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Mythen der Arbeit Durch den Mindestlohn muss keiner mehr aufstocken - stimmt's?

Zimmermädchen: In manchen Branchen reicht der Lohn nicht zum Leben Zur Großansicht
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Zimmermädchen: In manchen Branchen reicht der Lohn nicht zum Leben

Durch den Mindestlohn wird alles besser, suggeriert die Regierung. Auch die Zahl der Aufstocker, die neben ihrem Job Hartz IV beziehen, werde deutlich zurückgehen. Arbeitsforscher Joachim Möller erklärt, warum sich diese Hoffnung nicht erfüllen wird.

In den Diskussionen um den Mindestlohn wird häufig auf die Situation der Aufstocker verwiesen: Personen, die so wenig verdienen, dass sie ergänzend Hartz-IV-Leistungen beziehen müssen, um über die Runden zu kommen. Dabei wird der Eindruck erweckt, dass die Zahl der Aufstocker dramatisch sinken oder sogar gegen null gehen werde.

Das klingt auf den ersten Blick überzeugend, hält aber leider einem Faktencheck nicht stand. Es gibt gute und gewichtige Gründe für die Einführung eines allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns. Aber die Hoffnung, dass es danach kaum noch Aufstocker geben wird, wird sich leider nicht erfüllen.

Modellrechnungen des IAB zufolge werden von den derzeit 1,3 Millionen Aufstockern durch den Mindestlohn etwa 60.000 nicht mehr auf Hartz IV angewiesen sein, also nur fünf Prozent. Dies erscheint überraschend, da doch der durchschnittliche Stundenlohn der Aufstocker mit heute rund 6,20 Euro erheblich unter dem geplanten Mindestlohn von 8,50 Euro liegt, sich deren Bezahlung also deutlich verbessern wird. Man muss aber wissen, dass die Mehrheit der Aufstocker weniger als 22 Wochenstunden arbeitet. Auch wenn sich die Bezahlung pro Stunde erhöht, reicht der Lohnzuwachs bei einem Großteil deshalb doch nicht aus, um von Hartz IV unabhängig zu werden.

Enttäuschung bei Aufstockern

Viele Aufstocker, die sich durch den Mindestlohn eine deutliche Verbesserung ihrer materiellen Situation versprechen, werden enttäuscht sein. Solange sie weiterhin Hartz IV benötigen, wird sich für sie durch den Mindestlohn wenig ändern. Der ganz überwiegende Teil des Lohnzuwachses wird nämlich auf Hartz IV angerechnet. Den Modellrechnungen zufolge steigt das Nettoeinkommen der Aufstocker im Durchschnitt gerade einmal um zehn bis zwölf Euro pro Monat.

Geht das Aufstocker-Argument in der Mindestlohn-Debatte also an der Sache vorbei? Nun, das kommt auf die Perspektive an. Am Einkommen, das die Aufstocker zur Verfügung haben, wird sich kaum etwas ändern, ebenso an deren Gesamtzahl.

Aus gesellschaftlicher Sicht wird es aber sehr wohl deutliche Effekte geben. Unter der Voraussetzung, dass der Mindestlohn keine größeren Arbeitsplatzverluste verursacht, gehört die öffentliche Hand zweifellos zu den Gewinnern. Zum einen wird der Staat durch den Mindestlohn weniger für Hartz IV ausgeben müssen. Zum anderen erzielt er Mehreinnahmen durch Steuern und Sozialversicherungsbeiträge.

Bei unveränderter Beschäftigung senkt der Mindestlohn die Ausgaben für Hartz IV um jährlich bis zu 900 Millionen Euro. Zwar fallen für die circa 60.000 Personen, die die Grundsicherung überwinden, Mehrausgaben für Wohngeld und Kinderzuschlag an. Rechnet man diese dagegen, so werden die staatlichen Transferausgaben unter dem Strich um 500 bis 650 Millionen Euro zurückgehen.

Wie wird sich die Beschäftigung entwickeln?

Weiterhin muss man in der Gesamtbilanz für den Staat auch noch Sozialversicherungsbeiträge und Einkommenssteuer berücksichtigen. Beide steigen mit der Lohnsumme. Sollte das Beschäftigungsniveau durch den Mindestlohn nicht tangiert werden, ergeben sich Mehreinnahmen in Milliardenhöhe. Zugleich werden die Lohnkosten steigen. Dadurch werden die Gewinne und Steuern von Unternehmen tendenziell sinken. Dies alles eingerechnet, bleibt in der Gesamtbilanz eine Entlastung der öffentlichen Haushalte zwischen zwei und drei Milliarden Euro.

