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Mobbing Ist der Arbeitgeber zur Hilfe verpflichtet?

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Corbis

Büro-Voodoo: Dauerkonflikte vergiften das Betriebsklima

Kleine Gemeinheiten, große Schikanen und gezielte Demütigungen können das Berufsleben zur Hölle machen. Mobbing-Opfer sollten sich wehren - und kein Arbeitgeber darf sich einfach aus der Verantwortung stehlen.

Wo Menschen auf engstem Raum arbeiten, über Jahre oder sogar Jahrzehnte, entsteht ein Reizklima. Man kann sich die Kollegen meist nicht aussuchen, lernt einander aber sehr gut kennen. Oft zu gut. In so einer Zwangsgemeinschaft wachsen auch Rivalitäten und echte Feindschaften. Bleiben offene oder schwelende Konflikte ungelöst, kann das Betriebsklima empfindlich leiden.

Kleine Frotzeleien und Spitzen sind Teil des Arbeitslebens. In manchen Unternehmen kommt es jedoch zu perfidem Tratsch, gezielt werden Gerüchte gestreut, einzelne Mitarbeiter wiederholt erniedrigt und von einer ganzen Gruppe unter Druck gesetzt - bis sie sich völlig ausgeliefert fühlen und ihren Job als Hölle empfinden. Die Folgen sind oft schwer: Dauerstress, Wut, das Einbüßen des Selbstvertrauens bis hin zu psychosomatischen Erkrankungen oder Suizidgefahr.

Die Grenze zwischen Alltagskonflikten und Mobbing ist fließend. Die Definition des Mobbing-Experten Dieter Schlund lautet: "Mobbing-Handlungen sind feindliche Angriffe gegen eine oder mehrere Personen, die systematisch und über einen längeren Zeitraum ausgeübt werden, mit dem Ziel, die Betroffenen zu demütigen oder auszugrenzen." Das sollte niemand hinnehmen, sondern sich aus der Opferrolle lösen und Unterstützung suchen.

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Analyse von Mobbingfällen: Experten zeigen Fehler auf
Neben Beratungsstellen oder dem Betriebsrat sind Vorgesetzte die wichtigsten Ansprechpartner. Denn ein Unternehmen muss Mitarbeiter vor systematischen Anfeindungen und Verletzungen ihrer Würde schützen. Das liegt nicht nur im Eigeninteresse des Arbeitgebers, um etwa lange Ausfallzeiten zu vermeiden - es ist auch Teil seiner Fürsorgepflicht.

Bei Angriffen auf die Persönlichkeit haben Arbeitgeber viele Reaktionsmöglichkeiten. Zunächst können sie in Einzelgesprächen versuchen, die Lage zu klären, und Mobber ermahnen. Braucht es ein Gespräch zwischen allen Beteiligten, kann ein neutraler, externer Moderator oder eine Mediation sinnvoll sein.

Manchmal ist Mobbing Chefsache

Ebenso kann ein Arbeitgeber klare Regeln aufstellen, was als angemessenes Verhalten gilt, und die Belegschaft durch Schulungen und Seminare für das Thema sensibilisieren. Geht es mit dem Mobbing weiter, kommen Abmahnungen und Versetzungen in Betracht. Oder eine Kündigung, sofern sich ein Arbeitnehmer von nichts und niemandem abschrecken lässt.

Konfliktklärung zählt zweifellos zu den Führungsaufgaben. Bisweilen allerdings, in besonders üblen Unternehmen, ist Mobbing geradezu Teil der Führungskultur. Besonders schwierig ist die Situation, wenn Vorgesetzte ein Klima täglicher Herabsetzungen dulden, indem sie weghören und wegsehen. Oder wenn sie sich sogar an Attacken auf Mitarbeiter beteiligen. Ist der Chef der Aggressor, sprechen Mobbing-Experten von "Bossing", bei Angriffen von Untergebenen gegen ihren Chef von "Staffing".

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Mobbing: Informationen und Hilfe im Netz
Rechtlich steht Mitarbeitern eine Reihe von Möglichkeiten zur Verfügung, um sich gegen Mobbing zur Wehr zu setzen. Wenn der Arbeitgeber gar nichts oder deutlich zu wenig unternimmt, um Übergriffe zu verhindern, können sie ihre Arbeitsleistung zurückbehalten und zudem Schadensersatz geltend machen, gegenüber Mobbern wie auch dem Unternehmen.

Damit gehen sie jedoch ein hohes Risiko ein. Denn solche Ansprüche rechtlich durchzusetzen, ist ausgesprochen schwierig. Systematische Schikanen müssen Arbeitnehmer dokumentieren und durch Zeugen belegen können, den Zusammenhang zu psychischen und physischen Folgen beweisen. Richter verlangen stets detaillierte Nachweise - für die Linderung menschlicher Tragödien oder die Wiederherstellung der Ehre sehen sie die Justiz eher nicht zuständig.

