Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

ThemaBürolebenRSS

Alle Artikel und Hintergründe


 

Arbeitswahn "Bleibst du auf der Strecke, liegt es nur an dir!"

Arbeitsunfall: Die Arbeitnehmer tragen das gesamte Risiko ihrer Arbeit Zur Großansicht
Corbis

Arbeitsunfall: Die Arbeitnehmer tragen das gesamte Risiko ihrer Arbeit

E-Mails um Mitternacht, Berge von Überstunden: Für immer mehr Menschen hört die Arbeit nie auf, hat Karrierecoach Martin Wehrle beobachtet. Der Frühkapitalismus kehrt zurück, und die Globalisierung ist die perfekte Ausrede.

Eine süße Melodie erklingt aus deutschen Firmen, eine Melodie wie die des Rattenfängers von Hameln. Die Firmen flöten von einer modernen Arbeitswelt, in der jeder Mitarbeiter sein eigener Herr ist. Die große Freiheit soll an den Arbeitsplätzen ausgebrochen sein, die Selbstbestimmung eingekehrt, das Zeitalter der Schufterei beendet. Stellenausschreibungen, Broschüren und Vorstandsreden verheißen dem Mitarbeiter hinterm Firmentor ein gelobtes Arbeitsland, ein Paradies.

Die Hierarchien? Flach wie das Wattenmeer! Die Stechuhren? Auf dem Weg ins Museum! Der Chef? Dein Freund und Helfer! Kein Telefonkabel, lieber Mitarbeiter, kettet Sie mehr an Ihren Schreibtisch, Sie sind frei wie der Wind. Ihre Arbeit ist geschrumpft auf Taschenformat, sie lässt sich bequem per Handy tragen. Und, bitte sehr: Picken Sie sich aus dem Arbeitsmodell-Baukasten einen Arbeitsort Ihrer Wahl heraus, ob Heimbüro oder Südseestrand. Teilen Sie Ihren Job (Jobsharing) oder schlafen Sie morgens bis 10 Uhr aus (flexible Arbeitszeit) - völlig in Ordnung! Kein Chef sitzt Ihnen mehr im Nacken, Sie verantworten Ihre Ergebnisse selbst.

Die Arbeitswelt ein Paradies und der Mitarbeiter sein dankbarer Bewohner: So hätten sie es gern, die Rattenfänger.

Freie Zeiteinteilung? Bloß kein Feierabend, bevor alles fertig ist

Doch wer der süßen Melodie hinters Firmentor folgt, stolpert in eine Arbeitshölle, wie sie die Welt seit dem Frühkapitalismus nicht mehr gesehen hat. Die Firmen flöten, "du bist selbst für deinen Erfolg verantwortlich", gemeint ist: "Der Misserfolg kostet dich den Kopf!" Die Firmen flöten, "du kannst deine Arbeit frei einteilen", gemeint ist: "Mach bloß nicht Feierabend, bevor alles fertig ist." Die Firmen flöten, "du kannst alles bei uns erreichen", gemeint ist: "Wenn du auf der Strecke bleibst, liegt es nur an dir!"

Hinterm Firmentor wohnt das Elend. Mitarbeiter ächzen unter Arbeitslasten. Sie schuften, bis der Arzt kommt, und der Arzt kommt oft: Die Burnout-Kliniken quellen über, sie sind zu den Seelen-Kläranlagen einer zum Himmel stinkenden Arbeitswelt geworden. Zwischen 2005 und 2011 haben sich die Krankheitstage wegen Burnout verelffacht, auf 2,7 Millionen. Jede dritte Frühverrentung hat psychische Gründe. Im Schnitt sind diese "Rentner" 48 Jahre alt.

Der ideale Mitarbeiter hat kein Leben mehr, nur noch ein Berufsleben. Wenn das Firmen-Handy klingelt, ist der Sex vorbei, der Urlaub gestorben. Zwölf-Stunden-Tage laufen unter "Einsatzfreude". Jede E-Mail schreit nach sofortiger Antwort, auch nachts. Wer nicht schnell genug protestiert, wird von seinem Chef als Facebook-Freund zwangsadoptiert und bis ins private Fotoalbum verfolgt.

