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06. Oktober 2011, 16:19 Uhr

Männer in Frauenberufen

"Sind das alles Ihre Kinder?"

Protokolle: , Marie-Charlotte Maas, und

Lästernde Kollegen, skeptische Kunden: Auch Männer werden im Beruf diskriminiert. Manche Jobs sind so fest in Frauenhand, dass die wenigen Männer dort um Gleichberechtigung ringen müssen. Wie ist es, als Tagesvater oder Sekretär zu arbeiten? Fünf Pioniere berichten.

Jeanne d'Arc, so will es die Legende, kämmte sich die Haare zurück und zog eine Kutte über, um in den Krieg zu ziehen wie ein Kerl. Heute sind Frauen in der Armee kein Naturereignis mehr - im Gegensatz zu Männern, die mit einer Horde Kinder auf dem Spielplatz spielen, die Frauen die Nägel lackieren oder fremde Wohnungen putzen.

Männer schrauben, lackieren und löten, Frauen schminken, erziehen und pflegen. Das klingt nach Klischee, nach Vorgestern, doch typische Frauen- und Männerberufe gibt es auch noch im Jahr 2011. Auf einen männlichen Erzieher, Kosmetiker oder Krankenpfleger kommen in Deutschland neun Frauen.

Das Statistische Bundesamt hat auf der Basis des Mikrozensus ausgewertet, welche Berufe Männer und Frauen in den vergangen 20 Jahren gewählt haben. Fazit: Seit 1991 hat sich kaum etwas verändert. Trotz aller Debatten über Gleichberechtigung und Initiativen wie dem "Girls Day" unterscheidet sich die Berufswahl von Männern und Frauen immer noch enorm.

Im Jahr 2009 waren 49 Prozent der Männer und 36 Prozent der Frauen in Berufen tätig, die zu mehr als 80 Prozent von Menschen des eigenen Geschlechts ausgeübt wurden. Diese Zahlen haben sich auch seit dem Jahr 2000 kaum verändert.

Die Statistiker begründen dies mit der Erziehung und traditionellen Rollenvorstellungen: Die klassischen Frauendomänen Erzieherin, Krankenpflegerin und Friseurin haben ein schlechtes Image - und bezahlt werden sie auch noch mickrig. Trotzdem gibt es sie, die männlichen Pioniere, die sich in weibliche Domänen wagen.

Fünf Männer in typischen Frauenberufen berichten hier, wie sie zu ihrem Job gekommen sind, mit welchen Vorurteilen sie zu kämpfen haben und warum sie trotz blöder Kommentare nicht mehr wechseln möchten:

Der Tagesvater - "Ich betreue bis zu vier Kinder am Tag"

"Bevor meine Tochter Elly geboren wurde, habe ich als DJ gearbeitet. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich einmal mein Geld als Tagesvater verdienen würde, hätte ich ihn ausgelacht. Aber als Elly 2004 kam, war mir schnell klar, dass ich in Elternteilzeit gehen würde, denn meine Frau wollte nicht zu Hause bleiben.

Wenn man starke Nerven hat, ist Kinderbetreuung eine wunderschöne Aufgabe. Bei der Hamburger Sozialbehörde kann man eine Ausbildung zur sogenannten Tagespflegeperson machen, mit 180 Stunden Unterricht, mündlicher Prüfung und Abschlussarbeit. Ich habe mich beworben, bekam einen Platz - und war der einzige Mann im Kurs.

Ich betreue bis zu vier Kinder am Tag, wir sind die ganze Zeit draußen, bei jedem Wetter, das ist mir wichtig. Ich fahre die Kinder mit dem Rad, das würde eine Tagesmutter wahrscheinlich von der Kraft her gar nicht schaffen. Mittags koche ich, meistens Biogemüse aus der Region. Manchmal werde ich auf dem Spielplatz gefragt, ob das jetzt alles meine Kinder seien, da muss ich schon drüber lachen.

Elly geht heute in die Schule und meine zweite Tochter Lila in die Kita. Bevorzugt habe ich die beiden aber nicht. Ich behandele alle Kinder wie meine eigenen. Als meine ersten Tageskinder alt genug waren, um in den Kindergarten zu gehen, war die Trennung für mich ziemlich schlimm.

Als Tagesvater habe ich nur gute Erfahrungen gemacht: Fast jeden Tag rufen Eltern bei mir an und wollen, dass ich ihre Kinder betreue, meine Warteliste ist ziemlich lang. Man könnte denken, dass sich vor allem alleinerziehende Mütter bei mir melden, aber das ist nicht so.