  • Wichtige Urteile und ihre Folgen

Ein Arzt fühlte sich vom Vorgesetzten gepiesackt. Der Arbeitgeber leitete ein Konfliktlösungsverfahren ein, allerdings vergeblich, sodass der Mitarbeiter mehrfach wegen einer psychischen Erkrankung ausfiel. Als Lösung sah der Arzt nur die Möglichkeiten, dass sein Chef entlassen oder er selbst auf eine vergleichbare Stelle versetzt wird. Er forderte, die Klinik müsse für die Verletzung seines Persönlichkeitsrechts durch den Chefarzt haften und Schmerzensgeld zahlen. Dazu war der Arbeitgeber ebensowenig bereit wie zu einer Versetzung und bestritt das Mobbing.

Vor dem Bundesarbeitsgericht siegte der Arzt teilweise. Die Richter sahen "mobbingtypische Verhaltensweisen" des Chefarztes als Ursache für die psychische Erkrankung des Mitarbeiters. Und weil der Vorgesetzte "Erfüllungsgehilfe" des Arbeitgebers war, musste die Klinik Schmerzensgeld zahlen. Ein Anspruch auf Entlassung des Chefs bestand jedoch nicht (Urteil vom 25. Oktober 2007, Aktenzeichen 8 AZR 593/06).

Wegen jahrelangen Mobbings forderte eine Angestellte von der Stadt Solingen fast 900.000 Euro Schmerzensgeld. Sie sah ihre "Ehre und Würde mit Füßen getreten", weil ihre Vorgesetzten sie schikaniert, sogar zu Unrecht fristlos gekündigt und nach ihrer Rückkehr an eine andere Einsatzstelle "entsorgt" hätten.

Mit ihrer Klage scheiterte die Diplom-Ökonomin jedoch. Das Landesarbeitsgericht Düsseldorf sah keine ausreichenden Anhaltspunkte für Mobbing und grenzüberschreitende Handlungen der Vorgesetzten. Im Arbeitsverhältnis seien "Auseinandersetzungen auch in scharfer Form nicht unüblich"; zudem habe die Klägerin "Kritik selbst in heftiger Form geübt", selbst wenig zur Entschärfung des Konflikts beigetragen und ein Mediationsverfahren abgelehnt. Die städtische Angestellte ging somit leer aus (Urteil vom 26. März 2013, Aktenzeichen 17 Sa 602/12).

  • Das rät Ina Koplin, Fachanwältin für Arbeitsrecht

Empfindet ein Mitarbeiter das Verhalten eines Kollegen oder auch Vorgesetzten als Angriff, Erniedrigung oder Beleidigung, sollte er das Gespräch mit dem Arbeitgeber suchen, der zeitnah reagieren muss, zum Beispiel durch Einzelgespräche. Seine Fürsorgepflicht verpflichtet ihn, jeden einzelnen Mitarbeiter vor gesundheitlicher Beeinträchtigung am Arbeitsplatz zu schützen - auch wenn die Gefahr aus den eigenen Reihen kommt. Ignoriert ein Arbeitgeber die Probleme, können Mobbingopfer unter Umständen Schadensersatzansprüche und Schmerzensgeld gegen den Arbeitgeber geltend machen.

Souveräner Umgang mit Klatsch
1. Wie schütze ich mich vor Klatsch?

Wer weiß, worüber die Kollegen im Büro klatschen, wird selbst seltener zum Klatschopfer, sagt der Frankfurter Soziologe Christian Schuldt. Flurfunk sei ein wichtiges Instrument der Information: Beschäftigte großer Unternehmen beziehen fast zwei Drittel ihres des Jobwissens aus Gerüchten. Auch der berufliche Erfolg beruht nur zu 10 Prozent auf Fachkompetenz, aber zu 90 Prozent auf Beliebtheit und Bekanntheit - also letztlich auf Klatsch.

2. Wann wird man selber zum Klatschopfer?

Wem erzähle ich was? Wer kann Geheimnisse für sich behalten? Wer gibt vertrauliche Informationen ungefiltert weiter? Klatsch ist eine "diskrete Indiskretion" und darf nicht in jedem Fall weitergeleitet werden, sagt Schuldt. Es sei wichtig, immer informiert zu sein. Aber es sei auch gleichzeitig gefährlich, wahllos in alle Richtungen zu plaudern. Dann läuft man Gefahr, selbst zum Klatschthema zu werden.

3. Wann wird die Grenze zum Mobben überschritten?

Böse Gerüchte, üble Verleumdungen, Bettgeschichten - solche Themen haben in Bürogesprächen nichts zu suchen. Damit wird die Grenze zum Mobbing überschritten, das ist verboten. Es gibt klare Klatschregeln, und die haben immer etwas Versöhnliches, so Schuldt. Jede Klatschgeschichte will den Kollegen sanft anstupsen, aufzeigen: So ticken die Chefs und die Kollegen, so sind die kulturellen Werte des Teams oder des Unternehmens.

4. Warum sind Chefs solche Klatschmäuler?

An der Spitze ist es einsam, und mit Klatsch kann man Verbündete finden und gleichzeitig Feinde abwehren. Schuldt: Deshalb ist Klatsch oft ein beliebtes Mittel, um die eigene Macht im Unternehmen zu festigen. Besonders Vorgesetzte lästern gern über die Missgeschicke hochrangiger Kollegen und Konkurrenten.

