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18. Februar 2013, 12:15 Uhr

Mittagspause in Paris

22 Minuten und ein voller Bauch

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Mahlzeit! Viele sehnen die Mittagspause herbei - und stressen sich dann doch mit einem schnellen Teller in der Kantine oder einem Sandwich vor dem Computer. Was machen eigentlich Europas Feinschmecker, die Franzosen, um 13 Uhr? Ein Mittag in Paris.

Wenn Thibaut Millet nicht weiß, was er essen soll, bestellt er "Steak frites", Fleisch mit Pommes. "Das gibt's bei uns in der Kantine jeden Tag, und das schmeckt auch jeden Tag", sagt er. Es ist nicht so, dass er keine Auswahl hätte. Die Kantine hat eine Station mit klassischen französischen Gerichten, mit Braten in Sauce, gedämpftem Fisch, gefüllter Putenbrust, Kartoffelgratin, Mousse au chocolat, solche Sachen. An einer anderen Theke werden sogar Jakobsmuscheln oder marokkanisches Couscous mit Lamm angeboten. "Aber es bleibt eine Kantine", sagt Millet. "Praktisch, günstig - aber keine große Kochkunst." Das Steak ist eine sichere Nummer.

Millet, 33, Rollkragenpullover und Bürstenschnitt, arbeitet bei Whirlpool, einem Hersteller von Küchen- und Bäder-Inventar. Er kümmert sich dort um den Internet-Auftritt von Spülmaschinen und Kühlschränken. Seine Kunden sind Elektromärkte in Frankreich, England und Deutschland. Er selbst sitzt in einem Büro im Westen von Paris. Mittags geht er so gut wie jeden Tag mit seinen Kollegen in die Kantine, "weil es schnell geht". Zu dem Steak bestellt er manchmal Gemüse statt der Fritten, auf Nachtisch verzichtet er. Und zu Trinken gibt es Leitungswasser. Ungefähr 40 Minuten dauert seine Pause.

Im Frühjahr und Sommer verlässt Millet manchmal mittags das Büro und joggt durch den nahegelegenen Park Bois de Boulogne. Nach dem Sport kauft er sich dann schnell ein belegtes Baguette oder ein Stück Quiche Lorraine beim Bäcker. Auch wenn ein Meeting länger dauert, isst Millet außerhalb der Firma. "In der Umgebung gibt es viele günstige Schnell-Imbisse, das ist okay", sagt er. Nur wenn Kunden zu Besuch sind, nimmt er sich Zeit. Um die Geschäfte zu besiegeln, isst man gemeinsam im Restaurant. "Zum Aperitif bestellen wir dann gerne auch mal ein Bier." Über das Geschäft reden sie beim Essen allerdings nicht, das ist tabu. Früher hat Millet auch mit den Kollegen regelmäßig mittags auswärts gegessen. Dafür ist heute keine Zeit mehr.

Nur noch 22 Minuten macht der Durchschnitts-Franzose Mittagspause. Viele Angestellte verzichten sogar auf die Kantine und bringen sich ihr Essen lieber in der Tupperdose von zu Hause mit. Sie wärmen es dann in der Etagen-Küche auf und essen im Stehen oder vor dem Bildschirm am Arbeitsplatz. Gerade die Jungen messen dem Mittagsmahl immer weniger Bedeutung bei. "Es ist nicht so, dass wir kein gutes Essen mögen, im Gegenteil", sagt Millet. "Aber wir werden an Resultaten gemessen und stehen deshalb unter Druck. Wenn die Zeit für die Arbeit knapp wird, mache ich eher eine kürzere Pause."

Früher war zwischen 12 und 14 Uhr niemand zu erreichen

Bis vor ein paar Jahren wäre das undenkbar gewesen. Da war die Mittagspause in Frankreich ein Anker im Arbeitsalltag, unantastbar wie der Rotwein zum Roquefort. Sie dauerte oft volle zwei Stunden: Zwischen 12 bis 14 Uhr ging in französischen Betrieben nicht mal die Sekretärin ans Telefon. Komplette Abteilungen saßen irgendwo im Bistro beim "Menü du Jour": Vorspeise, Hauptgang, Dessert, dazu ein Glas Rotwein und hinterher natürlich Kaffee. Ohne Espresso stehen Franzosen nicht vom Tisch auf.

Den Kaffee braucht Millet auch, aber natürlich gibt es in der Kantine niemanden, der ihm den kleinen Schwarzen an den Tisch bringt. Millet zieht sich das Koffein aus dem Automaten. 30 Cent steckt er in den Schlitz, die Maschine spuckt einen braunen Becher aus, dann läuft der Kaffee in einem dünnen Strahl hinein. Mit dem ersten Schluck verbrennt Millet sich fast immer die Zunge. "Dieser Kaffee ist furchtbar. Er ist zu heiß und schmeckt widerlich", sagt er. Trotzdem steht er jeden Tag mehrmals vor dem Automaten, dort ist der Treffpunkt der Abteilung. Der Schwatz in der Schlange nach dem Mittagessen ist die letzte Auszeit, bevor der Nachmittag anfängt.

"To go ist furchtbar"

Will man wissen, wie diejenigen essen, die sich noch die Zeit dafür nehmen, muss man raus in die Provinz. Zum Beispiel nach Laguiole, einem Kaff im Departement Aveyron, etwa auf halbem Weg zwischen Clérmont-Ferrand und Montpellier. 573 Kilometer von Paris entfernt setzt sich Thierry Moysset um die Mittagszeit ins Auto, fährt ein paar Kurven und hält vor einem kleinen Restaurant. Moysset ist der Chef der Messerfabrik "Forge de Laguiole", sie stellen dort die berühmten Messer in Handarbeit her und verschicken sie in die ganze Welt. Moysset bestellt als Vorspeise eine Wurstplatte, dann ein Steak vom Aubrac-Rind mit Aligot, einer monströsen Mischung aus Kartoffeln, Crême fraîche und Käse. Moysset sagt, wenn er sich etwas wünschen dürfte, dann wäre das eine Welt mit weniger Fast Food. "To go ist furchtbar."

Draußen nieselt es, der Wind bläst die Wolken über die Hügel. To go ist von diesem Ort meilenweit entfernt, trotzdem hat es auch Moysset an diesem Tag eilig. Er wischt den Saucenrest mit einem Stück Brot auf und schiebt den Teller weg. "Hat es dir gut geschmeckt?", fragt der Kellner. Moysset nickt. Die beiden sind befreundet, das Restaurant ist praktisch die Kantine der Firma. Moysset schaut auf die Uhr, eigentlich müsste er längst wieder am Schreibtisch sitzen. Aber dann überlegt er es sich anders: "Was gibt es zum Dessert?"

In den kommenden Wochen stellt KarriereSPIEGEL in loser Folge Mittagspausen-Rituale aus aller Welt vor.

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