ThemaErste Hilfe KarriereRSS

Alle Kolumnen


  • Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Erste Hilfe Karriere Unkraut jäten im Garten Eden

Arbeit, aber keine Plackerei: Das Paradies im Bild von Lucas Cranach, dem Älteren Zur Großansicht
Corbis

Arbeit, aber keine Plackerei: Das Paradies im Bild von Lucas Cranach, dem Älteren

Ist der Mensch zum Arbeiten gemacht? Laut Bibel eindeutig ja. Aber das bedeutet nicht, dass blinde Arbeitswut gottgefällig wäre - Berufsberaterin Uta Glaubitz hat nachgelesen. Und siehe da: Jesus setzte sich auch mal für gepflegten Müßiggang ein.

Ist der Mensch von Natur aus faul oder fleißig? Und wenn es einen Schöpfergott gibt, hat er uns denkend, spielend oder arbeitend gemacht? Gibt es einen Urzustand, in dem der Mensch im Einklang mit der Natur lebt und sich von dem ernährt, was sie ihm freiwillig gibt?

Für meine vorige Kolumne hatte ich mit einem Evolutionsbiologen gesprochen, um der Frage nachzugehen: "Ist der Mensch zum Arbeiten gemacht?" Die Frage beschäftigt mich weiter. Diesmal schaue ich in die Bibel und frage einen Mann der Kirche. Naheliegend wende ich mich an einen Protestanten. Schließlich singen wir im Kölner Karneval:

"Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin,
die haben doch nix anderes als Arbeiten im Sinn."

Vor etwa hundert Jahren formulierte es Max Weber soziologisch und konstatierte eine "auffallend geringe Beteiligung der Katholiken am modernen Erwerbsleben in Deutschland". Der Protestantismus beflügle die Ansammlung von Geld, die Reinvestition von Gewinnen und damit die Industrialisierung und den Kapitalismus. Die Katholiken hingegen schickten ihre Kinder lieber aufs humanistische Gymnasium.

Erste Hilfe Karriere
Diese Experten schreiben wöchentlich wechselnd im KarriereSPIEGEL über Bewerbungen, Karriere und die Wechselfälle des Berufslebens: Gerhard Winkler, Svenja Hofert, Martin Wehrle, Uta Glaubitz (von links oben nach rechts unten)

Sie haben Fragen zu Karrierethemen, Probleme am Arbeitsplatz, Themenanregungen? Unsere Experten freuen sich über Ihre Nachricht!
Aber beginnen wir mit der Schöpfung. Bereits der erste Satz klingt nach Arbeit: "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde." Wenig später schuf er den Menschen nach seinem Abbild, was bedeutet, dass er ihn von Beginn an mit Überschuss und Schaffenskraft ausstattet. Umgehend beauftragt er den Menschen persönlich: Adam und Eva sollen den Garten Eden bewirtschaften.

Harken, jäten, pflügen - so detailliert wird die Bibel da nicht. Muss man im Paradies etwa arbeiten? Prälat Bernhard Felmberg ist Bevollmächtigter der evangelischen Kirche bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union. Er antwortet: "Man muss nicht - man darf. Durch den Auftrag Gottes ist die Arbeit nicht lästige Pflicht, sondern Ehre. Wer ihr mit Liebe und Leidenschaft nachgeht, erweist Gott einen Dienst." Arbeit als Gottesdienst, das wird nicht jedem gefallen, modern ist es schon gar nicht.

Arbeit als göttliche Berufung?

Allerdings wird es nach der Vertreibung aus dem Paradies anstrengender: Der Mensch soll nun im Schweiße seines Angesichts arbeiten. Nicht einmal gegen schwere Arbeit hat die Bibel etwas einzuwenden. Im Gegenteil: Nichts sei besser, als dass der Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit. Auch beschwerliche Arbeit solle man nicht verachten, sie sei schließlich vom Höchsten gestiftet. "Nimm dir ein Beispiel an der fleißigen Ameise, du Fauler, und lerne von ihr", rät Salomo bereits im Alten Testament arbeitsunwilligen Zeitgenossen (Prediger 3,22; Sirach 7,16; Sprüche 6,6).

Sogar unser Begriff von Beruf ist ursprünglich religiös: Ein Mensch hat ein Berufungserlebnis und fühlt sich dazu bestimmt, Priester, Nonne oder Missionar zu werden - Tätigkeiten, die die Kirche lange höher wertete als alle anderen. Bis ein Augustinermönch kam und damit Schluss machte: Martin Luther stellte die Arbeit des Priesters der jedes Gemeindemitglieds gleich. Damit war Winzer ein Beruf, ebenso wie Lehrerin, Bankkaufmann und Lebensmittelhändler.

Zurück zur Bibel: Am siebten Tag ruhte Gott. Er betrachtete seine Schöpfung und sah, dass es gut war. So führte Kaiser Konstantin bereits 321 nach Christi Geburt im Römischen Reich den dies solis ein. Damit war die erste gesetzliche Sonntagsruhe kein gewerkschaftlicher Erfolg, sondern ein Bekenntnis des Kaisers. Die Juden feierten am Sabbat, den Islam gab es noch nicht, alle Christen sollten am Tag der Gottesruhe die Heilige Messe feiern.

"Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen"

Für den Schutz des Sonntags gibt es heute ein bundesdeutsches Arbeitszeitgesetz - für dessen Erhalt die Kirchen kämpfen. Die 1700 Jahre alte Tradition bietet Raum für Familie, Freunde und Geselligkeit. Zeit für sich und andere gehöre zum von Gott gewollten Dasein, so Felmberg. Sie sei außerdem gesund, auch jenseits aller religiösen Überlegungen. Nicht umsonst stehe in den Zehn Geboten, und damit an der bekanntesten Stelle des meistgelesenen Buchs der Welt: "Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag." (Exodus 20,9-10)

Zum Schluss eine Begebenheit aus dem Neuen Testament. Jesus besucht Marta und ihre Schwester Maria. Marta beginnt sofort zu waschen, zu kochen und für den Besuch zu sorgen. Maria hingegen setzt sich zu Jesus' Füßen und hört ihm zu. Als Marta aufbegehrt, bremst Jesus sie: "Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt." (Lukas 10,41-42)

Ist Müßiggang am Ende doch besser als Arbeit? "Jesus wendet sich gegen die ständige Betriebsamkeit und das gottlose Rennen. Er sagt: Macht euch nicht verrückt. In jedem Arbeitsleben muss man auch innehalten und zuhören können."

Am Ende, so Felmberg, spare das ja auch viel Arbeit. Wenn es einen Schöpfergott gibt, hat er uns also eher mit Arbeitslust als mit Arbeitswut ausgestattet.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. "Unkraut" gab es nicht im Garten Eden
manni-two 18.06.2012
die Unterscheidung zwischen Kraut und Unkraut kam erst später durch den Menschen, mit fatalen Folgen - weil sich Kain selbst als "Unmensch" gesehen hat wurde der "Mensch" Abel erschlagen.
2. Jaaa!
Layer_8 18.06.2012
Zitat von sysopCorbisIst der Mensch zum Arbeiten gemacht? Laut Bibel eindeutig ja. Aber das bedeutet nicht, dass blinde Arbeitswut gottgefällig wäre - Berufsberaterin Uta Glaubitz hat nachgelesen. Und siehe da: Jesus setzte sich auch mal für gepflegten Müßiggang ein. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,838247,00.html
Die ganze Misere fing mit der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht an (Kain und Abel). Ich empfehle mal die "Songlines" von Bruce Chatwin zu lesen...
3. Vorher war's auch nicht immer einfach
carranza 18.06.2012
Zitat von Layer_8Die ganze Misere fing mit der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht an (Kain und Abel). Ich empfehle mal die "Songlines" von Bruce Chatwin zu lesen...
Also zu der Zeit, als es langsam zu voll wurde, dass alle vom Jagen und Sammeln satt wurden? - Aber auch Sammeln und insbesondere Jagen, ohne unsere modernen Hifsmittel, kann auch äußerst anstrengend und schweißtreibend sein.
4. Die Bibel für den journalistischen Hausgebrauch
struebind 18.06.2012
Diese Schwadroniererei über einen der tiefsinnigen Texte der Weltliteratur ist selbst ein Stück journalistischer Müßiggangs der seichteren Art. Zur Frage trägt das launige Zitieren von Bibelstellen wenig bei, weil der "Müßiggang" wie die Arbeit im industriellen Maßstab in der Antike unbekannt war. Die Anthropologie des Alten Testaments (und des Alten Orients insgesamt) betrachtet die Arbeit als Funktion des Menschen, durch die er sich verwirklicht und die zu seiner dem Schöpfer verdankten Bestimmung gehört. Fraglich ist einzig, weshalb sie oft mühsam ist. U. A. darauf antwortet die Erzählung in Genesis Kap. 3. Als Schlüssel zum Verständnis der konfessionellen Unterschiede zwischen dem Rheinland und Preußen eignet sie sich kaum. Schon gar nicht für einen Blick auf die Arbeit im industriellen Maßstab und die sich daraus ergebende Entfremdung zwischen Arbeit und Produkt, das das Thema "Freizeit" hervorrief. Der Alte Orient kannte übrigens auch keinen Erholungsurlaub. Ebenso will die durch den Lukas geschilderte Begegnung Jesu mit Maria Martha keineswegs dem Müßiggang das Wort reden. Maria ist nämlich ausgesprochen "aktiv" dabei, als Jüngerin der Lehre des Meisters zu lauschen. Es geht in dieser Geschichte nicht um das Ausruhen (von dem keine Rede ist), sondern um die "richtige", d.h. sachgemäße Tätigkeit, die der Gegenwart des Meisters Rechnung trägt. Der Erzählung geht zudem die Parabel vom "Barmherzigen Samariter" voran. Kontextuell gelesen (und das sollte man bei Bibeltexten immer tun!) wird durch das zuhörende Verhalten Marias ausgesagt, dass sich der christliche Glaube nicht in der Nächstenliebe erschöpft, sondern auf die Lehre Jesu bleibend angewiesen ist. Die Theologie wird damit der Diakonie gleichgestellt.
5. nee
dadanchali, 18.06.2012
Zitat von Layer_8Die ganze Misere fing mit der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht an (Kain und Abel). Ich empfehle mal die "Songlines" von Bruce Chatwin zu lesen...
Die ganze Misere fing an als Menschen begannen sich Götzen zu erfinden, aber das ist eine andere Geschichte.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Erste Hilfe Karriere
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Zur Autorin
Foto: D. Stratenschulte
Uta Glaubitz ist Berufsberaterin und unterstützt andere dabei, herauszufinden, welcher Beruf zu ihnen passt. Ihre Kunden im Vorher-Nachher-Vergleich präsentiert sie auf ihrer Internetseite.
Verwandte Themen


Fotostrecke
Gehätschelte Mitarbeiter: Heute ein König

Fotostrecke
Stechuhren-Galerie: Wie die Stechuhren ticken lernten

Social Networks