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Meine Firma, das Irrenhaus Wo der Wahnsinn wütet

Vorsicht, Irrenhaus: Mal lächelt Firmenwahnsinn leise, mal brüllt er lautstarkZur Großansicht
Corbis

Vorsicht, Irrenhaus: Mal lächelt Firmenwahnsinn leise, mal brüllt er lautstark

2. Teil: Einst Tretmühlen, heute Klapsmühlen - wie der Firmen-Alltagswahn die Mitarbeiter umwabert

Wer in einem Irrenhaus arbeitet, auf den kann der Irrsinn abfärben. Das fängt an mit kleinen Marotten, etwa indem ein Mitarbeiter seinen tyrannischen Chef imitiert, und hört auf mit gesundheitlichen Katastrophen: Nie war die Zahl der psychischen Erkrankungen unter deutschen Arbeitnehmern so hoch wie heute; ihr Anteil hat sich von 1990 bis 2008 verdoppelt. Als Gründe gelten: irrer Stress und irrsinnig wenig Anerkennung.

Die Unternehmen, Tretmühlen von einst, sind die Klapsmühlen von heute geworden. Und dieser Irrsinn färbt ab. Wenn ein Mitarbeiter die Wir-Form verwendet, wenn er sagt "Wir sind der Meinung, dass ...", dann dürfen Sie sicher sein: Er spricht für sein Unternehmen. Er ist nicht mehr Hans Müller, nicht mehr Lisa Schulz - er ist Teil von etwas Größerem. Ist Daimler. Ist Microsoft. Ist Porsche. Und tritt auch so in seinem Freundeskreis auf.

Er ist bedeutend.

Der Spruch "Ich heirate eine Firma" mag augenzwinkernd gemeint sein, doch er streift die Wahrheit: Erstens lieben die meisten Menschen ihren Beruf, wenigstens so lange, bis ihnen der Firmen-Irrsinn diese Liebe austreibt. Zweitens heiratet jeder neue Mitarbeiter nicht nur seinen Job, sondern gleichzeitig die komplette Arbeitsfamilie - als wäre der Chef ein mächtiger Schwiegervater mit weit verzweigtem Anhang. Und drittens gilt für Arbeits-Ehen dasselbe wie für anderen Ehen auch: Mit den Jahren werden sich die Eheleute immer ähnlicher. Nicht weil die Firma sich verändert. Sondern weil der Mitarbeiter sich anpasst.


Aber welche Sitten gelten in dieser schrägen Firmenfamilie? Und wo liegt die Grenze zum Irrsinn? Zum Beispiel könnten Sie sich fragen:

  • Ist es normal, dass Ihr Chef in der Weihnachtsrede ein hohes Lied auf Weiterqualifizierung singt, Sie aber mit Ihrem Fortbildungswunsch gegen eine Wand laufen?
  • Ist es normal, dass eine ausgeschriebene Stelle, auf die Sie sich bewerben, schon zwei Monate zuvor unter der Hand vergeben wurde?
  • Ist es normal, dass der Dienstweg, den Sie gehen, und das Meeting, das Sie besuchen, nur Treffpunkte für Idioten sind - während die Entscheidungsfäden hinter den Kulissen gezogen wurden?
  • Ist es normal, dass Ihr neuer Chef ein erfolgreiches Projekt seines Vorgängers killt, nur weil es nicht von ihm selbst auf den Weg gebracht wurde?
  • Ist es normal, dass die Vision Ihrer Firma die Teamarbeit hochleben lässt, aber immer nur die Ellbogentypen ins Management befördert werden?
  • Ist es normal, dass in der Werbebroschüre der Kundenservice in höchsten Tönen gepriesen, aber in Wirklichkeit die ganze Serviceabteilung von Ihrer Firma wie stinkender Sondermüll "ausgelagert" wird?
  • Und ist es normal, dass auf die Aktionäre ein Dividendenregen einprasselt, während bei den Mitarbeitern Einstellungsstopps erlassen, Gehälter eingefroren und Sozialleistungen gekürzt werden - angeblich mangels Geld?
Ja, all das ist unter deutschen Firmendächern gängig. Üblich. Weit verbreitet. Aber normal, wenn Sie mich fragen, ist es nicht - es ist irre!

Doch Selbstkritik hat zur Führungsetage keinen Zutritt, weil dort schon eine wahnsinnige Selbstgefälligkeit wohnt. Der New Yorker Wirtschaftspsychologe Paul Babiak fand heraus: Unter leitenden Angestellten kommen Psychopathen achtmal so häufig vor wie in der Gesamtbevölkerung, wo nur jeder Hundertste als gestört gilt. Nach oben streben bevorzugt Menschen, die als Kinder narzisstische Kränkungen erdulden mussten. Sie, die Ohnmächtigen von einst, wollen die Mächtigen von heute sein, wollen das Sagen haben, damit sie sich nichts sagen lassen müssen.

Nicht der Wahrheit, nicht dem Unternehmen, nicht den Mitarbeitern fühlen sie sich verpflichtet, sondern nur dem Erhalt ihrer Macht und ihres Selbstbildes. Deshalb zünden sie Nebelkerzen und lassen eine Kluft zwischen Schein und Sein entstehen. Dieser Wahnsinn kann sich wie eine ansteckende Krankheit aufs ganze Unternehmen übertragen, bis die Kunden abspringen, die Gewinne siechen und die Motivation der Mitarbeiter erlischt.

