Mittwochnachmittag, Industriegebiet Reinfeld bei Lübeck. Auf dem Parkplatz der Spedition Bode stellt Torsten Kreibig seinen 40-Tonner ab, macht den Motor aus und klappt ein kleines Netbook auf. Zeit für die Hausaufgaben. "Normalerweise mache ich das abends irgendwo auf einem Rastplatz", sagt der 48-Jährige. Auf dem Bildschirm erscheint ein Kursbuch, Kreibig klickt auf das Kapitel "Sicherheit - Tipps & Tricks" und wählt ein Lernvideo über das korrekte Verhalten bei Pannen und Unfällen aus.
Zusammen mit 25 Kollegen hat Kreibig sich freiwillig für das Projekt mit dem sperrigen Namen "Mobile Learning - prozessorientiertes Informieren und Lernen in wechselnden Arbeitsumgebungen" der Fernuni Hagen gemeldet. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt untersucht, wie mobile Geräte wie Netbooks und Smartphones in der Aus- und Weiterbildung eingesetzt werden können.
Neben den Kraftfahrern nehmen auch Fertigungsmechaniker und Elektroniker im ersten Lehrjahr an dem Projekt teil. Was sie mobil lernen sollen, haben die Wissenschaftler der Fernuni zusammen mit den Arbeitgebern festgelegt. Auf dem Stundenplan von Kreibig stehen Themen wie Arbeitsschutz, Umgang mit Stress und Konflikten, gesunde Ernährung und Fitness. Ein halbes Jahr lang muss er jede Woche Aufgaben lösen und kleine Tests absolvieren. Als Dank darf er das Netbook behalten.
"Das war sicherlich eine kleine Motivation", sagt Projektleiterin Claudia de Witt, Professorin für Bildungstheorie und Medienpädagogik an der Fernuni Hagen. Aber entscheidend seien die Unterstützung und die Begeisterung der Unternehmensführung gewesen.
"Veränderte Lernkultur"
Bis zu neun Stunden sitzt er pro Tag am Steuer seines Sattelzugs und chauffiert mit dem 40-Tonner Waren quer durch Europa. Pro Jahr kommt er auf rund 120.000 gefahrene Kilometer. Zeit für Weiterbildung bleibt da kaum. "Ich kann ja gar nicht regelmäßig zu einer bestimmten Zeit an einem Kurs teilnehmen", sagt Kreibig. Präsenzschulungen solle das mobile Lernen nicht ersetzen, sagt sein Chef Eckhard Bode: "Aber die Fahrer können Wartezeiten sinnvoll nutzen und Wissen unterwegs auffrischen."
Projektleiterin de Witt zieht schon ein positives Fazit. In Zukunft will sie die Lerninhalte auch anderen Speditionen zur Verfügung stellen. "Mobiles Lernen wird unsere Lernkultur verändern", sagt sie. "Das wird sich auch in Unternehmen etablieren." Die Nebenbei-Kurse könnten den Mitarbeitern einen regelrechten Motivationsschub verleihen.
Das New Media Consortium, ein internationaler Think-Tank, zählt in seinem "NMC Horizon Report" orts- und zeitunabhängige Lernen zu einem der wichtigsten Trends, der innerhalb der nächsten Jahre weltweit großen Einfluss auf die Bildung haben wird.
Offline in Afrika
In Deutschland gibt es Mobile-Learning-Projekte derzeit schon an Universitäten, in Krankenhäusern oder in der Automobilindustrie. Auch bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) lernt ein Teil der Mitarbeiter per Smartphone. "Wir nutzen mobile learning insbesondere für die Weiterbildung von Führungskräften aus Entwicklungsländern", sagt Volker Lichtenthäler von der Akademie für internationale Zusammenarbeit.
Auf einer für mobile Endgeräte optimierten Webseite bietet die GIZ kleine Lernhäppchen, sogenannte Knowledge Nuggets, an. Projektpartner, die bei der GIZ einen Managementkurs gemacht haben, können sich einloggen und unterwegs kurze Videos mit Beispielen aus der Praxis oder Infotexte abrufen, sowie Podcasts über Krisenmanagement, nachhaltiges Wirtschaften oder die Zusammenarbeit in virtuellen Teams. Ein Zusatzangebot, mit dem die Führungskräfte weiterlernen und sich online austauschen können.
Elizabeth Maloba arbeitet als Consultant in Nairobi und nutzt das Lernangebot der GIZ mit ihrem Smartphone zum Beispiel, um sich die Wartezeiten am Flughafen zu vertreiben. "Das Angebot ist hilfreich, weil es mir einen flexiblen Zugang zu Informationen ermöglicht", sagt sie. "Ein großes Problem ist allerdings die Netzabdeckung. Das ist gerade hier in Afrika oft schwierig, so dass ich das Lernangebot manchmal gar nicht nutzen kann, selbst wenn ich wollte."
Die GIZ bietet online auch ein kleines Management-Lernspiel an: In Lima soll eine neue Solaranlage aufgebaut werden. Konstruktion in Deutschland, Produktion in Indien, Umsetzung in Peru. Ziel des Spiels: das internationale Team managen, Missverständnisse aus dem Weg räumen, mit Kritik umgehen und virtuelle Konferenzen vorbereiten. "Für die kleinen Wissens- oder Kompetenzhäppchen, die ich vermitteln möchte, muss ich auch den richtigen Mix aus Text, Visualisierung und direkter Aktion finden", sagt Lichtenthäler. "Didaktisch gibt es da noch ganz viele Entwicklungsmöglichkeiten."
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