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Textilunternehmerin Hoffnungslose Fälle, dringend gesucht

Unternehmerin auf Sinnsuche: Jobs für Unvermittelbare Fotos
Stefan Puchner

Die junge Unternehmerin Sina Trinkwalder beschäftigt in ihrer Manufaktur Menschen, die am Arbeitsmarkt keine Chance haben. Hartzer, Ex-Leiharbeiter, eine Rheumakranke, einen Burnout-Fall. Ist das pure Sozialromantik - oder tatsächlich ein funktionierendes Geschäftsmodell?

"Textilpark - hier ist Leben" steht auf der Werbetafel. Dabei hat die Textilindustrie in Augsburg ihr Dasein schon lange ausgehaucht. In den Fabrikhallen haben sich türkische Supermärkte und Künstler angesiedelt. In den prachtvollen Gründerzeitbauten, in denen einst Tausende Weber, Textilarbeiter und Näherinnen schufteten, sollen Wohnungen entstehen.

Eine Augsburger Unternehmerin will sich damit nicht zufrieden geben. In ihrer Textilmanufaktur manomama hat Sina Trinkwalder gerade 60 Frauen und Männer eingestellt. Menschen, die als chancenlos abgestempelt sind.

Noch wirkt in der schlichten, grauen Industriehalle alles provisorisch. Die Nähmaschinen sind eingerahmt von nackten Sichtbetonwänden, auf dem langen Zuschneidetisch haben die Näherinnen ihre Jacken und die Brotzeit abgelegt, "Ladies" nennt Trinkwalder sie. Einziger Mann im Raum ist der Nähmaschinentechniker, der von einem Tisch zum nächsten joggt - hier Einfädeln, dort Nachjustieren, drüben die Tasten erklären. "Mein Geld ist hier doch viel geiler angelegt, als wenn 'ne Million auf dem Konto liegt", sagt Trinkwalder.

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Die Werbeagentur, die sie im Alter von 21 Jahren gegründet hat, führt ihr Mann weiter, um den Sohn kümmert er sich auch. Nach dessen Geburt hatte Trinkwalder eine Sinnkrise. Sie fand es zunehmend absurd, sich mit Gucci-Taschen und teuren Uhren fürs viele Arbeiten zu belohnen.

"Teilhabe an der Gesellschaft geht nur über Arbeit", sagt sie. Nicht der Staat sei in der Verantwortung, sondern die Unternehmer. "Nur wenn wir möglichst viel vor Ort produzieren und auch einfache Arbeiten anbieten, können wir den regionalen Wirtschaftskreislauf in Schwung halten."

Manchen mag es leise schaudern bei so viel Sozialromantik, doch die manomama-Fans auf Facebook und Twitter sind begeistert. Seit 2010 verkauft der Onlineshop Öko-Kleider. Dieses Jahr sollen schwarze Zahlen geschrieben werden. Stoffe, Knöpfe und Leder werden in Deutschland fair produziert. Nur die Biobaumwolle hat Trinkwalder im Schwäbischen noch nicht zum Wachsen gebracht.

Vor fünf Monaten hat sie einen Großauftrag an Land gezogen: mehr als 500.000 Stofftaschen für ein deutsches Unternehmen. Umgerechnet auf Arbeitsplätze heißt das: weitere 30 feste Verträge, unbefristet, bis zur Rente. Theoretisch. Denn Trinkwalder hat nicht genug Nähmaschinen. 2500 Euro kostet eine - zu viel für die Unternehmerin.

"Für das Wirtschaftsministerium sind wir nicht ökonomisch genug, für das Sozialministerium nicht sozial genug und für das Finanzministerium nicht liquide genug", schimpft Trinkwalder über die fehlende Förderung. "Ich krieg ja nicht mal einen Kredit bei meiner Hausbank." Sie sammelt deshalb jetzt Geld, Maschinenpaten heißt die Aktion. Rund 34.000 Euro hat sie schon zusammen.

"Ich weiß, niemand will mich"

1800 Menschen haben sich bisher bei Trinkwalder beworben. Hilina Kassa, 35, aus Äthiopien ist eine von ihnen. Sie ist seit 15 Jahren in Deutschland, ohne Ausbildung, alleinerziehend. Wenn ihre Töchter im Kindergarten sind, hat Kassa bisher als Burgerbraterin oder Spielhallen-Aufsicht gejobbt. An der Nähmaschine hat sie noch nie gesessen. Bei manomama lernt sie jetzt Modenäherin.

Ihre neue Chefin hat für sie eine Ausbildung bei IHK und Berufsschule durchgeboxt, in Teilzeit: "Sie soll sich doch am Nachmittag um ihre Kinder kümmern!" Die zierliche Äthiopierin mit den gepflegten French Nails lächelt schüchtern. "Das hier ist mein Traum", sagt sie. "Ich wollte schon immer etwas mit Mode machen."

