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26. November 2012, 12:07 Uhr

Manpower-Chefin Calasan

"Deutsche Firmen sind selbst schuld, wenn Fachkräfte fehlen"

Fachkräftemangel? Richtig groß kann die Not nicht sein, sagt Vera Calasan im Interview. Die Chefin des Personalvermittlers Manpower findet, dass viele Firmen einer weltfremden Vorstellung vom idealen Bewerber nachhängen. Und für ausländische Mitarbeiter sind die wenigsten offen.

KarriereSPIEGEL: Frau Calasan, seit Jahren klagen deutsche Unternehmen über Fachkräftemangel. Sie haben daran erhebliche Zweifel. Warum?

Calasan: In vielen Bereichen, in denen angeblich große Engpässe herrschen, könnten ausländische Fachkräfte manche Lücke schließen. Doch das scheitert sehr häufig an den deutschen Firmen. Viele Sorgen sind daher selbstverschuldet.

KarriereSPIEGEL: Sie machen diese Beobachtung, weil Ihre Firma Manpower für deutsche Unternehmen Mitarbeiter im Ausland sucht. Wie viele Aufträge bekommen Sie im Jahr?

Calasan: Unsere Firmengruppe hat im Jahr 2011 rund 35.000 Stellen besetzt, etwa 60 Prozent davon mit qualifizierten und hochqualifizierten Arbeitskräften. Immer dann, wenn wir Probleme haben, für unsere Kunden im Inland geeignete Kandidaten zu finden, suchen wir auch im Ausland. Vor allem im MINT-Bereich, also da, wo technische und naturwissenschaftliche Kenntnisse erwartet werden, zeigen sich Unternehmen immer wieder zunächst offen dafür, die Suche auf das Ausland auszuweiten. Die meisten Firmen machen einen Rückzieher, wenn wir erste Kandidaten vorschlagen.

KarriereSPIEGEL: Was heißt das in Zahlen?

Calasan: 2012 haben wir in Deutschland bisher 18.000 qualifizierte Stellen besetzt, dabei kamen aber nur zehn neue Mitarbeiter aus dem Ausland.

KarriereSPIEGEL: Was stimmt nicht mit den Kandidaten?

Calasan: Mit denen ist alles in Ordnung. Den Personalverantwortlichen erscheint es aber zu aufwendig und teuer, internationale Mitarbeiter zu integrieren. Damit die wirklich kommen, benötigt man oft umfassende Einstiegshilfen: bei der Wohnungssuche und beim Umzug, bei der Wahl von Schule und Kinderbetreuung für die Familien. Damit beschäftigen sich spezialisierte Firmen, sogenannte Relocation Services. Auch wir arbeiten mit speziellen Dienstleistern zusammen. Diese Dienstleistungen sind natürlich kostenpflichtig.

KarriereSPIEGEL: Ist die Sparsamkeit nicht nachvollziehbar?

Calasan: Prinzipiell ja, aber in Bereichen, in denen tatsächlich Mangel besteht, muss man eben flexibler sein. Oft sind zum Beispiel ausländische Abschlüsse nicht bekannt - es machen sich aber nur wenige die Mühe, sie zu überprüfen. Aber oft verbirgt sich hinter dem fremdländischen Zeugnis eben doch ein geeigneter Spezialist. Das fällt uns zum Beispiel im Pflegesektor häufig auf.

KarriereSPIEGEL: Die Unternehmen wollen halt passende Mitarbeiter und nicht irgendwen...

Calasan: Ihr gutes Recht. Aber wir hatten erst kürzlich den Fall einer hochqualifizierten Russin, die gut zur Stelle passte und fließend Deutsch sprach. Unser Vorschlag wurde freundlich zur Kenntnis genommen, aber eingestellt wurde die Frau am Ende nicht. Die Vorstellungen von einem Wunschkandidaten sind meist sehr präzise und die Personalabteilungen nicht bereit, davon ein wenig abzurücken.

KarriereSPIEGEL: Das ist ein deutsches Phänomen?

Calasan: Ja, hier sollen die Bewerber immer hundertprozentig passen, andernorts ist man da offener. Die Kompromissbereitschaft lohnt sich: Es kann oft einfacher sein, neue Mitarbeiter, die nur zu 85 Prozent einem ausgeschriebenen Stellenprofil entsprechen, in Einzelbereichen zu schulen, als die Stelle noch länger unbesetzt zu lassen. In den meisten Fällen dürfte das auch kostengünstiger sein.

KarriereSPIEGEL: Was kostet es denn, einen Arbeitnehmer aus dem Ausland in Deutschland gut unterzubringen?

Calasan: Für Kräfte, die etwa auf dem Niveau einer deutschen Berufsausbildung sind, muss man mit 24 Prozent des ersten Bruttojahresgehalts rechnen, zuzüglich der Kosten für Relocation Services. Bei Akademikern und Führungskräften sind das etwa 32 Prozent.

KarriereSPIEGEL: Auch kein Pappenstiel.

Calasan: Bei der Vermittlung eines in Deutschland lebenden Arbeitnehmers entstehen ebenfalls Ausgaben. Da liegen wir bei 18 bis 25 Prozent bei Menschen mit einer Berufsausbildung und bei 20 bis 30 Prozent für Akademiker. Für eine Führungskraft fallen bis zu 50 Prozent des ersten Bruttojahresgehalts an. Für ein vollständiges Bild müssen Sie auch andere Kosten berücksichtigen, die aber schwer zu beziffern sind. Jeden Monat, den eine Stelle unbesetzt bleibt, wird ein bestimmtes Arbeitspensum eben nicht erledigt, Ware wird nicht geliefert, Aufträge bleiben aus oder können erst gar nicht angenommen werden. Damit fallen Umsätze weg. Da ist schnell die Schwelle erreicht, wo es günstiger wäre, in kurzer Zeit einen Mitarbeiter einzustellen, der 70 Prozent der Voraussetzungen erfüllt und dann rasch auf den gewünschten Kenntnisstand gebracht wird.

KarriereSPIEGEL: Die Wirtschaft beklagt, dass die deutsche Sprache viele Interessenten abschreckt. Dafür können die Betriebe nichts.

Calasan: Sie könnten aber geschickter damit umgehen. Deutsche Unternehmen setzen häufiger als andere die Landessprache voraus, auch in Spitzenpositionen. Und das, obwohl auch für viele Mittelständler das Geschäft inzwischen sehr international ist. Viele täten sich insgesamt einen Gefallen, intern auf Englisch zu kommunizieren, so wie das viele Dax-Konzerne bereits tun.

KarriereSPIEGEL: Klingt aber auch nicht immer schön, wenn ein schwäbischer Ingenieur versucht, Englisch zu sprechen.

Calasan: Solange sich alle verstehen, ist das doch nicht so wichtig. Und es nimmt dem Franzosen oder Spanier eben auch die Angst, selbst mit deutlichem Akzent Englisch zu reden.

KarriereSPIEGEL: Also fassen wir zusammen: Es gibt eigentlich keinen Fachkräftemangel?

Calasan: Ganz so pauschal kann man es nicht sagen. Sicher ist: Die meisten Unternehmen sind auf ausländische Mitarbeiter noch nicht vorbereitet. Die Schmerzen bei der Suche nach Fachkräften können also nicht besonders groß sein.

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