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23. Januar 2013, 12:13 Uhr

Beamtenprüfung

Gesund für einen Tag

Von Ann-Kristin Mennen

Zu dick, zu alt, zu krank - wer frühzeitig arbeitsunfähig werden könnte, wird nicht Beamter. Mit gravierenden finanziellen Folgen. Doch die Auslese ist undurchsichtig und schützt den Staat nicht vor dem eigentlichen Problem.

Jasmin Bauer*, 32, ist nervös, als sie das Gesundheitsamt in Emden betritt. Die Waage, die eine Mitarbeiterin unter dem Schreibtisch hervorgezogen hat, zeigt 112 Kilo bei 1,72 Meter. Bauer schwitzt. Es geht um viel. Um ihre Gesundheit, um Geld, um Sicherheit. "Erhöhter Blutdruck", attestiert der Amtsarzt. Das sei die Aufregung, erklärt die Sportlehrerin. Sie habe sonst immer gute Werte. Aber heute nicht, und nur heute zählt. Die Verbeamtung auf Lebenszeit bleibt ihr verwehrt.

Es ist ein Bescheid mit finanziellen Folgen: Bei gleichem Bruttogehalt bleiben der Grundschullehrerin monatlich netto rund 450 Euro weniger als ihren verbeamteten Kollegen, denn als Angestellte zahlt Bauer alle Sozialabgaben. Weniger Lohn für die gleiche Arbeit, Verantwortung und Qualifikation. "Ich arbeite 60 Stunden die Woche. Klar ist das ungerecht", sagt die junge Lehrerin. Aber einen Rechtsanspruch auf Verbeamtung gibt es nicht.

"Es ist legitim, dass der Staat sich für eine Alimentationszulage bis zum Lebensende nur gesunde Leute einkauft", sagt Gesa Bruno-Latocha von der Bildungsgewerkschaft GEW. Das ist im Interesse der Steuerzahler: Scheidet ein Beamter nämlich früher aus dem Dienst aus, muss der Staat ihn lebenslang alimentieren. Also wird selektiert. Wer zu alt, krank oder gesundheitlich gefährdet ist, wird nur angestellt. Von bundesweit 850.000 Lehrern arbeiten 205.000 im Angestelltenverhältnis, die meisten allerdings in Bundesländern, die nicht verbeamten. Die Liste ihrer Nachteile ist lang: weniger Nettolohn, weniger Altersbezüge, weniger Zulagen, weniger Absicherung.

Jasmin Bauer weiß, dass ihr Gewicht ein Gesundheitsrisiko darstellt. Und doch findet sie die Auswahl ungerecht: "Ich rauche nicht, trinke nicht. Nur dass ich zu dick bin, das sieht man eben sofort. Warum werden nur die Dicken bestraft?" Ob der Alkohol- und Nikotinkonsum des Anwerbers kontrolliert wird, lassen viele Bundesländer auf Anfrage im Unklaren. Aus Bremen heißt es hierzu: "Das wird für den Amtsarzt kaum zu kontrollieren sein." Dabei besteht gerade bei Rauchern ein hohes Risiko, zu erkranken, sagt Ernährungsmediziner Alfred Wirth: "Die Gefahr ist oft größer als bei Übergewicht." Dennoch ist für die Hamburger Schulbehörde Nikotin "kein Ablehnungsgrund". Der Nikotinkonsum könne "abrupt aufgegeben werden", heißt es als Begründung.

"Diät machen und wiederkommen"

Auch die überflüssigen Pfunde können und sollen abrupt verschwinden. "Diät machen und wiederkommen", riet der Amtsarzt Jasmin Bauer. Denn jeder Anwerber bekommt eine zweite Chance. Wer in der Nachuntersuchung das ersehnte Gesundheitszeugnis ergattert, wird nie wieder kontrolliert. Mancher schafft es, sich genau zum Termin zurecht zu hungern, ganz gleich, ob das gesund ist.

"Irgendwie absurd", findet Bauer. "Ich kenne Lehrer, die haben zwar abgenommen, aber hatten nach der Verbeamtung bald doppelt so viel drauf." Auch Ernährungsmediziner Wirth weiß aus Erfahrung: "Wer radikal abnimmt, hält das Gewicht in der Regel nicht."

Für Unmut unter Lehrern sorgen zudem unterschiedliche Maßstäbe bei der Verbeamtung, sagt Gewerkschafterin Bruno-Latocha. "Die einen Bundesländer handeln restriktiv, die anderen sind großzügiger." Laut Definition beginnt ab einem Body-Maß-Index (BMI) von 30 die Fettleibigkeit. Hier setzt das Bundesland Bremen die Grenze, bei mehr als 30 wird "in der Regel nicht verbeamtet". Keine Angabe zu Gewichtsgrenzen trifft Niedersachsen: Es gebe keinen absoluten BMI, entscheidend bei Übergewicht seien vielmehr "Alter, Muskelmasse und Körperfettverteilung". Bei einem BMI von 30 bis 34,9 steht einer Verbeamtung in Bayern "grundsätzlich nichts im Wege". Noch generöser ist Hamburg: "Ein BMI über 40 ist ein Ablehnungsgrund", heißt es dort. Jasmin Bauers BMI liegt bei 37,9.

Depression und Burnout sind nicht vorhersehbar

So sehr die Länder mit ihren Vorgaben Ausfälle zu vermeiden suchen, so nachlässig sind sie bei der Aufklärung ihres Krankenstands. Das Bildungsministerium Rheinland-Pfalz schreibt: "Soweit der Dienstherr überhaupt von den medizinischen Gründen der Dienstunfähigkeit erfährt, erfolgt keine statistische Erfassung." Auch in den meisten anderen Bundesländer wird - so heißt es - aus Datenschutzgründen keine Krankenstatistik geführt. Die Annahme, Übergewicht führe gehäuft zur Berufsunfähigkeit, wird in keinem Bundesland durch Statistiken untermauert.

Erstaunlicherweise wissen dennoch alle Ministerien zu berichten, was die häufigste Ursache für Ausfälle ist: Depressionen, Burnout, psychische Erkrankungen aller Art. Sie alle sind die Folge übermäßiger Stressbelastung im Beruf und damit für den Amtsarzt zum Zeitpunkt der Verbeamtung kaum vorhersehbar.

Diese Verbeamtungspraxis der Länder anzufechten, hält die GEW dennoch für aussichtslos. Die Gewerkschaft konzentriert sich auf den Kern des Konflikts: "Wir kämpfen dafür, die Bruttogehälter der Angestellten zu verbessern", sagt Bruno-Latocha. "Denn das eigentliche Problem ist doch, dass Angestellte finanziell nicht gleichgestellt sind." Jasmin Bauer denkt heute trotzdem nur noch selten an eine Diät: "Mein Traum hat sich erfüllt. Schon als kleines Mädchen wollte ich Lehrerin werden."

* Name von der Redaktion geändert

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