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Medizintourismus Die Zähne von drüben

Medizintourismus: Die Zähne von drüben Fotos
DPA

Wer Urlaub machen will, muss manchmal leiden: Medizintourismus boomt und prägt ganze Landstriche. Aus polnischen Dörfern wurden Kurorte mit Klinikzentren und viel Kundschaft aus Westeuropa. Vor allem die billigen Behandlungen locken deutsche Gäste, die Risiken oft ausblenden.

Schönheit kann teuer sein. "Das geht in die Zehntausende", sagt die Berlinerin Margarete Denner*, 67. Sie hat sich aus ästhetischen Gründen ihr Gebiss sanieren lassen. "Meine Krankenkasse hat für die Implantate keinen Cent erstattet", so die pensionierte Lehrerin. Für die Versicherer ist das selbstverständlich. Solche Behandlungen seien "medizinisch nicht notwendig", heißt es bei den gesetzlichen Kassen. Für die Kosten müssen die Patienten folglich selbst aufkommen.

Denner gehört zur deutschen Kundschaft polnischer Spezialisten. Katarzyna Jaswig ist Managerin des European Dental Center in Stettin, das für Zahnbehandlungen aller Art "europäische Qualität zu polnischen Preisen" verspricht. Konkret: In Deutschland kostet ein Implantat mit Krone oft 1500 Euro; Jaswig bietet den "kompletten Zahnersatz für 700 bis 900 Euro" an. Die Betäubungsspritze gibt es gratis dazu.

Bei einer kompletten Gebiss-Sanierung geht die Rechnung für die Patienten auch dann auf, wenn bei einer aufwendigen Operation Kosten für Anreise und Übernachtungen anfallen. "Wir arbeiten mit Hotels in der Umgebung zusammen, die uns Rabatte gewähren", so Jaswig. Wer nur auf den Preis schaut, findet mit Hilfe der Klinik ein Einzelzimmer für 17,50 Euro pro Nacht.

Viele deutsche Patienten wollen jedoch mehr: "Sie verbinden die Behandlung mit einem kleinen Urlaub", sagt Jaswig. Das Stettiner Haff liegt vor der Haustür, bis nach Swinemünde und in andere Ferienorte an der polnischen Ostseeküste sind es keine hundert Kilometer. "Diese Nähe ist für uns ein unglaublicher Standortvorteil", sagt die Klinik-Managerin.

"Zahnersatz im Urlaub kostenlos"

Kein Wunder, dass der Medizintourismus in Stettin seit Jahren boomt. "Allein im Umkreis von wenigen hundert Metern um unsere Klinik finden Sie fünf weitere Zahnarztpraxen", so Jaswig. Sieben Ärzte arbeiten im European Dental Center, vier davon sind auf Zahnersatz und Implantate-Medizin spezialisiert. Die Sommer- und Ferienzeit ist für sie Hochsaison, denn jeder fünfte Patient kommt aus Deutschland.

Medizintourismus: Das sollten Sie wissen
Die Behandlungsarten
Egal ob Zahnbehandlung, Augenlaser-Behandlung, Präimplantationsdiagnostik oder Bypass-Operation: Medizintouristen können mittlerweile fast alles im Ausland machen lassen. Einer McKinsey-Studie zufolge werden im Jahr 2012 geschätzte 100 Milliarden US-Dollar mit Medizintourismus verdient werden; 2004 waren es lediglich 40 Milliarden.
Die rechtliche Seite bis heute
Der Europäische Gerichtshof hat in mehreren Urteilen entschieden, dass Krankenkassen die Kosten erstatten müssen, die ihre Mitglieder für eine Behandlung im Ausland vorgestreckt haben, sei es für Krankenhausaufenthalte, eine Zahnbehandlung oder ein künstliches Hüftgelenk. Teilweise muss die Behandlung zuvor genehmigt werden (EuGH-Urteile C-157/99, C-385/99, C-372/04).

