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Unternehmen Irrsinn Geht's noch, Firma?

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Corbis

Wahnsinn: Lohnarbeit ist oft zum Aus-der-Haut-Fahren

Ihre Firma ist ein Irrenhaus? Sie sind nicht allein! Der Karriereberater und -Coach Martin Wehrle hat Hunderte Geschichten über den Aberwitz des deutschen Büroalltags gesammelt. Ein Sittengemälde unternehmerischen Versagens.

Die moderne Arbeitswelt ist ein Schlachtfeld, gesäumt von Motivationsleichen, von Burnout-Kranken, von Rausgemobbten und Reingerittenen. Wie weit der Irrsinn in den Firmen fortgeschritten ist, weiß niemand so gut wie die Mitarbeiter. Sie sind live dabei, wenn Chefs aus der Haut und Firmen an die Wand fahren.

Die Mitarbeiter zeigen eine allergische Reaktion auf das, was sie täglich in ihren Firmen erleben: auf eine Personalauswahl, die Unfähigkeit zum Einstellungskriterium erhebt; auf Managemententscheidungen, die nur ein anderes Wort für "Geschäftsschädigung" sind; auf Chefs, die den Hammer der Sparmaßnahmen so lange schwingen, bis mit den Arbeitsplätzen auch die Arbeitsfähigkeit zertrümmert ist.

"Warum sitzen Sie denn noch so freudestrahlend an der Kasse?", wird eine Schlecker-Mitarbeiterin am 20. Januar 2012 von einem Kunden gefragt. Als ganz Deutschland schon weiß, dass Schlecker in die Insolvenz gehen wird, als jede Radio- und Fernsehstation die Hiobsbotschaft sendet - da haben die Insassen des Irrenhauses Schlecker noch keine Ahnung davon. Die Presseagenturen wurden vor ihnen informiert. Ist ja nur die Belegschaft - die wird's noch früh genug erfahren.

Während die moderne Managementlehre behauptet, die Köpfe der Mitarbeiter entschieden über die Zukunft eines Unternehmens, entscheiden die modernen Manager mit Vorliebe über diese Köpfe hinweg. Hier ein paar Beispiele aus über 2000 Fällen, die mir Leser meines Buches "Ich arbeite in einem Irrenhaus" geschildert haben und die Sie im Nachfolgeband "Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus" nachlesen können.

Die (un)heimlichen Regeln deutscher Unternehmen

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Die Zentrale einer großen Einzelhandelsfirma beschloss zum Beispiel, auf dem Parkplatz einer Kleinstadtfiliale künftig nur noch eine Parkzeit von 45 Minuten zu gestatten. Jeder Kunde musste eine Parkscheibe in die Windschutzscheibe legen. Wer das versäumte oder zu lange parkte, wurde gnadenlos abgeschleppt.

Eine Mitarbeiterin schreibt mir: "Wir haben sofort protestiert. Uns war klar, dass die Kunden im Zweifel nicht nur bei den Supermärkten der Konkurrenz parken, sondern auch dort einkaufen würden." Doch die Irrenhaus-Direktoren in der Zentrale schüttelten die Bedenken ihrer Mitarbeiter ab.

Erst abschleppen, dann fragen

So kam es zu dramatischen Szenen: Die Autos von langjährigen Kunden, die das Geschäft gerade erst betreten hatten, wurden vor ihren Augen abgeschleppt - weil sie die Parkscheibe vergessen hatten. Die Kunden waren stocksauer. Der Parkplatz wurde leerer. Die Gänge im Supermarkt auch.

Der Umsatz brach ein. Was den Mitarbeitern nicht gelungen war, gelang den Zahlen nach drei Monaten: Sie überzeugten das Management, unbegrenztes Parken wurde wieder erlaubt.

Der Mitarbeiter gilt als Untertan, der seinen Kopf nur zum Nicken gebrauchen soll, sogar bei absurden Zumutungen. Einen solchen Fall berichtet mir ein Betriebswirt. Sein Chef trug den Beinamen "Bleifuß". Mit quietschenden Reifen jagte er seinen Dienstwagen über die Straßen. Dienstfahrten mit ihm galten als Himmelfahrtskommando. Wer noch kein Testament hatte, war gut beraten, vorher eines zu machen.

"Wie viele Punkte haben Sie in Flensburg?"

