Von Michael Freitag und Dietmar Student
Es gibt Jobwechsel, die sind Neustart, Heimkehr und Wiedervereinigung zugleich. So jedenfalls hat es Alberto Sanz de Lama, 43, erfahren, als er 2009 die Geschäftsführung der Online-Börse Autoscout 24 übernahm. Der Einsteiger wusste, er würde bei der Telekom-Tochter auf "ähnliche Seelen" treffen, auf "eine intellektuelle, analytische und sehr effiziente Arbeitsweise". Denn in Sanz de Lamas Vita steht unter anderem ein knappes Jahr bei McKinsey.
Autoscout 24 ist ein Sammelbecken für Ehemalige der weltgrößten Strategieberatung. Die Gründer Nicola Carbonari, 49, und Nikolas Deskovic, 48: McKinsey. Martin Enderle, 46, vom Autoscout-CEO zum Chef der Obergesellschaft Scout 24 aufgestiegen: McKinsey. Und als Sanz de Lama 2010 einen neuen Verantwortlichen für den französischen Markt suchte, instruierte er den Headhunter entsprechend: Er suche eine Kombination aus 40 Prozent internationaler, 30 Prozent operativer Erfahrung - und 30 Prozent McKinsey: Eric Laffont, 44, bekam den Job, ein ehemaliger Meckie.
So geht es ständig in der Welt der Mächtigen: In den Vorständen internationaler Konzerne, auf Ministerposten, in Kulturorganisationen, Stiftungen und auch in Internetfirmen wie Autoscout 24: Die Jünger McKinseys sind überall. Es scheint ein bisschen so wie in der Waschmittelwerbung der siebziger Jahre: McKinsey - da weiß man, was man hat.
Das Beispiel von Autoscout 24 illustriert, wie die bekannteste und berüchtigste Beraterfirma der Welt ein Beziehungsgeflecht aus Ehemaligen knüpft und in ein Unternehmen eindringt: nach und nach, subtil und (scheinbar) zufällig.
Vom Konzernchef bis zur Uno-Botschafterin
In zehn der 30 Dax-Vorstände sitzen ehemalige McKinsey-Berater, getreu McKinseys interner Maßgabe, "leaders for the outside" zu formen. "Unsere Alumni sind globale Anführer auf ökonomischem, sozialem und kulturellem Gebiet", protzt Weltchef Dominic Barton, 50.
Der Mann hat beim Lobpreisen sicher Leute vor Augen wie Morgan-Stanley-Chef James Gorman, 54, Facebooks Power-Frau Sheryl Sandberg, 43, den britischen Außenminister William Hague, 51, die amerikanische Uno-Botschafterin Susan Rice, 47, und wohl auch den US-Menschenrechtsanwalt Jared Genser, 40, zu dessen Klienten unter anderem Aung San Suu Kyi, Václav Havel und Desmond Tutu zählten. Ein Viertel der Alumni haben nach dem Ausscheiden ihr eigenes Unternehmen angemeldet. Wie der US-Internetinvestor Matt Cohler, 35, der nun in Berlin eine Art Facebook für Forscher aufziehen will. Oder der Hamburger Gregor Gerlach, 43, dem die Idee mit der Nudelkette Vapiano kam.
Das aufwendig gepflegte Netz ist Bestandteil des Geschäftsmodells, wie die Powerpoint-Vorlage und der anthrazitfarbene Anzug. Als Treibmittel fungiert ein Auswahlverfahren, das im bisweilen brutalen Beraterjargon als "Up or out"-Prinzip bezeichnet wird: rauf oder raus. McKinsey buhlt um die Besten von den Universitäten. Aber da die Firma als Pyramide gebaut ist, wird die interne Karriere immer schwieriger, je höher man aufsteigt. Nur ein Fünftel der Novizen schafft es bis nach oben; 80 Prozent werden im Lauf der Zeit vor die Tür komplimentiert oder gehen von sich aus. Aber McKinsey lässt die Abwanderer nicht hängen, sorgt sich um sie, bietet ihnen Jobalternativen in der Wirtschaft, nimmt sie auf in die exklusive Alumni-Gemeinde.
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