Ihre Kollegin Ursula Hausmanninger, 52, ist schon ein echter Profi. Mit 15 hat sie eine Lehre als Näherin angefangen, später bekam sie Kinder, blieb zu Hause, landete in der Mühle der Umschulungen und Ein-Euro-Jobs. Am schlimmsten war die Leiharbeit für sie, "da bin ich mir vorgekommen wie ein Pingpongball. Bei manchen Firmen wusste ich nicht mal, für welchen Job ich eigentlich geschickt wurde." Hausmanninger wurde krank, konnte nicht mehr schwer heben oder lange stehen. Trotzdem kamen am Ende nur noch Angebote für Putzstellen oder Jobs in der Waschanlage.

Die Bewerbung an manomama war ein letzter, verzweifelter Versuch. "Ich weiß, niemand will mich, aber eine gerade Naht schaffe ich auch in meinem Alter noch", schrieb Hausmanninger. Zum Bewerbungsgespräch kam sie mit einem selbstgenähten Geldbeutel, aus billigen Stoffresten kunstvoll zusammengestückelt. Trinkwalder stellte sie ein, wegen ihrer Gesundheitsprobleme nur in Teilzeit. Gleich am ersten Arbeitstag sagte Ursula Hausmanninger, sie wolle vielleicht doch mehr arbeiten. "Wenn ich Schmerzen habe, gleichen das die Glückshormone aus, weil ich mich hier zu Hause fühle."

Business ohne Businessplan

In den nächsten Tagen treten ein rheumakranker junger Vater, ein Burnout-Fall und einige junge Mädchen mit schwierigen Lebensgeschichten ihre Arbeit an. Zehn Euro zahlt ihnen Trinkwalder pro Stunde. Viele der 60 Leute zwischen 22 und 62 Jahren trauen sich kaum aufzuschauen, wenn die energiegeladene Chefin sie anspricht. Einige kommen aus der Leiharbeit, "wo sie ihr letztes Quäntchen Selbstwertgefühl verloren haben", regt sich Trinkwalder auf. "Da haben sie nicht einmal einen Namen, da sind sie nur 'der Leiher'."

Doch auch ihr gegenüber sind die Arbeiter skeptisch. Trinkwalder hat sie schon reden hören: "Was hängt ihr euch so rein, die schmeißt uns doch eh nach ein paar Wochen wieder raus." Es sind gebrannte Kinder, die eines schon zu oft erlebt haben: Die ersten Wochen zahlt das Arbeitsamt, danach gibt's einen Fußtritt.

Aber auch manomama muss Verträge erfüllen, Stückzahlen erreichen und Preise einhalten. "Wir sind ja kein Wohlfahrtsamt", sagt Trinkwalder, ihre Anspannung bekämpft sie mit dünnen Menthol-Zigaretten. Ihre gesamten Ersparnisse stecken in der Firma.

Einen Businessplan hat sie trotzdem nicht. Neulich habe sich ein Praktikant beworben, von der Uni St. Gallen. Er wollte Prozesse optimieren. "Aber ich brauche hier doch keinen, der den ganzen Tag rechnet", sagt sie. "Ich brauche Leute mit Menschenverstand, die anpacken."

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Julia Graven (Jahrgang 1972) ist freie Wirtschaftsjournalistin in München.

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insgesamt 64 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Frau Trinkwalder...
sachfahnder 21.08.2012
...scheint Sinnbild für eine neue Generation von Menschen zu sein, denen der pure Profit nicht über alles geht! Wenn nun die Integration der Menschen, die bei ihr Brot und Arbeit finden gelingt, dann wäre dies alleine schon ein nachahmenswertes Beispiel, dass in einer Zeit von raffzahnigen Managern Ansporn sein sollte!
2. Eine tolle Frau
Palisander 21.08.2012
der man nur viel Glück wünschen kann. Gerade die Textilbranche ist auf Grund der brutalen Preispolitik eine echte Herausforderung. Aber: Toll und der richtige Weg. Respekt!
3. Brillant recherchiert!
schlechtental 21.08.2012
Das ist nun wirklich mal ein gutes Beispiel für Engagement. 500.000 Stoff-Taschen und 30 Arbeitsplätze bis zur Rente. Genial! Wenn doch nur die Nähmaschinen nicht so teuer wären. Hut ab! Das macht Mut.
4.
Stäffelesrutscher 21.08.2012
»Neulich habe sich ein Praktikant beworben, von der Uni St. Gallen. Er wollte Prozesse optimieren.« Das wäre der sichere Ruin der Firma geworden.
5.
heinz4444 21.08.2012
---Zitat--- Hartzer, ---Zitatende--- Was bitte ist ein "Hartzer" ? Ich kenne nur Alg II Empfänger. Und Nein,ich war nie im Alg II Bezug,aber da stört mich doch die Wortwahl!
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