Was die EU ändern will
Eine neue EU-Richtlinie soll ab 2013 auch das ändern: Dann soll es möglich sein, den Arzt, das Krankenhaus, die Apotheke in einem der EU-Mitgliedstaaten frei zu wählen. Wer sich ambulant behandeln lässt, bekommt dann die Kosten erstattet, ohne es vorher mit der Krankenkasse abzustimmen. Voraussetzung ist, dass es nicht mehr kostet als im Heimatland. Details stehen in der Mitteilung der Bundesregierung über Patientenrechte in der EU.
Risiken und Hilfen
Schon allein die Sprachbarriere kann zu Fehlbehandlungen führen - womit Folgekosten für den Patienten im Heimatland entstehen. Außerdem kann es passieren, dass sich der Patient im Ausland mit hochaggressiven Krankheitserregern ansteckt; so geschehen 2010, als das sogenannte "Super-Bakterium" NDM-1, resistent gegen jede Form von Antibiotikum, vermutlich von Medizintouristen aus Indien nach Europa "mitgebracht" worden war.

Erste Hilfe für eine sichere medizinisch motivierte Reise ins Ausland bietet zum einen die ausführliche Handreichung der Verbraucherzentrale . Außerdem ein Anhaltspunkt: die Hospitäler, die bei der Joint Commission International (JCI) gelistet sind; die JCI hat unter anderem mit der Weltgesundheitsorganisation WHO eine Institution gegründet, deren Regeln die Sicherheit der Patienten weltweit gewährleisten sollen.
Was im grenznahen Stettin funktioniert, hat inzwischen eine ganze Region erfasst. Die gesamte polnische Ostseeküste zwischen der Oder-Mündung und Danzig ist spätestens seit dem EU-Beitritt Polens ein Magnet für Gesundheitstouristen aus dem Westen. In Swinemünde legt man derzeit letzte Hand an ein 25 Millionen Euro teures Behandlungszentrum mit Platz für rund 600 Patienten. Und im traditionsreichen Kurort Kolberg säumen Plakate die Strandpromenade, die - in deutscher Sprache - "Zahnersatz im Urlaub kostenlos" offerieren und die "Erstattung durch alle Krankenkassen" versprechen.

Die warnen jedoch, genau wie Ärzteverbände, das Auswärtige Amt oder die Verbraucherzentralen, vor den Risiken des Medizintourismus; egal ob man sich einer Augen-Lasertherapie, einer Schönheits-OP oder einen Embryo einem Gentest unterziehen möchte. Gerade die Sprachbarriere könne zu fehlerhaften Behandlungen führen, die Folge: Komplikationen und Folgekosten in Deutschland. Die Angst deutscher Ärzteverbände, immer mehr potentielle Patienten ans benachbarte Ausland oder Indien, Südamerika oder Thailand zu verlieren, ist nicht unbegründet.

Jedes Jahr zur Kur

Denn auch dies gehört zur Wahrheit: Wer sich einer regulären Behandlung mit begrenzter Eigenbeteiligung unterzieht, bekommt sein Geld von der Versicherung zurück, wie in Deutschland auch. "Innerhalb der EU besteht beim Arztbesuch Wahlfreiheit", erklärt Manuela Pohl vom Ersatzkassenverband VDEK. Mehr noch: Längst locken nicht nur Zahnärzte und Schönheitschirurgen mit preiswerten Angeboten Deutsche, Niederländer, Briten und Skandinavier nach Polen. Auch "Kurlauber" brechen zur Rehabilitation oder zum Wellness-Urlaub gen Osten auf.

So verbringt Ingeborg Gründler aus Cottbus ihren "Gesundheitsurlaub", wie sie es nennt, in diesem Jahr in dem kleinen Fischerort Dabki, 25 Kilometer nordöstlich von Koszalin (Köslin). Das 300-Seelen-Dorf ist malerisch gelegen, auf der schmalen Landzunge zwischen Ostsee und Buckower See. "Der Sand am Strand ist hier viel feinkörniger und weißer als an der deutschen Küste", schwärmt Gründler, 80.

