Die moderne Arbeitswelt ist ein Schlachtfeld, gesäumt von Motivationsleichen, von Burnout-Kranken, von Rausgemobbten und Reingerittenen. Wie weit der Irrsinn in den Firmen fortgeschritten ist, weiß niemand so gut wie die Mitarbeiter. Sie sind live dabei, wenn Chefs aus der Haut und Firmen an die Wand fahren.
Die Mitarbeiter zeigen eine allergische Reaktion auf das, was sie täglich in ihren Firmen erleben: auf eine Personalauswahl, die Unfähigkeit zum Einstellungskriterium erhebt; auf Managemententscheidungen, die nur ein anderes Wort für "Geschäftsschädigung" sind; auf Chefs, die den Hammer der Sparmaßnahmen so lange schwingen, bis mit den Arbeitsplätzen auch die Arbeitsfähigkeit zertrümmert ist.
"Warum sitzen Sie denn noch so freudestrahlend an der Kasse?", wird eine Schlecker-Mitarbeiterin am 20. Januar 2012 von einem Kunden gefragt. Als ganz Deutschland schon weiß, dass Schlecker in die Insolvenz gehen wird, als jede Radio- und Fernsehstation die Hiobsbotschaft sendet - da haben die Insassen des Irrenhauses Schlecker noch keine Ahnung davon. Die Presseagenturen wurden vor ihnen informiert. Ist ja nur die Belegschaft - die wird's noch früh genug erfahren.
Während die moderne Managementlehre behauptet, die Köpfe der Mitarbeiter entschieden über die Zukunft eines Unternehmens, entscheiden die modernen Manager mit Vorliebe über diese Köpfe hinweg. Hier ein paar Beispiele aus über 2000 Fällen, die mir Leser meines Buches "Ich arbeite in einem Irrenhaus" geschildert haben und die Sie im Nachfolgeband "Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus" nachlesen können.
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Eine Mitarbeiterin schreibt mir: "Wir haben sofort protestiert. Uns war klar, dass die Kunden im Zweifel nicht nur bei den Supermärkten der Konkurrenz parken, sondern auch dort einkaufen würden." Doch die Irrenhaus-Direktoren in der Zentrale schüttelten die Bedenken ihrer Mitarbeiter ab.
Erst abschleppen, dann fragen
So kam es zu dramatischen Szenen: Die Autos von langjährigen Kunden, die das Geschäft gerade erst betreten hatten, wurden vor ihren Augen abgeschleppt - weil sie die Parkscheibe vergessen hatten. Die Kunden waren stocksauer. Der Parkplatz wurde leerer. Die Gänge im Supermarkt auch.
Der Umsatz brach ein. Was den Mitarbeitern nicht gelungen war, gelang den Zahlen nach drei Monaten: Sie überzeugten das Management, unbegrenztes Parken wurde wieder erlaubt.
Der Mitarbeiter gilt als Untertan, der seinen Kopf nur zum Nicken gebrauchen soll, sogar bei absurden Zumutungen. Einen solchen Fall berichtet mir ein Betriebswirt. Sein Chef trug den Beinamen "Bleifuß". Mit quietschenden Reifen jagte er seinen Dienstwagen über die Straßen. Dienstfahrten mit ihm galten als Himmelfahrtskommando. Wer noch kein Testament hatte, war gut beraten, vorher eines zu machen.
"Wie viele Punkte haben Sie in Flensburg?"
Natürlich blieb es nicht aus, dass er geblitzt wurde. Dem Betriebswirt war es ein Rätsel, warum der Chef seinen Führerschein noch hatte - bis dieser eines Abends zu ihm ins Büro schneite und ihn fragte: "Wie viele Punkte haben Sie in Flensburg?" - "Keinen." - "Wunderbar! Dann können Sie doch ein paar Punkte von mir übernehmen." - Grimm lachte, weil er das für einen Scherz hielt. "Seit wann wird mit Flensburger Punkten ein Emissionshandel betrieben?" - "Ein paar Ihrer Kollegen waren so nett, mich immer wieder zu unterstützen. Ich gebe auf meinem Anhörungsbogen einfach an, dass Sie der Fahrer waren und die 28 Stundenkilometer zu schnell gefahren sind." - "Aber auf dem Foto sind doch Sie zu sehen!" - "Ich hatte eine Sonnenbrille auf. Wenn ich Sie als Fahrer angebe und Sie den Strafbescheid annehmen, läuft die Sache reibungslos durch."
Sogar hinter Aktionen, die mitarbeiterfreundlich wirken, kann sich Firmen-Irrsinn verbergen. So fährt ein norddeutscher Konzern die Kampagne: "Wir stärken unseren Mitarbeitern den Rücken!" Jeder Mitarbeiter kann einen Gutschein für Krankengymnastik bekommen. Aber nur, wenn er ein ganzes Jahr lang keinen einzigen Tag krank war. Wer gefehlt hat, etwa mit Rückenbeschwerden, und den Gutschein dringend bräuchte, geht leer aus - sogar dann, wenn ihm ein gesunder Kollege seinen Gutschein abtreten will. Ausdrücklich verboten! Der Konzern spart viel Geld: Die Kerngesunden lösen ihre Gutscheine kaum ein.
Eine verschollene Karte wird mit 795 Kopien belastet
Der Irrsinn der Firmen kommt selten allein, er zieht einen Rattenschwanz der Bürokratie nach sich. Zum Beispiel führte neulich ein großer Maschinenbauer für jeden Mitarbeiter eine Kopierkarte ein. Jeder soll gründlich überlegen, ob er seinen guten Namen mit einer Kopie belasten will!
Seither hat der Fußgängerverkehr auf den Fluren massiv zugenommen: Die meisten Mitarbeiter müssen jetzt zweimal zum Kopierer laufen, weil sie im ersten Anlauf die Karte nicht dabei haben.
Immer wieder passiert es, dass ein Mitarbeiter seine Karte im Kopierer vergisst. Und wenn der Unglückswurm am Abend sein Missgeschick bemerkt, haben sich 795 Kopien auf seiner Karte gesammelt. Ein Abteilungsleiter hat einen Ingenieur angewiesen, die Nutzer seiner Karte ausfindig zu machen, um die Kopien auf andere Kostenstellen zu verteilen. Die Recherche des gutbezahlten Ingenieurs, der alle Kollegen auf dem Flur einzeln verhörte ("Gibt es Zeugen, dass du nicht am Kopierer warst?"), hat schätzungsweise das 30fache der kompletten Kopien gekostet.
Solcher Irrsinn treibt den Blutdruck der Mitarbeiter nach oben und lässt ihre Arbeitslust abstürzen. Wer sich als zweibeiniges Sparschwein dem Dauerfeuer der Kostenkiller ausgeliefert, von der Konzernbürokratie gegängelt und von zynischen Managern ausgenutzt fühlt, nimmt seine Firma nicht als Arbeitgeber, sondern als Arbeitshindernis wahr - als echtes Irrenhaus eben.
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