Sind Sie etwa eine Burnout-Persönlichkeit?

Aber wenn ein Mensch von der Arbeit zerrieben wird, liegt es nicht an der Arbeit, sondern - Trommelwirbel! - am Menschen selbst. Die Firmen erklären ihn dreist zur "Burnout-Persönlichkeit."

Die Würde des Arbeitnehmers ist antastbar, und angeblich muss das so sein: Woran liegt es, dass die Billiglöhne Deutschland erobern? An der Globalisierung! Woran liegt es, dass der moderne Mitarbeiter für zwei arbeiten muss, auch wenn ihm nur halbe Sicherheit geboten wird, etwa durch einen befristeten Vertrag? An der Globalisierung! Und woran liegt es tatsächlich, dass Firmen immer eine Ausrede haben, wenn sie Mitarbeiter ausbeuten? An der Globalisierung!

Das Globalisierungsgejammer der Firmen ist das größte Märchen seit "Hänsel und Gretel", nur dass diesmal keine Hexe in den Ofen geschoben wird, sondern Mitarbeiter verheizt werden. Immer länger, immer härter, immer billiger sollen sie arbeiten. Das verlangen nicht die Chefs, die guten - das "verlangt" die Globalisierung, die böse!

Die Globalisierung hat auch Gewinner

Doch während sich die Mitarbeiter im Hamsterrad kaputtstrampeln, mit Niedriglöhnen durchschlagen und um ihre Jobs zittern, steigt in der Chefetage eine rauschende Globalisierungsparty: Die Firmen machen so viel Geld wie nie zuvor, die Umsätze prasseln von allen Kontinenten in die Kasse. Der Anteil der deutschen Unternehmen an der weltweiten Industrieproduktion ist im letzten Jahrzehnt von 7,6 auf 8,1 Prozent geklettert, der Anteil an den weltweiten Exporten von 12,1 auf 14,3 Prozent.

Den Segen der Globalisierung, die höchsten Gewinne aller Zeiten, schaufeln die Firmen in die eigene Tasche. Den Fluch der Globalisierung, die gestiegene Arbeitslast, überlassen sie großzügig ihrem Personal. Millionen Mitarbeiter fühlen sich verschaukelt und fragen sich: "Bin ich hier der Depp?"

Fotostrecke

4  Bilder
Turbokarrieristen: Vorwärts immer, rückwärts nimmer
Frei ist sie tatsächlich, die moderne Arbeitswelt, aber nur frei von Berechenbarkeit: Wer jahrzehntelang beste Arbeit leistet, kann über Nacht für die Rendite rausgekegelt werden; frei von Gerechtigkeit ist sie: Die Reallöhne der Mitarbeiter sind zwischen 2000 und 2012 um 1,8 Prozent gesunken, während die Unternehmensgewinne durch die Decke schießen; und frei ist sie von einer Abgrenzung zum Privatleben: Der Feierabend ist kein Schlusspfiff mehr, nur noch Auftakt zur Verlängerung.

Gesunde Menschen gehen rein in die Firmen, und kranke kommen raus. Die Fließbänder der schönen neuen Arbeitswelt produzieren Volksleiden wie Bluthochdruck, ADHS und Burnout. Beschossen mit E-Mails, bombardiert mit Projekten, behelligt von Anrufen, bedrängt von Zielen - so rotiert der Mitarbeiter um die eigene Achse.

Das Drehbuch der seelischen Überforderung wird von Managern geschrieben: Wie sollen Mitarbeiter die Qualität ihrer Arbeit erhöhen, wenn zugleich immer weniger Zeit dafür bleibt? Wie sollen sie größere Arbeitsmengen bewältigen, wenn zugleich immer mehr Planstellen ausradiert werden? Und wie sollen sie loyale Diener ihrer Firma sein, wenn diese Firma sich ihrer nur bedient, sie als Zeitarbeiter hinhält, als Überstunden-Sklaven ausbeutet, mit Hungerlöhnen abspeist?

Arbeit ist heutzutage das, was niemals fertig wird. Schon gar nicht vor Feierabend. Fertig sind nur die Arbeitnehmer. Mit ihren Nerven.