Natürlich blieb es nicht aus, dass er geblitzt wurde. Dem Betriebswirt war es ein Rätsel, warum der Chef seinen Führerschein noch hatte - bis dieser eines Abends zu ihm ins Büro schneite und ihn fragte: "Wie viele Punkte haben Sie in Flensburg?" - "Keinen." - "Wunderbar! Dann können Sie doch ein paar Punkte von mir übernehmen." - Grimm lachte, weil er das für einen Scherz hielt. "Seit wann wird mit Flensburger Punkten ein Emissionshandel betrieben?" - "Ein paar Ihrer Kollegen waren so nett, mich immer wieder zu unterstützen. Ich gebe auf meinem Anhörungsbogen einfach an, dass Sie der Fahrer waren und die 28 Stundenkilometer zu schnell gefahren sind." - "Aber auf dem Foto sind doch Sie zu sehen!" - "Ich hatte eine Sonnenbrille auf. Wenn ich Sie als Fahrer angebe und Sie den Strafbescheid annehmen, läuft die Sache reibungslos durch."

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Chef-Typologie: Superstars, kreative Chaoten, Nichtskönner
Der Chef bot an, den Bußgeldbescheid zu begleichen. Und schon waren die Punkte an den Mitarbeiter delegiert, als würde ihre Übernahme zum Jobprofil gehören. Solche Akte der Willkür sind keine Ausnahme, vor allem nicht gegenüber Zeitarbeitern. Mehrere haben mir berichtet, dass sie von ihren Vorarbeitern als Privatsklaven eingespannt werden, zum Beispiel für Einkäufe oder Umzüge. Ihr Chef brauche nur einmal zum Telefonhörer zu greifen, um den Arbeitseinsatz zu beenden. Dieses Wissen steigert die Nehmerqualitäten der Zeitarbeitnehmer bis ins Unzumutbare.

Sogar hinter Aktionen, die mitarbeiterfreundlich wirken, kann sich Firmen-Irrsinn verbergen. So fährt ein norddeutscher Konzern die Kampagne: "Wir stärken unseren Mitarbeitern den Rücken!" Jeder Mitarbeiter kann einen Gutschein für Krankengymnastik bekommen. Aber nur, wenn er ein ganzes Jahr lang keinen einzigen Tag krank war. Wer gefehlt hat, etwa mit Rückenbeschwerden, und den Gutschein dringend bräuchte, geht leer aus - sogar dann, wenn ihm ein gesunder Kollege seinen Gutschein abtreten will. Ausdrücklich verboten! Der Konzern spart viel Geld: Die Kerngesunden lösen ihre Gutscheine kaum ein.

Eine verschollene Karte wird mit 795 Kopien belastet

Der Irrsinn der Firmen kommt selten allein, er zieht einen Rattenschwanz der Bürokratie nach sich. Zum Beispiel führte neulich ein großer Maschinenbauer für jeden Mitarbeiter eine Kopierkarte ein. Jeder soll gründlich überlegen, ob er seinen guten Namen mit einer Kopie belasten will!

Seither hat der Fußgängerverkehr auf den Fluren massiv zugenommen: Die meisten Mitarbeiter müssen jetzt zweimal zum Kopierer laufen, weil sie im ersten Anlauf die Karte nicht dabei haben.

Immer wieder passiert es, dass ein Mitarbeiter seine Karte im Kopierer vergisst. Und wenn der Unglückswurm am Abend sein Missgeschick bemerkt, haben sich 795 Kopien auf seiner Karte gesammelt. Ein Abteilungsleiter hat einen Ingenieur angewiesen, die Nutzer seiner Karte ausfindig zu machen, um die Kopien auf andere Kostenstellen zu verteilen. Die Recherche des gutbezahlten Ingenieurs, der alle Kollegen auf dem Flur einzeln verhörte ("Gibt es Zeugen, dass du nicht am Kopierer warst?"), hat schätzungsweise das 30fache der kompletten Kopien gekostet.

Solcher Irrsinn treibt den Blutdruck der Mitarbeiter nach oben und lässt ihre Arbeitslust abstürzen. Wer sich als zweibeiniges Sparschwein dem Dauerfeuer der Kostenkiller ausgeliefert, von der Konzernbürokratie gegängelt und von zynischen Managern ausgenutzt fühlt, nimmt seine Firma nicht als Arbeitgeber, sondern als Arbeitshindernis wahr - als echtes Irrenhaus eben.


Der Artikel ist ein gekürzter Auszug aus Wehrles Buch "Ich arbeite noch immer in einem Irrenhaus". Mehr davon nächste Woche auf KarriereSPIEGEL.