Ich weiß nicht, warum es nicht mehr Tagesväter gibt. Ich glaube, die meisten Männer trauen sich die Kinderbetreuung einfach nicht zu. Ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen."

(vet)

Der Sekretär - "Zuarbeiten ist angeblich unmännlich"

"Als ich Ende der neunziger Jahre meine Ausbildung zum Fremdsprachensekretär begonnen habe, arbeiteten nahezu keine Männer in diesem Beruf. Selbst die meisten Stellenanzeigen waren damals explizit an Frauen gerichtet. Jetzt gibt es ein Antidiskriminierungsgesetz, und zumindest die Anzeigen sehen anders aus. Statistiken besagen, dass inzwischen um die zwei Prozent der Stellen in Sekretariaten mit Männern besetzt sind. Mir kommt das sehr viel vor. Da hätten mir in meiner Laufbahn ein paar Männer mehr begegnen müssen.

Ich habe meine Entscheidung nie bereut. Viele Menschen denken, eine gute Sekretärin muss nur schnell tippen können, dekorativ aussehen und wissen, wie man Kaffee kocht. Das ist ein ziemlich überholtes Klischee. Ein Beispiel: Vor drei Jahren habe ich bei einem Wettbewerb für Sekretärinnen mitgemacht. Es gab Übersetzungs- und Organisationsaufgaben, man musste Rollenspiele, Gedächtnis- und Allgemeinwissenstests absolvieren. Das Berufsbild hat sich sehr gewandelt.

Jedenfalls wurde am Ende zum ersten Mal ein Mann zu Deutschlands bester Sekretärin gekürt - das war ich. Von dem Titel zehre ich noch heute, es haben sich viele Türen geöffnet. Ich bekam Jobangebote und Anfragen, ob ich nicht Seminare und Workshops geben könnte. Das mache ich heute regelmäßig.

Ich glaube, dass Sekretariatsberufe eine Frauendomäne bleiben werden. Viele Männer möchten selbst die Entscheidungen treffen, selbst Chef sein, nicht in der zweiten Reihe stehen und zuarbeiten. Das gilt immer noch als unmännlich. Vielleicht ändert sich diese Haltung ja, wenn es endlich mehr Frauen in Führungspositionen gibt."

(bk)

Der Gleichstellungsbeauftragte - "Im Zweifel frage ich die Kollegin"

"An meinem Beruf mag ich die kleinen Erfolge. Einmal habe ich mich zum Beispiel dafür eingesetzt, dass eine Frau eine Kur bekommt - ich habe sie dafür bis in die Arztpraxis begleitet. Am Ende hat es geklappt, das war ein gutes Gefühl. Als Gleichstellungsbeauftragter bin ich beim Landkreis Börde angestellt, inzwischen seit 16 Jahren. Dort bin ich der Ansprechpartner für Frauenfragen, aber auch für Migranten und für Behinderte. Zusammen ist das ein Vollzeitjob.

Mein Alltag ist abwechslungsreich. Mal kommt jemand zu mir, weil es in einem Betrieb keine Damentoilette gibt; andere sind überschuldet, oder der Partner ist suchtkrank. Einmal hat ein Kollege am Arbeitsplatz allzu freizügige Fotos aufgehängt und es gab Beschwerden. Ich nehme auch so etwas ernst. Viele Gespräche dauern lang, oft vermittle ich die Betroffenen an andere Stellen weiter. Ich kann nicht in jedem Fall selbst etwas tun, aber ich weiß, wer helfen kann.

Wichtig ist mir auch Aufklärungsarbeit und der Austausch mit Anderen. Ich setze mich zum Beispiel mit Vereinsvorsitzenden zusammen und spreche über Probleme. Vielen ist noch nicht bewusst, wie schwer es für Frauen ist, nach der Mutterpause wieder Karriere zu machen. In unserer Verwaltung selbst stimmt der Anteil der weiblichen Beschäftigten, er ist auch in den Führungspositionen relativ hoch. Ein positives Erbe aus DDR-Zeiten.

Mit anderen Gleichstellungsbeauftragten bin ich gut vernetzt, das sind ausnahmslos Frauen - in Sachsen-Anhalt bin ich der einzige Mann. Bei Treffen bin ich leicht zu erkennen, aber das stört mich nicht weiter. Einmal hat mir eine ehemalige Staatssekretärin vorgeworfen, ich hätte als Mann nicht genug soziale Kompetenz für mein Amt. Ich kann mit dem Vorwurf leben, glaube aber nicht, dass er zutrifft. Männliche Anwälte können beispielsweise einen Beziehungsstreit genauso professionell schlichten wie ihre Kolleginnen.