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insgesamt 53 Beiträge
...ergo sum 28.04.2011
Köstlich und leider zu wahr ! Aber auch hier stinkt der Fisch vom Kopf her, - beginnen wir mal z.B. mit unserer Bundesregierung, genau gesagt mal mit unserer lieben Frau Kanzler. ^ Dann fragen noch Einige weshalb man nicht mehr [...]
Köstlich und leider zu wahr ! Aber auch hier stinkt der Fisch vom Kopf her, - beginnen wir mal z.B. mit unserer Bundesregierung, genau gesagt mal mit unserer lieben Frau Kanzler. ^ Dann fragen noch Einige weshalb man nicht mehr wählen geht ? Ein paar Kranke gaben vor vielen Jahren vor wie genau man sich zu verhalten hat in allen Bereichen wenn man nicht gesellschaftlich untergehen will. Deren Benehmen und agieren wurden zur Vorlageschablone für das berufliche und gesellschaftliche Miteinander, hochgelobt. Nun, nachdem diese vorgelebten und noch immer hochgelobten "Tugenden" bis nach ganz unten, zu den Kindern, durchgedrungen ist - mit den sattsam bekannten Folgen in Schulen, auf Straßen und z.B. U-Bahnhöfen, DA soll genau dieses so vorgelebte Verhalten der selbsternannten "Eliten" und "Leistungsträger" plötzlich falsch sein ? Weshalb DAS denn nun ? Die aufgezählten u.a. Verhaltensweisen sind nicht krank, sie sind inzwischen gesellschaftlicher Konsens, seit Jahren so gewollt und verlangt. Also lebt gefälligst damit oder schafft euch eine private Nische als Ausgleich. Ihr alle habt es so gewollt. Genau SO.
ordoban 28.04.2011
...und nachdem ich ihn gelesen und dabei viele Charaktere meiner letzten Firma dort wiedergefunden habe, bin ich jetzt doch froh, dass ich mich vor diesem Irrsinn in die Rente in Sicherheit bringen konnte. Mir tun eigentlich [...]
...und nachdem ich ihn gelesen und dabei viele Charaktere meiner letzten Firma dort wiedergefunden habe, bin ich jetzt doch froh, dass ich mich vor diesem Irrsinn in die Rente in Sicherheit bringen konnte. Mir tun eigentlich nur alle die leid, die dieses Glück (noch) nicht haben.
Blueser 28.04.2011
Der tägliche Wahnsinn scheint wirklich immer mehr werden. Cholerische Chefs, unfähige, intrigante und aufgeblasene Mitarbeiter, Vetternwirtschaft bei der Besetzung von Positionen und noch viel mehr. Was kann man gegen diesen [...]
Der tägliche Wahnsinn scheint wirklich immer mehr werden. Cholerische Chefs, unfähige, intrigante und aufgeblasene Mitarbeiter, Vetternwirtschaft bei der Besetzung von Positionen und noch viel mehr. Was kann man gegen diesen Wahnsinn tun? Wie kann man sich schützen, um nicht selbst verrückt zu werden? Ich habe vor vielen Jahren begonnen ein Firmentagebuch zu schreiben. Zuerst eigentlich nur, um die miesesten Vorwürfe und Begebenheiten meines damaligen Chefs zu dokumentieren. Im Laufe der Zeit wurde aber aus diesem Tagebuch ein Selbstläufer mit therapeutischem Aspekt: ich schreibe mir alles von der Seele, karikiere meine Chefs und Kollegen und großen Spaß macht es auch noch. Nebenbei sammle ich noch Daten und Fakten für Eventualitäten. Mittlerweile habe ich fast eintausend Seiten in Word und werde diese Aufzeichnungen auch irgendwann einmal (spätestens nach Ausscheiden aus dieser Firma) veröffentlichen. Vielleicht bekomme ich dann auch einmal einen Artikel im SPON zur Förderung des Absatzes...
Cancun 28.04.2011
Glaubt bloß nicht, im Bildungssystem sei irgend etwas anders. Bei den "Soziopathen", die "als Kinder narzissistische Quälereien erdulden" mussten und jetzt wie besessen an die Spitze rauschen, um endlich das [...]
Glaubt bloß nicht, im Bildungssystem sei irgend etwas anders. Bei den "Soziopathen", die "als Kinder narzissistische Quälereien erdulden" mussten und jetzt wie besessen an die Spitze rauschen, um endlich das Gefühl der Ohnmacht loszuwerden, es endlich anderen vermitteln und diese selbst quälen zu können, fiel mir sofort einer meiner ehemaligen Fachleiter ein.
RaMaDa 28.04.2011
Ich kann auch von haarsträubenden Geschichten aus meinem Berufsleben berichten, bei denen Chefs leider nur durch Druck, Mobbing und dem Aufbau von Angstszenarien brillierten. Personalethik, Moral, Wertschätzung der Mitarbeiter - [...]
Ich kann auch von haarsträubenden Geschichten aus meinem Berufsleben berichten, bei denen Chefs leider nur durch Druck, Mobbing und dem Aufbau von Angstszenarien brillierten. Personalethik, Moral, Wertschätzung der Mitarbeiter - sowas findet man nur in Imagebroschüren aber nicht im echten Leben.
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Zum Autor
Martin Frommann
Martin Wehrle (Jahrgang 1970) war Manager, bevor er Karriereberater und Gehaltscoach wurde. Er ist Autor der Bücher "Lexikon der Karriere-Irrtümer" und "Geheime Tricks für mehr Gehalt".
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