Von Margarete Hucht
Bombastische Musik, große Gefühle, irrsinniger Druck. Hinter den Opernkulissen tobt der pure Stress, täglich. Wie geht man als Profimusiker damit um? "Es gibt viele Kollegen, die versuchen, sich mit Alkohol freizuspielen", sagt Guido Sterzl, der als Bass im Chor der Kölner Oper singt. "Manche Musiker haben nach der Vorstellung acht Flaschen Bier getrunken. In der Pause sieht man oft den Tisch vor lauter Flaschen nicht mehr. Ich wundere mich immer, dass die keine Ausfälle haben."
Ohne Tabletten oder Alkohol können viele Musiker überhaupt nicht spielen. In der Szene ist das ein offenes Geheimnis. Und zugleich ein großes Tabu: Die Angst des Künstlers vor dem Rampenlicht passt nicht zum Image des großen Klassik-Genius.
Willibert Steffens, langjähriger Hornist im Sinfonieorchester Münster, kennt die Angst: Vor allem wenn ein Solo zu spielen war, fürchtete er den "zittrigen Ton" und hatte Panik, dass nur "ein Kieks" rauskam, erzählt er. Ein, zwei Bierchen, damit wollte er sich beruhigen. Auch Valium hat er probiert, aber das machte ihn zu müde. Ein Kollege aus Bayreuth empfahl ihm schließlich die in der Branche so verbreiteten rosa Pillen: Betablocker wirken gegen den Kloß im Hals und helfen, wieder frei zu atmen.
"Ich habe die Tabletten dann noch geviertelt, aber schnell gemerkt: Ich bin viel lockerer", sagt Steffens. Doch die Pillen hatten auch einen Nachteil: Sie machten gleichgültig. Der Adrenalin-Kick, der zu einem Konzert dazugehört, war weg. Das Glücksgefühl, das nach der Vorstellung durch den Körper strömt, sei ohne Doping einfach besser, meint Steffens.
Peer Abilgaard ist ausgebildeter Countertenor, Musikmediziner und Chefarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Helios-Klinikum in Duisburg und meint: "Es gibt fast nichts Schlimmeres, als wenn man auf die Bühne tritt, und man ist unterspannt, also ohne Lampenfieber. Plötzlich sind die Musiker richtig schlecht."
Zum Problem wird Lampenfieber erst, wenn es sich in Bühnenangst verwandelt. "Der Körper reagiert mit einer klassischen Kampf-oder-Flucht-Reaktion", sagt Michael Bohne, Auftrittscoach in Hannover. Die großen Muskelgruppen werden stark durchblutet, der Herzschlag und die Atmung beschleunigt, der Körper sammelt alle Energiereserven, um zu fliehen. "Wenn man nun aber gar nicht kämpft oder flieht, hat man zu viel Adrenalin, das nicht abgearbeitet wird."
Nasenbluten vor dem Auftritt
Nicht wenige Hochbegabte brechen schon im Studium zusammen. Kopfschmerzen, Übelkeit oder Rückenschmerzen nennt Ulrike Kirchberg vom Sächsischen Musikrat als typische Leiden von etwa zehn bis 15 Prozent der Jugendlichen, die im Landesjugendorchester oder im Jugend-Jazzorchester Sachsen musizieren. "Mir ist in den letzten fünf Jahren aufgefallen, dass sich die Beschwerden häufen", sagt Kirchberg. "Manche haben kurz vor dem Konzert ganz starkes Nasenbluten."
Die Arbeitsmarktsituation erhöht den Druck. Etwa 1000 Musiker strömen pro Jahr aus den deutschen Hochschulen, um die Jobs konkurrieren sie mit top ausgebildeten Bewerbern aus der ganzen Welt. "Bis zu 100 Absolventen bewerben sich bei uns in Münster auf eine Stelle als Klarinettist oder Bläser, bei den Streichern sind es etwas weniger", sagt Hornist Willibert Steffens.
Musiker sind in einer ähnlichen Situation wie Sportler im Wettkampf - nur haben sie weniger Ruhephasen und können noch nicht mit 30 ans Karriereende denken. Sänger Guido Sterzl weiß, wie es ist, wenn der Druck zu hoch wird. Er fürchtete um seine Stelle in einem Rundfunkchor - und plötzlich ging nichts mehr. "Da macht man dann den Goldfisch", sagt er. Man bewegt nur noch die Lippen.
Kirchberg hat sich in Sachsen um musikmedizinische Betreuung für den Nachwuchs bemüht. Bei den Probewochen gab es zwischen den Orchesterproben Tai-Chi, Yoga, Atemübungen, Krafttraining oder Gespräche. Der Erfolg sei sogar hörbar gewesen, sagt sie: "Die haben energiereicher gespielt."
Auch Gabriele Rossmanith, Solistin der Hamburger Staatsoper, wünscht sich, dass mehr Kollegen professionell begleitet werden. Sie selbst hat ein Bühnen-Coaching durchlaufen und sich danach "freier, besser und ausdrucksstärker" gefühlt. "Ich bin nicht mehr so mit dem Funktionieren beschäftigt", sagt sie. "Dass einem die Angst vor einem falschen Ton den ganzen Abend ruiniert, das ist doch krank."
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