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Bierselige britische Banker Druckbetankung nach Feierabend

Feierabend im Finanzdistrikt: Abgeworben in der Happy Hour Fotos
Getty Images

Abgeworben in der Happy Hour: Das Feierabendbier ist eine geheiligte Tradition in Großbritannien. Viele Banker treffen sich zum Smalltalk bei drei, vier Gläsern Ale. Im Pub schalten sie vom Job ab - oder bekommen einen neuen angeboten.

"Open as usual" steht über dem Pub gleich am Ausgang der U-Bahnstation Liverpool Street. Drinnen läuft Sky Sports, am Tresen gibt es "Old Speckled Hen" und "Abbot Ale" vom Fass. Man ist stolz auf die frühen Öffnungszeiten, schon morgens um acht Uhr geht es los.

Vergangene Woche war die Traditionstaverne in der Londoner City der Schauplatz denkwürdiger Szenen. Am Dienstagmorgen klopften die ersten Kunden bereits um 7.40 Uhr ans Fenster. Es waren Mitarbeiter der Schweizer Großbank UBS, die nicht mehr ins Büro konnten. Sie hatten gerade erfahren, dass sie entlassen waren, und ihre Sicherheitskarten waren gesperrt.

Sie waren arbeitslos, also bestellten sie erst mal ein Pint. "Anfangs waren es ungefähr zwanzig, im Laufe des Vormittags wurden es immer mehr", erzählt Kneipenmanagerin Kinga, 29. Die Polin arbeitet seit fünf Jahren in dem Pub, das direkt gegenüber vom UBS-Hochhaus liegt und damit für viele Mitarbeiter ein zweites Wohnzimmer ist.

Vier Mojitos zum Einstieg

Normalerweise kommen die Banker aber erst später am Tag. Das Feierabendbier ist in Londons Finanzviertel wie im Rest Großbritanniens eine geheiligte Tradition. Auf dem Weg zur U-Bahn schnell noch ein Pint Ale, ein bisschen Small Talk, dann lässt sich die lästige Pendelei in der Metropole leichter ertragen.

"Nach einem stressigen Tag muss man erst mal runterkommen", sagt Erol Osman, 41, der für eine Versicherung arbeitet. "Dampf ablassen, mit Kumpeln abhängen, Kontakte knüpfen."

Jeden Donnerstag und Freitag haben die Pubs und Weinbars in der Innenstadt Hochkonjunktur. Die City, wie die Finanzbranche kurz genannt wird, ist heute auf zwei Hauptstandorte verteilt: die traditionelle "Square Mile" rund um die Bank of England und Canary Wharf, ein in den neunziger Jahren gebautes Hochhausviertel in den früheren Docklands.

Im Smollensky's, einer modernen Bar zwischen den Banktürmen der Canary Wharf, wird es um sechs Uhr abends schlagartig voll. Tony Brown, 38, kommt mit vier Mojitos an den Stehtisch im Freien. "Happy Hour", ruft er. Zwei Getränke zum Preis von einem, genug, um Brown ein Grinsen aufs Gesicht zu zaubern. Er arbeitet im IT-Support auf dem Trading-Floor großer Banken und freut sich auf die nächsten beiden Stunden. So lange dauert die Happy Hour.

Die Wohnungen sind klein, der Andrang im Pub groß

"Das britische Feierabendbier ist einzigartig", sagt Brown. Nach mehreren Jahren im Ausland glaubt er, dieses Urteil fällen zu können. Er hat in Amsterdam und Australien gearbeitet, gerade ist er von einem einjährigen Aufenthalt in Singapur zurückgekommen. Auch dort werde natürlich nach der Arbeit mal was getrunken, aber es habe nicht die gleiche soziale Bedeutung wie daheim in England, sagt er. In London sei es geselliger, man komme leichter ins Gespräch mit Fremden. "Weil die Wohnungen in London so klein sind, verbringt man eben mehr Zeit im Pub."

Kneipenwirtin Kinga hält die britische Tradition für sehr speziell. "Es heißt immer, wir Polen trinken eine Menge", sagt sie. Doch das sei nichts im Vergleich zu dem, was sie in London erlebe. Schon zum Mittagessen schütte so mancher Kunde zwei Pints hinunter. "Und auch die Frauen trinken."

