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07. Juli 2012, 14:50 Uhr

Männer in Frauenjobs

Kampf gegen das Weichei-Image

Softie, Waschlappen, Zehenföner: Männer in Frauenjobs müssen einiges an Spott ertragen. Auch überschwängliches Lob von Kundinnen kann auf Dauer nerven. Doch der Exoten-Status hat auch Vorteile: Vielen gelingt schnell der berufliche Aufstieg.

Peter Bließen wird häufig mit dem Satz "Guten Tag, Herr Doktor" begrüßt. Zwar trägt er bei seinem Job in einer Arztpraxis weiße Kleidung, ein Arzt ist er aber nicht. Bließen ist Medizinischer Fachangestellter - oder umgangssprachlich: Sprechstundenhilfe.

Das irritiert gerade neue Patienten der Hildesheimer Praxis häufig. Sie gehen automatisch davon aus, dass der Mann in den Behandlungsräumen nur der Arzt sein kann. Willkommen im Reich der Rollenklischees.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist unter hundert medizinischen Fachangestellten nur ein Mann. Wenn Bließen die Patienten über seinen Beruf aufklärt, seien viele positiv überrascht, erzählt er: "Die meisten Leute sind sehr offen und finden es toll, mal einen Mann vor sich zu haben."

Zu viel Aufmerksamkeit könne allerdings genauso zum Problem werden wie Spötteleien, sagt Britta Matthes vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg: "Permanent gelobt und als besonders dargestellt zu werden, auch darauf muss man sich einstellen."

Was mit Kindern? Selten was für Männer

Spott ist allerdings für viele das größere Problem: Männer in Frauenberufen gelten oft als zarte Typen. "Auch in Familie und Freundeskreis müssen sie sich in einigen Situationen den Vorwurf gefallen lassen, sie hätten nichts Richtiges gelernt", sagt Matthes. Das hindere viele Männer daran, einen vermeintlichen Frauenberuf zu wählen.

Auch an Grundschulen und in der Betreuung von Kleinkindern sind Männer die Ausnahme: Im Jahr 2009 waren laut Statistik nur rund sieben Prozent der Mitarbeiter in Kindertagesstätten männlich. Noch weniger Männer arbeiten in haus- und ernährungswirtschaftlichen Berufen (5,1 Prozent) oder als Kosmetiker (3,4 Prozent).

Ändern werde sich die Situation erst, wenn das Image des Lehrerberufs und die Bezahlung sich verbessern, glaubt Udo Beckmann vom Verband Bildung und Erziehung in Berlin. "Männer in Frauenberufen erhalten definitiv weniger Lohn als Männer in geschlechtskonformen Berufen", sagt auch Britta Matthes. "Außerdem bieten Frauenberufe generell weniger Aufstiegsmöglichkeiten."

Durch den Zivildienst zum Traumjob

Wer etwa an einer Grundschule arbeite, könne höchstens Schulleiter werden - bei einem Lohn, der vergleichbar sei mit dem Einstiegsgehalt eines Lehrers an einem Gymnasium oder einer Berufsschule. Auch in der Kranken- und Altenpflege oder in der Gebäudereinigung sind die Karrieremöglichkeiten gering. Dennoch verdienen Männer in typischen Frauenberufen im Schnitt besser als ihre Kolleginnen. "Sie bekommen nicht generell mehr Lohn, aber sie arbeiten seltener in Teilzeit und übernehmen sehr häufig Leitungsfunktionen", so Matthes.

Peter Bließen ist erst über Umwege Sprechstundenhilfe geworden. Nach dem Schulabschluss begann er eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten. Die musste er abbrechen, weil er zur Bundeswehr eingezogen wurde. "Im Nachhinein bin ich glücklich darüber", sagt er. Denn nachdem er im Sanitätsdienst eingesetzt wurde, entschied er sich für seinen Traumberuf, den er nun seit zehn Jahren ausübt.

Ähnlich sei es bei vielen, die sich für einen Frauenberuf entschieden haben, sagt Udo Beckmann: "Männer, die im Zivildienst in Kindertagesstätten oder anderen pädagogischen Einrichtungen tätig waren, haben oft ihre Berufsvorstellungen verändert. Sie haben gemerkt: Das ist doch was für mich."

Mit Vorurteilen und fragenden Blicken kann Bließen inzwischen gut umgehen. Ganz ohne Rollenklischees geht es aber auch in seiner Praxis nicht. "Es wird ja gern gesagt, dass Männer besser mit Technik umgehen können als Frauen", sagt Bließen. Mit dieser Begründung ist er in seiner Praxis zum Gerätebeauftragten geworden.

Christian Vey/dpa

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