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Modedesignerin für Übergrößen Fachfrau in Kurvenfragen

Aus Frust wird Karriere: Anna Scholz entwirft Mode für Mollige Fotos
Anna Scholz

Als Jugendliche ärgerte sich Anna Scholz, dass es in ihrer Größe keine schicken Kleider gab - und nähte sich selbst welche. Aus der Verzweiflung von damals wurde eine Erfolgsgeschichte: Heute zählt sie zu den weltweit erfolgreichsten Designerinnen für Übergrößenmode.

Im Atelier in der Londoner Scrubs Lane ist die Stimmung an diesem Morgen ungewohnt verhalten. Eine Woche hat Anna Scholz in New York verbracht, hat ein Apartment in Manhattan gemietet, Models gebucht und den Einkäufern der großen Modehäuser ihre neueste Kollektion gezeigt. Jetzt wartet sie auf Bestellungen. Wie werden sich Bloomingdales und das Fifth-Avenue-Edelkaufhaus Saks entscheiden? Und was, wenn die Großen gar nicht anbeißen?

Anna Scholz ist Designerin für Plus-Size-Mode, also Mode für Frauen, die ein wenig mehr auf den Hüften haben - ab Größe 42 aufwärts. In den USA und in Großbritannien ist die Nachfrage nach den Kurvenkleidern mit den großen Mustern groß, auch weil Prominente wie die Sängerinnen Beth Ditto, Alison Moyet und Queen Latifah sie tragen. Weltweit haben 40 Läden Anna Scholz im Sortiment.

Nur in Deutschland hadern üppige Frauen mit den Kreationen. Ihr Geschäft in Berlin musste sie jüngst mangels Nachfrage wieder schließen. "In Deutschland kleiden sich Frauen mit großen Größen doch eher sportiver. Sie verhüllen und verstecken sich mehr, wollen einem gesellschaftlichen Ideal entsprechen", sagt Scholz.

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7  Bilder
Mode auf Rädern: Im Rollstuhl über den Catwalk
Schon früh stört sich die gebürtige Hamburgerin am Sortiment der deutschen Kaufhäuser. Vergeblich sucht die 180-Zentimeter-Frau, die als Jugendliche bereits Größe 42 trägt, nach schönen Klamotten. Dann kauft sie Stoffe auf dem Flohmarkt und näht sich, was ihr gefällt. Schnell merkt sie, dass die Näherei mehr als ein Hobby ist. Nach dem Abitur schickt sie ihre Bewerbungsmappe an das berühmte Central Saint Martins College of Art and Design in London. Dort haben schon Designer wie Stella McCartney, Alexander McQueen und John Galliano studiert - und Scholz wird genommen.

Die Dozenten loben ihr Talent, doch mit ihrer Mode ist sie eine Außenseiterin. "In einer Welt, in der die normale Schnittgröße 36 ist, bist du nicht wirklich interessant", sagt Scholz. Innerlich verabschiedet sie sich von Paris, Mailand und den großen Fashion-Shows. Aufgeben will sie aber nicht.

Noch während des Studiums eröffnet sie einen Laden auf der Portobello Road in Notting Hill. Jeden Samstag hängt sie drei neue Kreationen ins Schaufenster. Eine in Größe 38, eine in 42 und eine in 46. "Ich habe Gründerzuschüsse beantragt, gelernt, wie man einen Businessplan erstellt, mich immer wieder von erfahrenen Selbständigen beraten lassen", berichtet Scholz.

Vom Wohnzimmer ins 80-Quadratmeter-Atelier

Sie bewirbt sich für Förderprogramme, belegt Kurse und besucht Messen. Nebenbei jobbt sie als Model für Übergrößen. Der große Umbruch kommt nach einem Artikel in der Modezeitschrift "Drapers Record". Die große amerikanische Ladenkette Lane Bryant wird auf sie aufmerksam und nimmt sie unter Vertrag.

Anna Scholz, die zu der Zeit rund 20 Einzelteile wie Kleider und Hosen entworfen hat, soll von jedem Entwurf 80 Stück liefern. Und das schnell. "Ich hatte weder das Kapital, noch hatte ich die Mitarbeiter dafür. Von Erfahrung ganz zu schweigen", sagt Scholz. Die Manager von Lane Bryant geben ihr einen Vorschuss und sie startet durch. Sie verlegt ihren Arbeitsplatz von der Einzimmerwohnung in ein 80 Quadratmeter großes Atelier, sucht Nähereien in England.