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insgesamt 45 Beiträge
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    Seite 1    
1. sehr reißerisch
Wulflam 27.09.2012
also ganz ehrlich: das ist ja eine nette Zusammenstellung, die Herr Wehrle da erstellt hat, aber ich halte das für sehr reißerisch, damit sich das Buch gut verkauft. Idioten gibt es zwar überall, aber die Beispiele halte ich nicht für repräsentativ. Es gibt viele (zu viele) unzufriedene Mitarbeiter in deutschen Unternehmen. Das resultiert aber m.E. eher aus den kleinen Dingen im Alltag: wenig Anerkennung für gute Arbeit, keine Rücksicht auf individuelle Situationen (Alleinerziehende etc.), das Verschließen der Augen vor Missständen, Angst vor Entscheidungen und Risiken, ... - aber das hat alles eine andere Qualität als die Vorkommen, bei denen man zurecht sagen muss, dass man sich im Irrenhaus wähnt, was für jeden normal Denkenden ersichtlich ist. Aber die kleinen Dinge, die m.E. viel schlimmere Konsequenzen haben, verkaufen sich halt nicht so gut. Im Übrigen sind deutsche Unternehmen insgesamt ja recht erfolgreich, so dass Nonsens-Entscheidungen nicht so weit verbreitet sind . Unzufrieden sind die Mitarbeiter ja vielleicht trotz des Erfolgs ...
2. Die Nummer mit...
olaf m. 27.09.2012
...dem "Angebot" der Übernahme von Punkten in Flensburg habe ich 1:1 ebenfalls erlebt. Kaum zu glauben, aber es war so. Etwa ein Jahr später habe ich, nach anderen Zumutungen, meine Sachen gepackt und bin aus dem Anwaltsbüro, in dem ich damals (bis Ende 2010) tätig war, abgehauen. Natürlich mit dem Image des Nestbeschmutzers und mit sechs Monaten Kündigungsfrist, ein ziemlich zeitintensives böses und fieses Spießrutenlaufen. Und jetzt kommt die gebotene Beleidigung: Elende - das Wort fängt mit "A" an und endet mit - "öcher". Dafür habe ich nicht 6 1/2 Jahre studiert. Sollen sie von mir aus alle sterben gehen. Oder irgendwann in den Knast.
3. Wilder Wahn
ChrisQa 27.09.2012
Zitat von Wulflamalso ganz ehrlich: das ist ja eine nette Zusammenstellung, die Herr Wehrle da erstellt hat, aber ich halte das für sehr reißerisch, damit sich das Buch gut verkauft. Idioten gibt es zwar überall, aber die Beispiele halte ich nicht für repräsentativ. ... Im Übrigen sind deutsche Unternehmen insgesamt ja recht erfolgreich, so dass Nonsens-Entscheidungen nicht so weit verbreitet sind . Unzufrieden sind die Mitarbeiter ja vielleicht trotz des Erfolgs ...
Ich kann aus eigener Erfahrung sowohl als Angestellter als auch als Freiberufler diese Beispiele nur bestätigen. Firmen, die von ihrem Grosskunden den Auftrag akzeptierten, zu untersuchen, wie sie ihren eigenen Umsatz reduzieren können; Geschäftsführer, die in einer Krise statt einer Erweiterung oder Umstrukturierung des Geschäftsfeldes in Angriff zu nehmen, lieber darüber nachdenken, wie sie durch den Verkauf des Unternehmens eine Provision abgreifen können (obwohl die Inhaber der Firma genau das nicht wollten); Mitarbeiter, die man für Spezialaufgaben ab und zu benötigt, in der sonstigen Zeit quasi Blumen beim wachsen zusehen zu lassen; Vorstände, die sich höchstpersönlich mit der Auswahl der Tassen für die Betriebskantine auseinandersetzen; Vorstände, die sich weigern, die Produkte der eigenen Firma zu benutzen; Gründung einer Tochterfirma zum Vertrieb eines Produkts, der man dann die Produktnutzungsrechte 2 Wochen nach Gründung entzieht und all solch traurige Sachen sind Realität. Dass Firmen mitunter trotzdem erfolgreich sind, liegt oft mehr an den Mitarbeitern als den Entscheidern. Die Mitarbeiter sind meist zwar stolz auf ihre Arbeit, aber verzweifelt ob des Irrsinns der Geschäftsleitung.
4. optional
Mehrleser 27.09.2012
"Der Artikel ist ein gekürzter Auszug aus Wehrles Buch "Ich arbeite noch immer in einem Irrenhaus". Mehr davon nächste Woche auf KarriereSPIEGEL" - oh nein, schon wieder Werbung für ein Buch, das die Welt nicht braucht. Dann doch lieber Dilbert!
5. Großartig!
row4x5 27.09.2012
Auch ich habe Bekannte im Freundeskreis, die immer wieder Glück mit ihren Vorgesetzten gehabt haben. Einmal jedoch hatte ich so richtig Pech und ich frage mich immer noch, wie dieses Unternehmen es schafft regelmäßig im letzten Moment die Pleite abzuwenden!
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Zum Autor
Martin Frommann
Martin Wehrle (Jahrgang 1970) war Manager, bevor er Karriereberater und Gehaltscoach wurde. Er ist Autor der Bücher "Lexikon der Karriere-Irrtümer" und "Ich arbeite in einem Irrenhaus".
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