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Mein Unternehmen, das Irrenhaus Firmen mit Verfolgungswahn

Trümmer des Kölner Stadtarchivs (2009): Wer anderen eine Grube gräbt... Zur Großansicht
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Trümmer des Kölner Stadtarchivs (2009): Wer anderen eine Grube gräbt...

Abenteuerurlaub können manche Angestellte sich schenken: Was sie täglich bei der Arbeit erleben, ist abenteuerlich genug. Da werden Millionen verjuxt, Scheinwelten gezimmert, Menschenleben riskiert. Karriereberater Martin Wehrle verrät, wie man Irrenhaus-Firmen schon am Stelleninserat erkennt.

Die Baufirma hatte ein Milliardenprojekt in Köln ergattert: Sie sollte eine neue U-Bahn durch die Innenstadt treiben. Doch es blieb nicht bei den unterirdischen Bauarbeiten - es kam zu unterirdischem Pfusch. Nachdem die Erde sich geöffnet und das historische Stadtarchiv mit zwei Nachbargebäuden verschlungen hatte, brachten Untersuchungen haarsträubende Machenschaften ans Licht.

Die Untersuchung der Baustellen ergab, dass es vielerorts an allem fehlte, was seriöse Bauarbeit ausmacht - an Beton, an Eisenträgern, an der nötigen Stabilität. Zum Beispiel hatte ein korrupter Polier offenbar die Stahlbügel, mit denen Schächte stabilisiert werden sollten, beim Alteisen-Händler verhökert.

Wie muss es um die Kultur einer Firma, um die Identifikation mit der eigenen Arbeit bestellt sein, wenn der Bauarbeiter solche Fallgruben errichtet? Andersherum gefragt: Kann ein irrsinniges Handeln im Klima einer vollständig gesunden Firma wachsen?

Theoretisch schon. Aber "Auswüchse" haben, wie das Wort schon andeutet, meist Wurzeln - und die reichen tief und speisen sich aus der Kultur einer Firma.

Nehmen wir die Stahlbügel. Das sind keine Zahnstocher, die man mal eben in der Westentasche verschwinden lässt. Muss es auf der Baustelle nicht Dutzende Kollegen gegeben haben, denen das Fehlen der schweren Stahlträger aufgefallen ist? Warum haben die keinen Rabatz gemacht?

Und wie stand es mit dem Vorgesetzten: Welchen Umgang mit seinen Mitarbeitern pflegte er, dass diese wichtige Information nicht zu ihm vordrang? Oder hatte er doch davon gehört, aber nichts hören wollen? Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass wir es hier - wie bei vielen anderen Skandalen - nicht mit schwarzen Schafen, nicht mit dem Versagen Einzelner zu tun haben. Wo einer ist, der irre Dinger dreht, sind viele, die irre Dinger dulden.

Firmen fürchten, dass Mitarbeiter sie denunzieren

Wer zum Beispiel für eine Irrenhaus-Bank hochriskante - oder gar illegale - Spekulationsgeschäfte betreibt, mag sich anfangs noch vor den Risiken seiner Entscheidungen fürchten. Aber spätestens nach der Probezeit hat er seine "Phobie" abgelegt: Weil sein Vorgesetzter von ihm volles Risiko erwartet, weil das heimliche Regelwerk es vorgibt, weil jeder Idiot um ihn herum mit diesem Finanzspielzeug hantiert, scheint ihm dieses Treiben bald idiotensicher - und normal.

Solche Skandale haben den öffentlichen Ruf nach "Compliance", nach einer Selbstkontrolle der Unternehmen, anschwellen lassen. Die Begeisterung der deutschen Großunternehmen hält sich in Grenzen, wie eine Studie der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg belegt: Nur 44 Prozent haben sich diese Selbstkontrolle bislang auferlegt. Und lediglich ein Drittel (34 Prozent) hatte den Mut, ein Hinweisgebersystem einzuführen.

Die Firmen fürchten, von den eigenen Mitarbeitern nicht geschützt, sondern denunziert zu werden. Lieber scharen sie Jasager um sich, die ihnen ein Bild präsentieren, das nichts mit den Tatsachen zu tun hat. Diese Jasager wissen, was sie zu tun haben - die Geschäftszahlen, die Kundenzufriedenheit, die Verkaufserwartungen werden so lange frisiert, bis die Mitarbeiter davon ausgehen können: Der Chef wird zufrieden sein!