Letztlich hat mich die Kritik motiviert, das Gegenteil zu beweisen. Ich denke, es ist mir gelungen. Aber im Zweifel frage ich auch immer eine Kollegin um Rat."

(non)

Der Kosmetiker - "Ich bin nicht die heiße Blondine"

"Ich habe 15 Jahre als Verfahrensmechaniker für Kunststofftechnik gearbeitet, ein typischer Männerberuf. Eines Tages wollte ich nicht mehr. Ich suchte eine neue Herausforderung. Ich habe meinen Job aufgegeben und mich an einer Kosmetikschule angemeldet. Lauter Mädels und ich - der Hahn im Korb. Am Anfang waren sie ein wenig skeptisch, aber dann kamen wir gut miteinander aus. Sie haben mich sogar zum Klassensprecher gewählt.

Ich glaube, dass ich ein Händchen für Kosmetik habe. Meine Lehrer haben mich häufig gelobt und meine Klassekameradinnen mich oft gebeten, ihnen etwas zu erklären. Am Ende hatte ich das beste Zeugnis. Dass es nur wenige Männer in der Branche gibt, heißt nicht, dass sie kein Talent haben. Gleich nach meinem Abschluss habe ich mich mit einem eigenen Salon selbständig gemacht.

Zu mir kommen Männer und Frauen. Die Frauen geben hinter vorgehaltener Hand zu, dass ich besser bin als die Damen, von denen sie vorher behandelt wurden. Und die Männer? Die kommen erst widerwillig, und dann wollen sie gar nicht mehr weg! Auch wenn sie im ersten Moment enttäuscht sind, dass ich nicht die heiße Blondine bin, die sie erwartet haben. Meistens ist die erste Behandlung ein Geschenk der Lebensgefährtin, Männer kommen selten aus eigenem Antrieb. Da gibt es immer noch eine Hemmschwelle.

Ich hab keine Sekunde bereut, dass ich Kosmetiker geworden bin. Als einer von sehr wenigen Männern mit diesem Beruf habe ich sogar einen Vorteil: Ich bleibe im Gedächtnis. Dass ich einen typischen Frauenberuf ausübe, stört in meinem Bekanntenkreis niemanden. Nicht mal meine alten Kollegen. Die haben sich erst lustig gemacht, 'Machst du jetzt ein Nagelstudio auf?' und so etwas musste ich mir anhören. Jetzt finden sie es spannend. Von ihnen hatte ich bisher noch keinen auf dem Behandlungsstuhl, aber wer weiß, was kommt. Männer-Kosmetik ist ein Wachstumsmarkt."

(mcm)

Der Arzthelfer - "Am Telefon werde ich für eine Frau gehalten"

"Ich war dabei, mich als Krankenpfleger ausbilden zu lassen, aber mit dem Schichtdienst bin ich nie ganz klargekommen. Darum kam ich auf die Idee, in einer Arztpraxis anzuklopfen. Ich habe mit meinem Hausarzt über meine Pläne gesprochen - und er war gerade auf der Suche nach Personal. Also fragte er mich spontan, ob ich bei ihm anfangen möchte. Einen männlichen Arzthelfer hatte er noch nie gehabt. Er meinte: Wir versuchen es und warten ab, wie die Patienten reagieren.

Am Anfang gab es einige, die etwas überrascht einen Schritt zurückgetreten sind, als sie mich da vorne in der Praxis sitzen sahen. Aber dann kam meistens ein Satz wie: 'Warum nicht, in der Klinik gibt es inzwischen ja auch Pfleger.' Es passiert außerdem relativ häufig, dass ich am Telefon automatisch für eine Frau gehalten werde. Ich habe eine relativ hohe Stimme.

Von Anfang an habe ich mich im Berufsverband engagiert und bin kürzlich zum Bezirksstellenleiter für meine Stadt gewählt worden. Einstimmig, alle Frauen haben für mich gestimmt. Eine Kollegin hat bei der Versammlung gesagt, dass sie es unglaublich wichtig findet, dass sich die wenigen Männer, die es in diesem Beruf gibt, mit einbringen und organisieren.

Wenn man auch Männer in der ersten Reihe hat, lässt sich in Gehalts- und Tarifverhandlungen etwas anders argumentieren. Ein Mann stärkt vielleicht die Verhandlungsposition - schließlich haben viele Arbeitgeber immer noch das Bild im Kopf, dass der Hauptverdiener der Familie der Mann ist und man Frauen deswegen nicht so viel bezahlen muss."

(bk)

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