5. Warum ist ein angenehmes Klatschklima wichtig?

Damit die Mitarbeiter ein Ventil haben, um Dampf abzulassen. Schuldt: Wer Gerüchte verbietet, produziert nur noch mehr Getuschel. Er ist sicher: Wenn die Mitarbeiter frei reden können, steigt die Motivation, steigen gleichzeitig der Teamgeist und das Wir-Gefühl.

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1. In einigen Behōrden gilt Mobbing als nicht existent
wwpd65 27.09.2015
Meine Studien haben ergeben, das Mobbing meistens mit Macht und Ohnmacht zu tun haben. Darūber hinaus gibt es Dienststelle wo dieses Spiel exzessiv betrieben werden und alle schweigen. Der Betroffene wird zum Wanderpokal und von einer Stelle in die andere gesetzt, anstatt gegen die Täter vorzugehen. Fürsorge von der Personalabteilung findet nicht statt, da diese der Auffassung ist mit einem Menschen der keine Stellengrundlage hat alles machen zu kōnnen. In Hamburg hilft der Verein KLIMA e.V Mobbingopfern.
2. ...wenn der Arbeitgeber mobbt...
sehe 27.09.2015
Der Fehler liegt bereites im Abstract: Wenn der Arbeitgeber selbst -also bspw. der Vorstand- mobbt, ist es mit der Verantwortung ohnehin vorbei. Mobbing-Tagebücher, etc. sind reine Theorie. In der Praxis rät wohl nahezu jeder Anwalt von einer Mobbingklage ab, denn selbst Ärzte dies bestätigen, sehen sich Richter, mangels Gesetze, außerstande daraus ein Urteil abzuleiten. Was Anwälten, Richtern etc. daher immer viel einfacher passt ist es schlicht eine Abfindung einzufordern. Die Konsequenz: Leichteres Geld für alle die am Leid verdienen - auch der Staat der durch die Steuern nicht schlecht an Abfindungen mitverdient - und Häme für die Opfer. Das ist unsäglich!
3. lässt sich nur lösen wenn man es als chance gegreift
willi10661 27.09.2015
ich war selbst Mobbing Opfer, für den Posten überqualifiziert und zu erfolgreich, hat in einem burn out geendet. im nachhinein bin ich dankbar dafür, heute erfolgreich selbständig und zufrieden. Denke es macht wenig Sinn hier die " ich habe Recht" Position einzunehmen, vor Gericht klagen,...besser gehen und einen Neuanfang wagen. Andernseits kenne ich auch genügend Fälle von krasser Selbstüberschätzung, Mitarbeiter die fehlendes Lob für Selbstverständlichkeiten bereits als Mobbing verstanden haben und durch ihre eigene Reaktion die Spiral erst angeheizt haben.
4. Mobbing ist tatsächlich Chefsache...
juttaku 27.09.2015
..Unternehmenskulturen definieren sich geradezu über das Mobbing. Wie weltfremd sollte man sein, mit dem Thema Mobbing zum Chef zu gehen. Guter Witz.
5. Bossing
SanchosPanza 27.09.2015
Im Turbokapitalismus der großen Konzerne ist nicht juristisch sanktionierbares und mit Vorgesetzten abgestimmtes Bossing ein häufig eingesetztes Führungsinstrument. Auch das HR-Management betrachtet das häufig durchaus wohlwollend. Kann es doch helfen, schwierigere Mitarbeiter zu disziplinieren oder aus der Firma zu drängen. Ich beobachte gerade so einen Fall. In der Haut dieses armen Menschen möchte man nicht stecken.
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Psychoterror: Experten fordern mehr Rechte für Mobbing-Opfer

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  • Corbis
    Der Mobbingberater Dieter Schlund gibt zehn Tipps für Arbeitnehmer, die sich im Job angegriffen fühlen:

    • • Lassen Sie sich nicht provozieren. Bleiben Sie sachlich, auch wenn es schwer fällt.
    • • Gehen Sie dem Angreifer aus dem Weg.
    • • Gehen Sie aus dem Konfliktfeld heraus, indem sie beispielsweise den Raum verlassen.
    • • Biedern Sie sich nicht an, machen Sie sich nicht "klein".
    • • Holen Sie Hilfe - beim Betriebsrat, Vorgesetzten, betrieblichen Sozialdienst.
    • • Sprechen Sie mit Freunden und der Familie über die Situation.
    • • Suchen Sie eine Mobbing-Selbsthilfegruppe auf, in der Sie andere Betroffenen kennen lernen.
    • • Nehmen Sie die Leistungen einer Beratungsstelle oder eines Mobbingtelefons in Anspruch.
    • • Kontaktieren Sie einen Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Arbeitsrecht.
    • • Tanken Sie Energie, etwa beim Sport. Suchen Sie Entspannung.
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Mobbing: Feindliche Angriffe am Schreibtisch


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