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Aufsichtsrat Daimler könnte Frauenanteil verdreifachen

Aufsichtsrat: Frauen-Power bei Daimler Fotos
REUTERS

Noch wird der Daimler-Konzern vor allem von Männern geführt - Vorstandschef Dieter Zetsche lehnt Quoten ab. Doch ab der nächsten Hauptversammlung werden bis zu sechs Daimler-Aufsichtsräte weiblich sein. Das verdankt Zetsche vor allem der Belegschaft.

Daimler-Chef Dieter Zetsche (59) ist nicht gerade als Fan der Frauenquote bekannt. "Ich bin kein Freund von Regulierungen oder Quoten", sagte er im Oktober. Ein Jahr zuvor war er sogar noch ein Stückchen weiter gegangen: "Wenn ich höre, dass in drei, vier Jahren 40 Prozent auf den Führungsposten Frauen sein sollen, dann verraten Sie mir bitte: Wohin soll ich all die Männer aussortieren?"

Egal ob 40 Prozent Frauenanteil in Top-Management und Aufsichtsrat gefordert sind oder 30 Prozent, der Vorstandschef des Stuttgarter Automobilkonzerns verlässt sich lieber auf sich selbst. 2020, so verspricht er, sei die Führungsebene des Daimler-Konzerns zu 20 Prozent in Frauenhand. Es wäre immerhin eine Verdoppelung binnen acht Jahren.

Nur noch gut acht Wochen indes könnte der Tag entfernt sein, an dem der Automobilbauer die erste zentrale Forderung der Quotenbefürworter erfüllt. Von der nächsten Hauptversammlung am 10. April an werden fünf, vielleicht sogar sechs der Daimler-Aufsichtsräte weiblich sein. Säßen dann tatsächlich sechs Frauen auf dem Podium, läge ihr Anteil im Kontrollgremium bei 30 Prozent. Daimler erfüllte damit als sechster der 30 Dax-Konzerne eine Quote, die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen der deutschen Wirtschaft so gerne gesetzlich vorschreiben möchte.

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Noch gehören dem Aufsichtsrat nur zwei Frauen an. Käme es so weit, wäre das nicht allein Zetsches Verdienst. Aber gegen den Willen des Vorstandschefs werden zumindest auf Seiten der Anteilseigner keine Mandate für den Aufsichtsrat vergeben, heißt es bei Daimler. Und so wird Zetsche auch daran beteiligt sein, dass Andrea Jung (53) künftig zu seinen Kontrolleuren gehört.

Die ehemalige Vorstandschefin des US-Kosmetikkonzerns Avon werde zur Hauptversammlung den ausscheidenden Kanadier Lynton Wilson ersetzen, heißt es in Daimler-Kreisen. Jung, ebenfalls aus Kanada, stand gut zwölf Jahre an der Avon-Spitze, bevor sie im April 2012 zurücktrat. Ebenso wie ihre beiden künftigen weiblichen Co-Kontrolleure erfüllt Jung eine weitere Zetsche-Vorgabe für sein Aufsichtsgremium: Internationalität.

Bislang sitzen in der Runde die Finnin Sari Baldauf (57), bis 2004 Chefin von Nokia Networks, und die Britin Petraea Heynike (65), ehemaliges Mitglied des Nestlé-Vorstands.

Arbeitnehmerseite gibt drei weiteren Frauen gute Aussichten

Vor allem verantwortlich für die feminine Welle bei Daimler ist das Arbeitnehmerlager. In den nächsten Tagen bestimmen die Mitarbeiter des Automobilkonzerns neu darüber, wer sie im Aufsichtsrat vertreten soll. Gleich drei Frauen haben gute Aussichten auf ein Mandat.

Die IG Metall schlägt der Belegschaft vor, ihren Justitiar Thomas Klebe (64) nach zehn Jahren im Daimler-Aufsichtsrat durch Sabine Maaßen (56) zu ersetzen. Die IG-Metall-Juristin sitzt bereits im Kontrollgremium des Essener Stahlkonzerns ThyssenKrupp. Ein Mandat im Opel-Aufsichtsrat hat sie wieder abgegeben.

Der Konzernbetriebsrat hat Elke Tönjes-Werner nominiert. Tönjes-Werner, im Werk Bremen Vorsitzende des Personalausschusses, soll den Bremer Betriebsratschef Jürgen Werner (62) ersetzen, der ebenso wie Klebe altersbedingt nicht mehr kandidiert.

Maaßen und Tönjes-Werner sind durch gute Listenplätze abgesichert. Für Ulrike Schwing-Dengler (55) gilt das nicht. Die mögliche Nummer sechs in der künftigen Kontrolleursriege ist so etwas wie der Joker - und die vielleicht spannendste Kandidatin.

Streit und Abspaltungen bei den Arbeitnehmern

Die Expertin für komplexe Finanzierungen arbeitet als Senior Manager im Finanzressort der Stuttgarter Daimler-Zentrale. Schwing-Dengler, Mutter von drei Kindern, tritt für das Bündnis "Beschäftigte pro Daimler-Benz" an. In etwas anderer Formation hatte dieses Bündnis aus der Christlichen Gewerkschaft Metall (CGM) und unabhängigen Mitarbeitervertretungen 2008 ein Aufsichtsratsmandat errungen und Ansgar Osseforth in das Gremium entsandt.

In diesem Jahr allerdings haben sich kleine Gruppierungen nach dem Rechtstreit über den ehemaligen CGM-Anführer Georg-Dieter Bell abgespalten. Läuft es ungünstig für Schwing-Dengler, könnte sie diese Uneinigkeit am Ende die entscheidenden Stimmen kosten.

Schwing-Dengler nicht einmal vom Hausverbot eingeschüchtert

Dabei sollte sie als promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und ehemalige Dozentin an Hochschulen in Nürtingen und Stuttgart nicht nur Sachverstand für das Kontrollmandat aufbringen. Sie hat auch etwas anderes bewiesen: Mut. 2006 stand sie auf der Liste der rund tausend Angestellten, die Daimler im Zuge des Abbau- und Umbauprogramms "Neues Management-Modell" (NMM) mit einer Abfindung bepackt nach Hause schicken wollte.

Doch sie wehrte sich. Schwing-Dengler zog als einzige Frau und eine von lediglich zwölf Führungskräften vor das Arbeitsgericht, ließ sich nicht einmal von Hausverbot und leergeräumtem Büro einschüchtern und setzte schließlich ihre Weiterbeschäftigung durch.

In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob ihre ungewöhnliche Konzernkarriere genügend Kollegen beeindrucken wird. Reicht es für sie nicht, bleibt es im Aufsichtsrat bei 25 Prozent Frauenquote. Doch immerhin: Auch das wäre mehr als in den meisten anderen deutschen Unternehmen - und mehr als eine Verdoppelung.

  • Michael Freitag ist Redakteur beim manager magazin.

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