Nach einem Jahr ist die Zusammenarbeit mit den Amerikanern beendet, aber Anna Scholz hat sich einen Namen in der Branche gemacht. Jetzt gibt es ihre Kreationen bis Größe 56 in den britischen Kaufhausketten Debenhams, Harrods und Selfridges zu kaufen. Trotzdem bastelt Scholz schon an einer neuen Strategie, denn sie erkennt: Der Trend geht zu Online-Shops.

Dankesbriefe der Kundinnen

Sie steigt bei Simply Be ein, einem Katalog-Riesen für Damenmode, entwirft eine eigene Kollektion, investiert in ihr eigenes Online-Geschäft. Heute arbeitet sie in einem noch größeren Atelier in der Scrubs Lane, entwirft drei Kollektionen pro Saison, die sie in Europa und Asien nähen lässt. Ihr Motto verbreitet sie über ein Blog im Internet: Üppige Frauen können alles tragen, sie müssen nur ihre Proportionen kennen und geschickt kombinieren.

Täglich bekommt sie E-Mails und Fotos von Kundinnen geschickt: "Viele sagen mir, dass sie das erste Mal in ihrem Leben ein positives Einkaufserlebnis haben und ihr Leben nicht mehr von ihrer Größe bestimmen lassen wollen."

Endlich kommt die langersehnte E-Mail. Der Online-Kunde Bloomingdales hat angebissen und großzügig bestellt. Anna Scholz lacht auf. Sie ist erleichtert, zufrieden: "Das ist einfach eine tolle Bestätigung für den Weg, den ich gehe."

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Katja Kasten arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

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insgesamt 63 Beiträge
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1. und trotzdem
_stordyr_ 07.01.2013
sind schicke Klamotten für Übergrössen noch immer Mangelware und man möchte den Modemachern zurufen. "Leute wir sind dick... nicht blind. Es gibt da einen gewaltigen Unterschied"... Das Ding ist doch, dass nur, weil ich viel Fläche auf Bauch und Rücken biete, ich nicht die Prints des farbenblinden indischen Stoffdruckers in Übergrösse haben möchte. Das muss doch möglich sein. Und vom Preisunterschied brauchen wir garnicht reden. Es ist schon unterhaltsam. Man erklärt uns, in welcher Menge Menschen übergewichtig wären und nimmt wegen der "geringen Auflagen" von Kleidung gleich mal 25% mehr...
2. ...
xylitol 07.01.2013
Spannender Artikel, aber wieso sind die Models auf den Bildern maximal leicht übergewichtig, das Model auf Bild 7 sogar richtig dünn? Darf man dicke Frauen, die in schicken Klamotten richtig gut aussehen, nicht zeigen?
3. Übergröße
pterois 07.01.2013
Immer wieder erstaunlich, dass 42 - die am meisten nachgefragte Größe in Mitteleuropa - bereits als Übergröße gilt. Das kommt davon, wenn Menschen das Geschäft bestimmen, die fern der Realität planen. Und wer, bitte, ist Alison Monet? Hat man inzwischen herausgefunden, dass Alison Moyet von einem französischen Impressionisten abstammt? ;-)
4. Ganz einfach
pterois 07.01.2013
Zitat von xylitolSpannender Artikel, aber wieso sind die Models auf den Bildern maximal leicht übergewichtig, das Model auf Bild 7 sogar richtig dünn? Darf man dicke Frauen, die in schicken Klamotten richtig gut aussehen, nicht zeigen?
Weil eben schon Größe 42 als Übergröße gilt! Die ersten Models dürften 44-46 tragen.
5.
sleeperinmetropolis 07.01.2013
Oh my goodness - 42 ist natürlich eine heftige Kleidergröße... am besten gleich mal bzgl. eines Magenbandes nachfragen, wenn man "bereits" (!) Größe 42 hat. Dramatisch. Diese 42. BTW: Selbst NORMAL(!)gewichtige Frauen können eine 42 haben.
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