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Lampenfieber Pille und Promille im Orchestergraben

Voller Klang und volle Dröhnung: Profisänger und Musiker in klassischen Orchestern greifen oft zu Alkohol und Tabletten. Viele können das Lampenfieber kaum ertragen, leiden an massiver Bühnenangst. Insider berichten über ein Leben zwischen Valium und Adrenalin.

Bombastische Musik, große Gefühle, irrsinniger Druck. Hinter den Opernkulissen tobt der pure Stress, täglich. Wie geht man als Profimusiker damit um? "Es gibt viele Kollegen, die versuchen, sich mit Alkohol freizuspielen", sagt Guido Sterzl, der als Bass im Chor der Kölner Oper singt. "Manche Musiker haben nach der Vorstellung acht Flaschen Bier getrunken. In der Pause sieht man oft den Tisch vor lauter Flaschen nicht mehr. Ich wundere mich immer, dass die keine Ausfälle haben."

Ohne Tabletten oder Alkohol können viele Musiker überhaupt nicht spielen. In der Szene ist das ein offenes Geheimnis. Und zugleich ein großes Tabu: Die Angst des Künstlers vor dem Rampenlicht passt nicht zum Image des großen Klassik-Genius.

Willibert Steffens, langjähriger Hornist im Sinfonieorchester Münster, kennt die Angst: Vor allem wenn ein Solo zu spielen war, fürchtete er den "zittrigen Ton" und hatte Panik, dass nur "ein Kieks" rauskam, erzählt er. Ein, zwei Bierchen, damit wollte er sich beruhigen. Auch Valium hat er probiert, aber das machte ihn zu müde. Ein Kollege aus Bayreuth empfahl ihm schließlich die in der Branche so verbreiteten rosa Pillen: Betablocker wirken gegen den Kloß im Hals und helfen, wieder frei zu atmen.

"Ich habe die Tabletten dann noch geviertelt, aber schnell gemerkt: Ich bin viel lockerer", sagt Steffens. Doch die Pillen hatten auch einen Nachteil: Sie machten gleichgültig. Der Adrenalin-Kick, der zu einem Konzert dazugehört, war weg. Das Glücksgefühl, das nach der Vorstellung durch den Körper strömt, sei ohne Doping einfach besser, meint Steffens.

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Patchwork-Beruf Opernsängerin: Überleben mit Musik
Laut einer Studie der Universität Paderborn aus dem Jahr 2012 leiden 13 Prozent der Orchestermusiker "stark" unter Lampenfieber und weitere 30 Prozent "mittelstark". Ein Musiker oder Sänger ist vor einem Auftritt in einer tückischen Situation: Er braucht das Lampenfieber, um auf die Höhe seiner Konzentrationsfähigkeit zu kommen. Wird es jedoch zu groß, droht es, ihn zu verschlingen.

Peer Abilgaard ist ausgebildeter Countertenor, Musikmediziner und Chefarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Helios-Klinikum in Duisburg und meint: "Es gibt fast nichts Schlimmeres, als wenn man auf die Bühne tritt, und man ist unterspannt, also ohne Lampenfieber. Plötzlich sind die Musiker richtig schlecht."

Zum Problem wird Lampenfieber erst, wenn es sich in Bühnenangst verwandelt. "Der Körper reagiert mit einer klassischen Kampf-oder-Flucht-Reaktion", sagt Michael Bohne, Auftrittscoach in Hannover. Die großen Muskelgruppen werden stark durchblutet, der Herzschlag und die Atmung beschleunigt, der Körper sammelt alle Energiereserven, um zu fliehen. "Wenn man nun aber gar nicht kämpft oder flieht, hat man zu viel Adrenalin, das nicht abgearbeitet wird."

Nasenbluten vor dem Auftritt

Nicht wenige Hochbegabte brechen schon im Studium zusammen. Kopfschmerzen, Übelkeit oder Rückenschmerzen nennt Ulrike Kirchberg vom Sächsischen Musikrat als typische Leiden von etwa zehn bis 15 Prozent der Jugendlichen, die im Landesjugendorchester oder im Jugend-Jazzorchester Sachsen musizieren. "Mir ist in den letzten fünf Jahren aufgefallen, dass sich die Beschwerden häufen", sagt Kirchberg. "Manche haben kurz vor dem Konzert ganz starkes Nasenbluten."

Die Arbeitsmarktsituation erhöht den Druck. Etwa 1000 Musiker strömen pro Jahr aus den deutschen Hochschulen, um die Jobs konkurrieren sie mit top ausgebildeten Bewerbern aus der ganzen Welt. "Bis zu 100 Absolventen bewerben sich bei uns in Münster auf eine Stelle als Klarinettist oder Bläser, bei den Streichern sind es etwas weniger", sagt Hornist Willibert Steffens.

