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03. August 2011, 13:44 Uhr

Mit dem Bierbike unterwegs

Malle für alle

Von Jonas Nonnenmann

Im sommerlichen Stuttgart kann's passieren, dass auf der Straße eine Kneipe vorbeifährt. "Bierbike" heißt die rollende Nervensäge und bremst Autofahrer auf Schritttempo. Manche grinsen, andere schimpfen über die radelnden Trinker. Am Steuer sitzt Jürgen, 47. Sein Job: gute Stimmung verbreiten.

Seit sie Bierbike-Fahrer suchen, wird er regelmäßig angesprochen. Beim Christopher Street Day torkelte ein Mädchen in Mini und Strapsen auf ihn zu und sagte: "Ich arbeite in einer Bar. Der Job wäre was für mich." Jürgen Beyersdorff, 47, erklärt geduldig, dass das als Qualifikation eher nicht ausreicht. Weil Bars etwas für Anfänger sind. Was er natürlich so nicht sagt.

Für ein Bierbike braucht es schon einen wie ihn: Beyersdorff, bei der Arbeit "der Jürgen". Er steuert als Fahrer Betrunkene durch Stuttgart und solche, die bald betrunken sein werden - in einem Gefährt mit 16 Plätzen, einem Zapfhahn, bis zu 30 Litern Bier. Erfunden wurde die rollende Kneipe in Holland, ein findiger Anwalt brachte sie nach Deutschland. Ihr Motor: die Trinker, die mit zehn Pedalen möglichst gleichzeitig strampeln. Einer steht in der Mitte am Zapfhahn.

Jürgen hat kein Pedal, er lenkt nur. Am Samstag hat er am späten Mittag vier Junggesellenabschiede vor sich, dreimal Männer, einmal Frauen. Die erste Gruppe wartet schon auf den Plätzen. "Wenn ihr euch daneben benehmt, klopf ich euch auf die Finger", warnt Jürgen und erklärt seine Regeln: Anständig sein zu den Passanten. Bergauf aussteigen und schieben. Nicht gegen das Werbeschild an der Seite klopfen.

Gegenüber sitzen Männer, die wenig jünger sind als er selbst. Sie tragen kurze Hosen, Hemden, teure Uhren und bunte Krawatten. Dem Junggesellen haben sie Rosa verpasst.

Mit Stromberg-Bart und Simpsons-Krawatte

"Los", ruft einer, und das Gefährt bewegt sich mit der Geschwindigkeit eines Kinderfahrrads durch den Stuttgarter Mittagsverkehr. Hier ein Hupen, da ein ungläubiges Kopfschütteln, dort ein ungeduldiger Blick. Mittendrin thront Jürgen wie ein Traktorfahrer, der auf der Landstraße unerschütterlich eine Schlange hinter sich herzieht. "Die meisten wollen uns nur grüßen", sagt er. Es ist die Perspektive eines Menschenfreundes.

Ohne Gnade dreht er die Musik auf. "Hose aus / sei nicht so / zeig mir deinen kleinen Po", krächzt es aus den Boxen, und "Vii-vaa colo-ni-a". Musik, die er selbst nicht gerade liebt. Hinten treten manche so flott in die Pedale, dass andere nicht mehr mitkommen. Der am schnellsten radelt, trägt Stromberg-Bart und Krawatte mit Simpsons-Motiven. Wie seine Vorbilder hat er immer einen Spruch auf den Lippen, salutiert lachend einer Polizistin.

"Attackeee", ruft Jürgen und biegt so schwungvoll in den Schlossgarten ein, dass das Bier hier und da überschwappt, eine schäumende Suppe, die langsam Richtung Hose läuft. Pause vor einem stinkenden Häuschen, die Blasen verlangen das. Jetzt reden die Mitfahrer über das Bahn-Projekt Stuttgart 21. "Ich glaube, dass da ein sinnvolles Infrastrukturprojekt geschaffen werden soll", sagt ein Gast in feinstem Behördendeutsch. Zwei Mitfahrer sehen das genauso, aber es ist ratsam, das hier nicht so laut zu sagen: Man ist im Feindesland, ein paar Meter weiter zelten die Baumschützer.

"Ich musste bei anderen Gruppen schon schlichten", erzählt Jürgen, der Alkohol löst die Zungen manchmal im falschen Moment. Beim Vorbeirollen an den ersten Demonstranten schaut er angespannt. "Juch-ten-kä-fer!", fängt ein Spaßvogel an, eine Anspielung darauf, dass die Bahnhofsgegner den Schutz der Käfer fordern. Er sagt es so leise, dass nur die Nachbarn kichern.

