadt", für mich eine der schönsten und lebendigsten Städte Europas. Aber das Urteil "schlecht recherchiert" unterschreibe ich trotzdem nicht. Auch gute Journalisten können nicht alles wissen und auch nicht jede Geschichte bis in jedes Detail recherchieren. Das nennt man dann totrecherchieren. Außerdem: Polen ist zwar unser direkter Nachbar, im Bewusstsein der meisten Deutschen aber immer noch mindestens so weit weg wie Usbekistan. Also: Auf nach Krakau. es gibt Direktflüge von Berlin und inzwischen auch von Hamburg.
5. Sein Kollege Horst Huhn ...
Was bedeutet das alles? 27.12.2012
... wurde 2006 vorgestellt: Hamburg von oben: In die Tüte blasen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/staedte/hamburg-von-oben-in-die-tuete-blasen-a-423560.html)
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