Wie wirkt es sich auf einen Mitarbeiter aus, wenn er jeden Tag an solchem Irrsinn schnüffelt? Geben Sie mir zehn Minuten Zeit, um mit dem Beschäftigten einer beliebigen Firma zu sprechen - und ich sage Ihnen, wie seine Firma tickt, ohne dass er explizit darüber gesprochen hätte.

Arbeiten in einer Verdachtskultur und Rechtfertigungsbürokratie

Neulich habe ich mit einer Versicherungskauffrau telefoniert, um einen Beratungstermin zu vereinbaren. Sie legte großen Wert darauf, dass ich ihr den Termin noch einmal bestätigte - "bitte per Briefpost und nicht nur per Mail!" Aha, dachte ich, sie arbeitet in einer Verdachtskultur, in einer Firma, in der man keinen Außentermin machen, keinen Cent ausgeben, keine Druckerpatrone wechseln darf, ohne sich vorher abzusichern.

Leider lag ich mit meiner Einschätzung richtig. Jeder in dieser Firma stand unter einem wahnsinnigen Druck, seinen eigenen Arbeitsplatz zu rechtfertigen. Meine Klientin war dazu übergegangen, täglich "Arbeitsprotokolle" zu schreiben. Sie klangen wie Schulaufsätze unter dem Motto "Mein Tag in der Firma": "7.30 Uhr, Rechner hochgefahren, Mail-Eingänge geprüft. Sieben Kundenbeschwerden. Zuerst geantwortet auf..."

Das Groteske: Durch den Verfolgungswahn ihrer Firma hatten die Mitarbeiter tatsächlich alle Hände voll zu tun - nur dass sie sich einen großen Teil der Zeit nicht mit den Kunden befassten, sondern mit der Rechtfertigungsbürokratie. Am Ende unseres Beratungstermins überraschte mich die Versicherungskauffrau: Sie fingerte ihr Portemonnaie hervor und wollte meine Dienstleistung bar bezahlen. Mein Hinweis, ich würde ihr eine Rechnung stellen, verblüfft sie: "Wie können Sie sicher sein, dass Sie Ihr Geld bekommen?" So viel Vertrauen hatte sie in über zehn Firmenjahren offenbar nie geschenkt bekommen.

Wie aber kann man sich von solchem Irrsinn fernhalten - bevor er einen selbst befällt? Oft lässt sich schon bei der Jobsuche erkennen, dass Sie in einen Käfig voller Narren gelockt werden sollen: Welche Sprache verwenden Irrenhäuser in ihren Inseraten? Wie behandeln sie Bewerber mit ihren Antwortbriefen? Und wie gehen sie mit den Kandidaten im Vorstellungsgespräch um?