Die große Unbekannte in den Modellrechnungen bleibt die Entwicklung der Beschäftigung als Reaktion auf den Mindestlohn. Größere Arbeitsplatzverluste würden die Bilanz für den Fiskus deutlich anders aussehen lassen.

Zu beachten ist, dass der Mindestlohn in zwei Richtungen wirkt. Einerseits machen höhere Löhne Jobs für Arbeitsuchende attraktiver. Offene Stellen können schneller besetzt werden. Bessere Bezahlung führt zudem zu besseren Leistungen und festigt die Bindung der Beschäftigten an ihren Job. All das wäre günstig für die Beschäftigung.

Dagegen steht die negative Wirkung höherer Lohnkosten. Für Arbeitgeber, die derzeit Personen unter einem Stundenlohn von 8,50 Euro beschäftigen, werden sich die Ausgaben erhöhen. In Ostdeutschland betrifft dies immerhin etwa ein Fünftel aller Beschäftigten. Als Reaktion könnten Firmen Leute entlassen, weniger einstellen oder sogar vom Markt verschwinden.

Im Voraus lassen sich die vielschichtigen Gesamtwirkungen eines Mindestlohns auf den Arbeitskräftebedarf der Unternehmen nicht solide berechnen. Vor dem Hintergrund der bisherigen Erfahrungen mit Mindestlöhnen erscheinen jedoch Horrorszenarien mit prognostizierten Jobverlusten im oberen sechsstelligen Bereich oder mehr keineswegs gerechtfertigt. Umgekehrt wäre es aber auch einigermaßen gewagt zu behaupten, dass jedes Beschäftigungsverhältnis, das heute zu weniger als 8,50 Euro pro Stunde entlohnt wird, sich auch nach Einführung des Mindestlohns für den jeweiligen Arbeitgeber noch rechnet.

Kein Allheilmittel

Festzuhalten bleibt: Die Zahl der Aufstocker wird sich durch einen Mindestlohn nicht wesentlich verringern, ihr verfügbares Einkommen in den meisten Fällen nicht wesentlich erhöhen. Was die Aufstocker angeht, wird unter dem Strich vor allem die öffentliche Hand durch geringere Transferleistungen und höhere Einnahmen durch Steuern und Sozialbeiträgen profitieren.

Das spricht nicht gegen den Mindestlohn, das Einkommen vieler Niedriglohnbeschäftigter wird durch seine Einführung spürbar steigen. Der Mindestlohn ist nur kein Allheilmittel. Aufstocker, die keinen Vollzeitjob haben und daher wegen Teilzeitarbeit auf ergänzende Hartz-IV-Leistungen angewiesen sind, gewinnen vergleichsweise wenig durch den Mindestlohn.

Zum Autor
Der Volkswirt Joachim Möller (Jahrgang 1953) ist seit 2007 Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Die Forschungsstelle gehört zur Bundesagentur für Arbeit. In seiner regelmäßigen Kolumne auf KarriereSPIEGEL rückt er falsche Gewissheiten über die Arbeitswelt zurecht.