Osman berichtet von gelegentlichen ausgedehnten Mittagessen mit reichlich Alkohol. Zwei, drei Bier könne er trinken und dann weiter arbeiten, sagt er. Dass er das dürfe, habe er seinen Chefs zu verdanken. Die seien "old school", sagt er, und tränken auch selbst gern mittags ein paar Gläser Wein. Seine Firma sei in der Hinsicht aber eine Ausnahme.

Immer mehr Asketen

Insgesamt ist der Lunch mit Alkohol in der City stark zurückgegangen. Stattdessen dominieren die pflichtbewussten, asketischen Typen, die ihr Sandwich mit Wasser herunterspülen - und die allergisch auf das Image der saufenden Banker reagieren. In den Großbanken ist Alkohol während der Arbeitszeit in der Regel verboten. "Bei HSBC musste man nach Hause gehen, wenn der Chef eine Fahne gerochen hat", sagt Osman.

Nach der Arbeit fließt das Bier dafür umso reichlicher. Früher waren die engen Straßen in der Square Mile und die windigen Plätze von Canary Wharf nach Büroschluss tot. Die meisten Angestellten konnten nicht schnell genug nach Hause kommen. Seit einigen Jahren jedoch öffnen immer neue Kneipen und Weinbars, am späten Nachmittag bilden sich auf den Bürgersteigen davor Menschentrauben. Der Grund: Die einstigen Büroviertel sind zunehmend auch bewohnt und werden so zum Lebensmittelpunkt.

Das Feierabendbier dient jedoch längst nicht nur dem Vergnügen. So manche Karriere hat im Pub den entscheidenden Schub erhalten. "Die Recruiter schleichen in den Bankerkneipen herum wie die Geier", sagt Brown. Er selbst sei auch schon mal abgeworben worden. "Das war eine richtige Happy Hour."

  • Carsten Volkery (Jahrgang 1973) ist Großbritannien-Korrespondent von SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 36 Beiträge
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1. ...nüchtern nicht zu ertragen
verdummterwähler 09.11.2012
...so ein Tag mit Zwangsräumungen, Defaultswaps, Kundenbescheissen, Angebote andrehen, die keiner versteht und die nur unter schwerem Alkoholgenuss gesabbert worden sein können. Und trotzdem sind mir dise trinken Rowdies viel symphathischer - weil einfach ehrlicher. Sie sind Abschaum und sie zeigen sich auch so. Mein bankberater, der mich tausende Euros gekostet hat, ist ein asketischer Halbbrillenträger und Wassertriker, der mir - völlig nüchtern - auf meine Beschwerde doch tatsächlich sagte:"Wir sind ehrliche Kaufleute....." Dann lieber saufen und kotzen statt umgekehrt.
2. Das muss sein!
wortfeil25 09.11.2012
Am Abend müssen die Gauner doch miteinander auf die Schenkel klopfen um über die zu lachen, die man an dem Tag über den Tisch gezogen hat? Dann muss der Druck raus und gemeinsam lässt sich das bisschen gewissen, das sich evtl. noch in der hintersten Ecke rührt - "niedergetrunken" werden. Ich weiss nicht recht, ob mir die Banker mit dem "Saufsyndrom" nicht lieber sind, als die Asketen??? Die Säufer zeigen wenigstens noch Gefühl - wie auch immer - aber es sind in der Regel Genussmenschen, für die manchmal noch gilt - "leben und leben lassen"? Aber die Asketen, das sind meist Psychopaten, die das aus Sadismus machen und keinerlei Mitleid kennen?
3. Glücklich saufendes England ...
haraldstrauß 09.11.2012
du hast es gut. Und was erlebt man in D: Da trinken die Kollegen auch abends höchstens ein Glas Wasser, weil sie nach Hause müssen, zur teutonischen Mutti ....
4. Die Leber wächst mit ihren Aufgaben
rossdamisch 09.11.2012
darüber schrieb schon Eckart von Hirschhausen. Wie lange wird es dauern, bis bei einem solchen Alkoholmissbrauch die Briten alle zu Alkoholikern werden. Haben diese Bänker eigentlich keine Familien, die auf sie warten?
5. Zustimmung
trader_07 09.11.2012
Zitat von haraldstraußdu hast es gut. Und was erlebt man in D: Da trinken die Kollegen auch abends höchstens ein Glas Wasser, weil sie nach Hause müssen, zur teutonischen Mutti ....
Ja, das ist leider vielfach so. Passt aber auch irgendwie zur notorischen Jammer- und Nörgel-Einstellung. Zerstreuung? Geselligkeit? Spaß? - igitt.
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