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insgesamt 70 Beiträge
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    Seite 1    
1. Compliance Teil der Verdachts- und Absicherungskultur
urys 03.05.2011
Compliance wird vielfach als Wundermittel gegen Missstände aller Art gepriesen. In vielen Fällen aber sind gerade die Compliance Regeln die eigentlichen Probleme: Compliance bedeutet Arbeitsabläufe zu dokumentieren und zu reglementieren, um sich gegenüber Dritten abzusichern. Compliance ist zudem US-amerikanische geprägt - daher werden Beweissicherung für Staatsanwaltschaft & Co. höher bewertet als Datenschutz und Mitbestimmung. Wenn jede Mail zentral gespeichert und jede private Kommunikation verboten wird, sinkt die Kreativität und Produktivität der Mitarbeiter mit Sicherheit. So sinnvoll es ist, immer wieder kehrende Arbeitsabläufe zu standardisieren und aus Fehlern zu lernen, so wenig hilfreich ist der Ansatz über Compliance die Freiräume insgesamt zu reduzieren. Zudem hält auch Compliance korrupte Mitarbeiter nicht von ihrem Tun ab. Wer die Regeln umgehen will, findet auch bei bester Compliance einen Weg dazu. ArbeitnehmerInnen sollten sich ihren künftigen Arbeitgeber gut ansehen. Eine betonte Compliance-Kultur ist dabei eher ein negatives Kriterium.
2. Irrsin trifft es gut ...
Feindbild_Mensch 03.05.2011
Jeder Betrieb in Deutschland ist irgendwo ein Irrenhaus, weil eben Menschen diese leiten. Jeder Mensch ist eben anders und hat andere Prioritäten. Leider fehlen auch den "Chefs" oftmals dieselben Defizite, was z.B. Mitarbeiterführung anbelangt, die sie selber an ihrem Personal kritisieren. Der Chef müsste es als Vorbild eigentlich besser machen, tut er aber nicht. Es ist schon grotesk, dass man sich überwiegend als Angestellter damit beschäftigen muss, nicht auf der Strecke zu bleiben bzw. auch alle Kompetenzen einzufordern, die einem zustehen. Das kostet eigentlich Zeit, in der nicht wirkliches sinnvolles erarbeitet wird.
3. Naja
rosenvater 03.05.2011
Zitat von sysopAbenteuerurlaub können manche Angestellte sich schenken: Was sie täglich bei der Arbeit erleben, ist abenteuerlich genug. Da werden Millionen verjuxt, Scheinwelten gezimmert, Menschenleben riskiert. Karriereberater Martin Wehrle verrät, wie man Irrenhaus-Firmen schon am Stelleninserat erkennt. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,747792,00.html
Also, wenn ein Headhunter sucht, kann das auch mit der Wichtigkeit der Position zu tun haben und passiert nicht immer heimlich.Und dass eine Stelle manchmal kurzfristig zu besetzen ist, hat ja nun auch nicht immer etwas mit "nicht nachgedacht" zu tun, sondern kann auch mit langwierigen Bewerbungsverfahren (geeigneter Kandidat wird nicht so schnell wie gewünscht gefunden) oder aber mit der Auftragslage zu tun haben. Als ein Irrenhaus würde ich das nicht bezeichnen.
4.
sigmaplus 03.05.2011
12. Das Erfinden immer neuer hätte/müsste/könnte Szenarien könnte ein Hinweis darauf sein, daß der Autor dieses Artikels an akuter Paranoia leidet. Sie sollten das bei einem Vorstellungsgespräch auf jeden Fall ansprechen !
5. Falscher Ansatz
Barxxo 03.05.2011
Zitat: "Die Untersuchung der Baustellen ergab, dass es vielerorts an allem fehlte, was seriöse Bauarbeit ausmacht - an Beton, an Eisenträgern, an der nötigen Stabilität. Zum Beispiel hatte ein korrupter Polier offenbar die Stahlbügel, mit denen Schächte stabilisiert werden sollten, beim Alteisen-Händler verhökert." Also bitte: verantwortlich ist hier ja wohl die Stadtregierung. Warum wurde da nicht vorher kontrolliert? Gibt es kein Bauaufsichtsamt in Köln? Gab es nicht schon Wochen vor dem Einsturz des Stadtarchivs warnende Stimmen wegen der Risse im Gemäuer? Gab es nicht vorher Warnungen wegen Wassereinbruch bei den Schlitzwänden? Tausende Politessen schwirren in Köln herum. Autofahrern wird das Leben schwer gemacht. Die Verkehrsaufsicht in Köln "hervorragend" organisiert, penetrant und über-penibel. Hinter jedem Busch scheint so eine Kreatur zu lauern. Aber da, wo es um Milliarden Steuergelder und die Sicherheit der Bürger geht, lässt man die Baufirma einfach mal machen. Niemand scheint da vor dem Einsturz des Stadtarchivs mal ein wenig genauer nachgesehen zu haben. Aber in kleinen Dingen ist man in Köln ganz groß.
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Zum Autor
Martin Frommann
Martin Wehrle (Jahrgang 1970) war Manager, bevor er Karriereberater und Gehaltscoach wurde. Er ist Autor der Bücher "Lexikon der Karriere-Irrtümer" und "Geheime Tricks für mehr Gehalt".
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Buchtipp

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Ich arbeite in einem Irrenhaus
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Econ Verlag; Februar 2011; 224 Seiten; 14,99 Euro.

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