Musiker sind in einer ähnlichen Situation wie Sportler im Wettkampf - nur haben sie weniger Ruhephasen und können noch nicht mit 30 ans Karriereende denken. Sänger Guido Sterzl weiß, wie es ist, wenn der Druck zu hoch wird. Er fürchtete um seine Stelle in einem Rundfunkchor - und plötzlich ging nichts mehr. "Da macht man dann den Goldfisch", sagt er. Man bewegt nur noch die Lippen.

Kirchberg hat sich in Sachsen um musikmedizinische Betreuung für den Nachwuchs bemüht. Bei den Probewochen gab es zwischen den Orchesterproben Tai-Chi, Yoga, Atemübungen, Krafttraining oder Gespräche. Der Erfolg sei sogar hörbar gewesen, sagt sie: "Die haben energiereicher gespielt."

Auch Gabriele Rossmanith, Solistin der Hamburger Staatsoper, wünscht sich, dass mehr Kollegen professionell begleitet werden. Sie selbst hat ein Bühnen-Coaching durchlaufen und sich danach "freier, besser und ausdrucksstärker" gefühlt. "Ich bin nicht mehr so mit dem Funktionieren beschäftigt", sagt sie. "Dass einem die Angst vor einem falschen Ton den ganzen Abend ruiniert, das ist doch krank."

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Margarete Hucht (Jahrgang 1968) ist freie Journalistin in Berlin.

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insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Aus Liebe zur Musik
ironbutt 06.03.2013
sollte man besser nicht Orchestermusiker werden. Diese Liebe kann man auch sehr gut zu Hause ausleben - und muss dies nicht auf der Bühne vor Publikum tun. Wer aber von seiner Liebe leben und dafür bezahlt werden will, der muss eben seine Leistung vor Publikum bringen; sonst ist er im falschen Geschäft! ........ Jede Parallele ist ebenso eindeutig wie selbstverständlich.
2.
!!!Fovea!!! 06.03.2013
Zitat von sysopVoller Klang und volle Dröhnung: Profi-Sänger und Musiker in klassischen Orchestern greifen oft zu Alkohol und Tabletten. Viele können das Lampenfieber kaum ertragen, leiden an massiver Bühnenangst. Insider berichten über ein Leben zwischen Valium und Adrenalin. Lampenfieber bei Profimusikern: Stress vor dem Auftritt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/lampenfieber-bei-profimusikern-stress-vor-dem-auftritt-a-886446.html)
Das zu lesen wird aber den Vertretern der klassichen Musik nicht passen, die der Rockmusik immer unterstellten, dass drogenabhängige Krachmacher sind, die keinen künstlerischen Effekt erstellen.
3. Tja, falscher Beruf
BettyB. 06.03.2013
Auch wer sein Hobby zum Beruf machen will, sollte sich überlegen, in welches "Haifischbecken" er sich begibt und ob er Lust und Kraft zum Schwimmen hat. Leider merken aber viele viel zu spät, dass sie es beim Hobby hätten belassen sollen, und wissen dann nicht, wovon sie anstelle der Musik leben sollen.
4.
Doc Holliday 06.03.2013
Zitat von sysopVoller Klang und volle Dröhnung: Profi-Sänger und Musiker in klassischen Orchestern greifen oft zu Alkohol und Tabletten. Viele können das Lampenfieber kaum ertragen, leiden an massiver Bühnenangst. Insider berichten über ein Leben zwischen Valium und Adrenalin. Lampenfieber bei Profimusikern: Stress vor dem Auftritt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/lampenfieber-bei-profimusikern-stress-vor-dem-auftritt-a-886446.html)
Das ist ziemlich uebertrieben. Mein Vater war Solo-Klarinettist und hat weder Alkohol noch Pillen genommen. Dafuer hat er aber soviel geuebt, dass er sich sicher war, dass sein Solo gelingt.
5. Da kann man durch nur den Kopf schütteln
compuholic 06.03.2013
Manchmal frage ich mich, was in den Köpfen solcher Leute vorgeht. Wenn ich Flugangst habe, wähle ich doch sicher nicht Flugbegleiter oder Pilot als meinen Beruf. Wenn ich Höhenangst habe, werde ich ja sicher nicht auf die Idee kommen, dass ich gerne Hochspannungsleitungen repariere. Und es ist ja nicht so, dass die Anforderung auf einer Bühne zu stehen, überraschend kommt und man es einfach tun muss.
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