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1.
kdshp 29.04.2014
Zitat von sysopDPADurch den Mindestlohn wird alles besser, suggeriert die Regierung. Auch die Zahl der Aufstocker, die neben ihrem Job Hartz IV beziehen, werde zurückgehen. Arbeitsforscher Joachim Möller erklärt, warum sich diese Hoffnung nicht erfüllen wird. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/mindestlohn-aufstocker-werden-laut-iab-direktor-joachim-moeller-bleiben-a-966726.html
Was für ein artikel! Es geht doch nicht nur ums geld sondern um die menschen. Der logik des artikels nach könnten die menschen auch für 1 euro arbeiten denn der staat (steuerzahler) stockt ja auf. Ob der schreiber weiß das er mit seinen steuern die aufstockung zahlt? Ich könnte wetten das das einer von denen ist die sich auch über hohe steuern beklagen. So gehen ca. 25% der steuern die man zahlt in den sozial bereich also wie die aufstockung.
2. Besser???
suaheli4711 29.04.2014
Zitat von sysopDPADurch den Mindestlohn wird alles besser, suggeriert die Regierung. Auch die Zahl der Aufstocker, die neben ihrem Job Hartz IV beziehen, werde zurückgehen. Arbeitsforscher Joachim Möller erklärt, warum sich diese Hoffnung nicht erfüllen wird. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/mindestlohn-aufstocker-werden-laut-iab-direktor-joachim-moeller-bleiben-a-966726.html
Wer spricht denn von Besser??? OK für einige wird es etwas besser ( allein für 60.000 die nicht mehr auf den Staat angewiesen sind lohnt sich das) Aber statt BESSER würde ich einfach mal sagen : Es wird gerechter (wenn auch nur ein kleines Stück) Diejenigen die durch die Ausbeutung durch Billiglohn Geld scheffeln werden einfach weniger absahnen können als bisher und damit wird es für die Gesellschaft gerechter. Und es macht zwar unterm strich vielleicht nicht viel aus, aber in den Köpfen derer die sich abhängig fühlen vom Staat wird es ein streif am Horizont sein, dass sie es vielleicht doch schaffen können mal nicht mehr auf andere angewiesen zu sein. 8,50 ist ja erst der Einstieg.... Und ja: ich bin bereit mir für 20 euro die Haare schneiden zu lassen statt wie bisher für 14 oder für mein Päckchen 2 Euro mehr auszugeben wenn ich dafür weiß, dass der Paketfahrer nicht ausgebeutet wird und demnächst im Halbschlaf mein Kind umfährt weil er es einfach nicht mehr anders schafft...
3.
mustafa20 29.04.2014
Zitat von sysopDPADurch den Mindestlohn wird alles besser, suggeriert die Regierung. Auch die Zahl der Aufstocker, die neben ihrem Job Hartz IV beziehen, werde zurückgehen. Arbeitsforscher Joachim Möller erklärt, warum sich diese Hoffnung nicht erfüllen wird. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/mindestlohn-aufstocker-werden-laut-iab-direktor-joachim-moeller-bleiben-a-966726.html
Der Mindestlohn ist ein Berufsverbot von Geringqualifizierten. Es ist ein populistisches Mittel zur politischen Machtausweitung - denn anders als seine wohlklingenden Versprechungen SCHADET der Mindestlohn gerade den Minderqualifizierten. Die Erfahrung dabei hat die USA schon in den 60er Jahren gemacht - denn was viele USA Hasser nicht wissen: da gab es den Mindestlohn schon. Vor dem Mindestlohn war die Arbeitslosenquote unter schwarzen und weißen Teenagern ungefähr gleich - nach dem Mindestlohn hat sich der Anteil an Arbeitslosen bei den Schwarzen verdoppelt. Im besten Fall schadet Mindestlohn nicht (wenn er niedriger angesetzt ist, als das was in einer Branche eh gezahlt wird) - ansonsten schadet er.
4. optional
tommy1808 29.04.2014
Und nicht zu vergessen das jemand der heute nicht sonderlich motiviert ist eine Vollzeitstelle zu suchen, weil er selbst dann noch Aufstocker ist oder marginal drüber liegt wir sich bei 1500,- Brutto vielleicht ganz anders motiviert fühlen. Das mit dem Stundenlohn die Bereitschaft zu höherer Wochenarbeitszeit zunimmt ist schließlich VWL 101, auch ohne ALG2. Gruß Thomas
5. Mindestlohn ist richtig
olli0816 29.04.2014
Zitat von sysopDPADurch den Mindestlohn wird alles besser, suggeriert die Regierung. Auch die Zahl der Aufstocker, die neben ihrem Job Hartz IV beziehen, werde zurückgehen. Arbeitsforscher Joachim Möller erklärt, warum sich diese Hoffnung nicht erfüllen wird. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/mindestlohn-aufstocker-werden-laut-iab-direktor-joachim-moeller-bleiben-a-966726.html
Wenn es Jobs gibt, die für den Mindestlohn nicht profitabel sind, fallen sie weg. Das ist schon richtig so, da der Mensch unterhalb nicht vernünftig leben kann. Es sollte keine Jobs geben, wo die Allgemeinheit den Rest finanzieren muss und der Arbeitgeber davon lebt, dass seine Mitarbeiter beim Staat aufstocken müssen. Seien wir mal ehrlich: 8,50 € ist nicht die Welt als Lohn, bietet aber immerhin ein bescheidenes Dasein. Das trotzdem so viele weiterhin aufstocken müssen ist laut Autor den geringen Beschäftigungszeiten geschuldet. Hier sollte man schon zusehen, dass man die Leute, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind, in die entsprechenden Beschäftigungsverhältnisse gebracht werden, wenn es möglich ist. wenn nicht, spart sich die Allgemeinheit trotzdem etwas Geld, da durch den höheren verdienst weniger aufgestockt werden muss. 4 - 6 € - Jobs braucht in Deutschland niemand. Dann lieber komplett H4 und versuchen, etwas zu vernünftiges zu finden.
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