Hier wird rücksichtslos geduzt

Ein anfangs schüchterner Familienvater genießt die neue Rolle und ruft zwei Passantinnen "Hallo Mädels" zu, die winken zurück. Geduzt wird jetzt sowieso, das gehört zur Stimmung. Jürgen lächelt mild wie ein Sozialarbeiter, der sich mit seinen Schützlingen freut. Jahrelang hat er Jugendbasketballer trainiert, im Grunde sei das ähnlich: schnell die Rabauken erkennen und ihnen den Wind aus den Segeln nehmen.

Zehn Jahre lang arbeitete Jürgen im Büro, erst bei IBM, dann über eine Zeitarbeitsfirma im Paketversand bei Bosch. Bis ihn 2009 die Wirtschaftskrise erwischte. Weil er Quereinsteiger war, fällt ihm jetzt der Wiedereinstieg schwer. Jürgen ist ausgebildeter Kesselbauer, aber er merkte schnell, dass der Beruf ihm nicht taugt. Seit einem Jahr fährt er deshalb das Bierbike für zehn Euro die Stunde, etwa zwei Tage die Woche. An den restlichen Tagen sucht er Arbeit.

Als Jürgen nach zwei Stunden das Ziel erreicht, grinst ihm zehnmal dasselbe Gesicht entgegen. Weil ein Fußballtrainer heiratet, tragen seine Jungs als Masken Bilder seines Gesichts: "Wir sind heute alle Olaf", sagt einer der Gäste, Anfang 20, rote Haarstoppeln, Sommersprossen. Mit den anderen spielt er in der dritten Mannschaft, raucht Kette und sieht auch den Fußball nicht als Grund, damit aufzuhören: "Wir dürfen sowieso nicht aufsteigen. Wettbewerbsgründe." In der nächst höheren Liga spielt schon die zweite Mannschaft desselben Vereins.

"Klar frage ich mich oft, was da wieder für Leute kommen", sagt Jürgen in einer Pause. Die 18- bis 20-Jährigen seien manchmal schlimm - aber die Ausnahme, nicht jeder kann sich die Miete von 140 Euro pro Stunde leisten. Überhaupt taugt so eine Fahrt nicht wirklich zum Abschießen, weil bei all dem Getrete kaum Zeit bleibt, einen über den Durst zu trinken. Sind die Gäste schon beim Einstieg voll, dann sind die Fahrer angehalten, sie nach Hause zu schicken.

Einmal Proll und zurück

Im vergangenen Jahr stellte eine SPD-Abgeordnete eine Anfrage im Stuttgarter Landtag: Ob es sich beim Bierbike tatsächlich um ein Fahrrad handele? Ob der Betrieb der Musikanlage nicht den Verkehr beeinträchtige? Eine Zeitlang war nicht klar, ob die Partyräder weiterrollen dürfen oder die Sache ausgeht wie in Düsseldorf. Dort bremste ein Verwaltungsgericht die Betreiber aus, die Entscheidung eines höheren Gerichts steht noch aus.

"In Stuttgart ist die Sache geklärt, wir dürfen fahren", sagt Subunternehmer Valentin Hörer, 27. Er ist gelernter Bankkaufmann und passionierter Handballer, ein Hüne mit teurer Lederjacke und festem Händedruck. Seine beiden Bierbikes mietet Hörer bei einem Kölner Anwalt, der den Vertrieb in Deutschland aufgebaut hat.

Jürgen peilt den Schlossplatz an. Überrascht vom Johlen drehen sich Hunderte von Köpfen; Touristen zücken ihre Kameras. "Schon ein bisschen prollig", findet Marcus, Geschäftsführer einer Medienagentur und Mitfahrer bei Junggesellenabschied Nummer drei. "Man macht das ja nicht jeden Tag", sagt er entschuldigend, bevor die Gruppe singend und auf den Tresen klopfend ins Ziel rollt.

22 Uhr, ihr Abend fängt erst richtig an. Jürgen hat noch eine Mädchengruppe vor sich, die das Gefährt nur schleppend in Schwung bringt. Die Lösung: Am Hauptbahnhof rekrutieren sie Jungs, zusammen halten sie bis Mitternacht durch. Dann macht Jürgen sich auf den Weg ins Bett. Den Schlaf hat er nötig: Am nächsten Morgen wartet bei einem Sommerfest schon die nächste Meute.

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