Der Artikel ist ein gekürzter Auszug aus Martin Wehrles Buch "Bin ich hier der Depp? - Wie Sie dem Arbeitswahn nicht länger zur Verfügung stehen". Mehr davon demnächst auf KarriereSPIEGEL.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 172 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. hätte mich auch gewundert - dann las ich: Karriere Spiegel !
neolibby 10.10.2013
Zitat von sysopCorbisMails um Mitternacht, Berge von Überstunden: Für immer mehr Menschen hört die Arbeit nie auf, hat Karrierecoach Martin Wehrle beobachtet. Der Frühkapitalismus kehrt zurück, und die Globalisierung ist die perfekte Ausrede. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/martin-wehrle-ueber-die-arbeitswelt-der-globalisierung-a-926817.html
zu und weg. Auf den SOPA-Kanälen gibts einige Sendungen wie"weg aus Deutschland" u.ä. - da gehört der Karriere Spiegel auch hin..
2.
ag999 10.10.2013
Nein sagen und fertig. Meine überstunden in der Firma sollten plötzlich meine "Freizeit" sein alles abgegolten mit dem Gehalt. Nur ist es leider so das ich meine Freizeit selbst priorisiere, seither gab es keinerlei abendliche Schichten mehr um die IT Infrastruktur zu warten. Thema erledigt.
3.
Iggy Rock 10.10.2013
Primär schuftet man noch immer hauptsächlich für die Reichen, nur will das den Wenigsten einleuchten. Da müssen die Ärmsten einer Gesellschaft als Sündenböcke herhalten, welch ein Hohn!
4.
Maya2003 10.10.2013
Natürlich, alles dient dem Erhalt des Systems - und wer davon am meisten profitiert dürfte mittlerweile sogar der treueste CSU Wähler im Bayrischen Wald verstanden haben. WIR wählen diese Leute immer wieder in Amt und Würden, damit sie dann die Interessen der oberen 10% bedienen - und die 1% NOCH reicher machen. Wie pervers der derzeitige Kapitalismus und seine Auswüchse sind sagen folgende Zahlen: 100 Deutsche besitzen ein Vermögen von 330 MILLIARDEN und 70000 besitzen 25% des Volksvermögens. Aber für Steuererhöhungen OBEN ist kein Raum :) Verdienen wir es anders ? Angesichts des letzten Wahlergebniss' wohl kaum. Wer Kritik übt landet ganz schnell in der Kommunisten-Schublade, von den Medien (die ein paar hundert Reichen gehören) geächtet - die moderne Form des Scheiterhaufens. Und der Pöbel steht dabei und klatscht. Der Mensch ändert sich nie.
5.
glen13 10.10.2013
Zitat von sysopCorbisMails um Mitternacht, Berge von Überstunden: Für immer mehr Menschen hört die Arbeit nie auf, hat Karrierecoach Martin Wehrle beobachtet. Der Frühkapitalismus kehrt zurück, und die Globalisierung ist die perfekte Ausrede. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/martin-wehrle-ueber-die-arbeitswelt-der-globalisierung-a-926817.html
Alles negative in diesem Bericht stimmt. Ich habe mit sehr vielen Category Managern der großen Handelskonzerne zu tun. 80 % dieser Manager sind ausgebrannt, depressiv und völlig überfordert. Nicht wegen mangelnder Intelligenz oder Willen, sondern weil ständig wechselnde Geschäftsleitungen auf immer wieder neue irrsinnige Ideen kommen, wie man noch mehr Personal einsparen kann. Im Beratersprech: "Verschlanken". Diese völlig ahnungslosen BWL - Knechte machen alles falsch, was zum Erfolg führen könnte. Die Menschen in den mittleren Führungspositionen der Handelskonzerne sind zu bedauern.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zum Autor
  • Martin Frommann
    Martin Wehrle (Jahrgang 1970) war Manager, bevor er Karriereberater und Gehaltscoach wurde. Er ist Autor der Bücher "Lexikon der Karriere-Irrtümer", "Ich arbeite in einem Irrenhaus" und "Bin ich hier der Depp?".
Verwandte Themen

Anzeige
Die schlimmsten Chef-Sprüche (7)

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil



Fotostrecke
Karriereverweigerer: Talente verzichten auf Führungsanspruch

Social Networks