Der Weg nach Dabki führt durch uralte Alleen und vorbei an zahllosen Storchennestern, in denen sich in diesen Sommertagen der flügge gewordene Nachwuchs tummelt. Es ist nicht allein die Landschaft, die Gründler nach Dabki lockte. "Meine Krankenkasse zahlt nur alle vier Jahre eine Kur", erklärt die alte Dame, die noch immer viel reist und das mindestens einmal jährlich mit einem Gesundheitsurlaub verbindet. Also schaut sie auf die Rechnung. Und auch wenn sich das Preisniveau "immer stärker angleicht", wie Gründler sagt: In Polen liegen die Kosten für Heilmassagen und andere physiotherapeutische Anwendungen etwa 30 bis 40 Prozent unter dem deutschen Niveau.

Gerade in der Rehabilitationsmedizin steigt seit Jahren der Eigenanteil, den Patienten in Deutschland zu zahlen haben. Reine Wellness-Angebote sind komplett selbst zu finanzieren. Davon profitieren nicht zuletzt deutsche Tourismusagenturen wie die Berliner Euromed, spezialisiert auf Kur- und Vitalreisen. Nach Expertenschätzungen reisten 2010 rund 175.000 Deutsche zu ärztlichen Behandlungen ins östliche Nachbarland - Tendenz langfristig steigend. Nach einem Rückgang während der Weltwirtschaftskrise rechnet der polnische Branchenverband PSTM allein für 2011 mit einem Wachstum von zehn Prozent.

Das Dorf lebt von den West-Gästen

Auch Ingeborg Gründler reiste mit Euromed nach Dabki und ist untergebracht im Sanatorium der "Traumhotelkette Geovita", das mitten in einem uralten Kiefernwald liegt und nur 120 Meter vom Meer entfernt ist. Zum Komplex gehören ein Schwimmbad mit Whirlpools und Sauna, Tennis- und Volleyballplätze, ein Konferenzsaal, ein Reha-Behandlungszentrum. Nicht ohne stillen Stolz führt Marlena Kozlowska über die Anlage. Die Hotelmanagerin hat an der Rezeption angefangen, war dann Buchhalterin und hat es nun zur Direktorin gebracht.

Das Geovita ist auf die Behandlung von Rheuma, Atemwegserkrankungen und Rückenleiden spezialisiert. "Aus Deutschland kommen zu uns vor allem ältere Leute", sagt Kozlowska. Sie freut sich, "dass die Damen und Herren auch in der Nebensaison reisen können, wenn unsere einheimischen Touristen ausbleiben". Jeder achte Geovita-Gast stammt aus dem Westen. Die deutschen Urlauber loben vor allem, wie gut sich das polnische Personal um ihre Wünsche kümmert. "Die Menschen sind hier bescheidener als bei uns", urteilt Gründler. "Ja", sagt Kozlowska und schmunzelt, "unser ganzes Fischerdorf lebt von seinen Gästen. Die Leute sind dankbar".

Dennoch können die preiswerten "Vitaltouren" in den Osten auch ihre Schattenseiten haben - vor allem, wenn intensive Therapien oder Operationen anstehen. Fachleute raten Patienten, die sich im Ausland behandeln lassen wollen, zu Vorsicht und genauer Prüfung. "Jeder sollte sich darüber im Klaren sein, dass bei einer Gesundheitsreise Nachuntersuchungen und weitere Eingriffe nötig werden können, die nicht ohne weiteres oder nur zu den entsprechenden Preisen in Deutschland möglich sind", heißt es bei den Krankenkassen.

Und dass die Qualität des regulären polnischen Gesundheitssystems darunter leidet, wenn sich die besten Ärzte auf die Privatbehandlung von Ausländern spezialisieren, zählt ebenfalls zu den Risiken und Nebenwirkungen des Medizintourismus.

(* Name geändert)

Ulrich Krökel (Jahrgang 1968) arbeitet seit dem Jahr 2000 als Osteuropa-Korrespondent für verschiedene Tageszeitungen und Online-Medien.

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