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14. September 2012, 13:07 Uhr

Mode für Behinderte

"Wenn man Räder hat, ist das wie eine Bühne"

Ein Kleid kann auch im Sitzen gut aussehen - sofern es sich nicht verheddert. Genau das passiert aber Rollstuhlfahrerinnen oft. Modedesignerin Vivien Schlüter schneidert schicke Kleidung für Behinderte. In Moskau fuhren schon Models mit ihrer Kollektion im Rolli über den Catwalk.

Bevor Vivien Schlüter, 33, zu Nadel und Faden greift, setzt sie sich auf einen Holzstuhl in der Mitte ihres Ateliers und rudert mit den Armen. Die Beine hält sie still. Mit den ungewöhnlichen Bewegungen will sich die Modedesignerin in die Lage ihrer Kunden versetzen - sie sitzen im Rollstuhl.

Kleider für körperlich Behinderte zu schneidern sei eine Herausforderung, sagt Schlüter. Röcke müssen angeschrägt werden, damit sie nicht in die Speichen kommen. Der Bund von Rock oder Hose sollte vorn niedriger sein als hinten, damit man sich bequem nach vorne beugen kann - ohne dass die Unterhose hervorlugt. Und die Ärmel dürfen nicht zu eng sein, sonst schränken sie die Bewegungsfreiheit ein.

"Ich gucke aber auch, dass ich die Sachen noch selber anziehen kann", sagt Schlüter. "Es ist also eigentlich eine Kollektion für Rollstuhlfahrerinnen und Frauen ohne Handicap." Im Interview mit Radio Bremen TV führt sie ihre Kleider vor, zusammen mit Sara Capobianco aus Ibbenbüren. Die 23-Jährige leidet an Multipler Sklerose und sitzt seit ihrer Kindheit im Rollstuhl. Auf die Oldenburger Designerin stieß sie im Internet.

Beide Frauen sind von der gleichen Idee fasziniert: einer eigenen Modenschau für Rollstuhlfahrer in Deutschland. "Das würde auch anderen die Motivation geben, mehr zu sich zu stehen", sagt Capobianco. Sie selbst würde jederzeit für ihre Freundin über den Catwalk fahren. "Ich fühle mich schön", sagt sie. "Natürlich gibt es Leute, die sagen, Rollstuhl und Schönheit passe nicht zusammen. Aber ich sage: Wenn man Räder hat, ist das wie eine Bühne, die hebt einen hervor."

Im Rollstuhl über den Laufsteg

Ausgerechnet im behindertenfeindlichen Moskau fand im Juli ein Mode-Wettbewerb für Gelähmte und Blinde statt. Vivien Schlüter war dabei. Mehr als hundert europäische Designer hatten sich beworben, ihre Kollektion wurde ausgewählt und schaffte es sogar unter die zehn Finalisten. Eine tolle Erfahrung, sagt Schlüter: "Das war natürlich eine andere Modenschau, allein backstage brauchte man doppelt so viel Platz, weil es keine laufenden Models gab, sondern die Models im Rollstuhl saßen."

Die Idee zu der Veranstaltung hatte ein deutscher Unternehmer, der damit "die Welt ein wenig besser" machen wollte. In Moskau haben es Behinderte besonders schwer. In Bussen gibt es keine Einstiegshilfen, einem Rollstuhlfahrer wurde kürzlich der Zutritt zu einem Luxusrestaurant verwehrt mit der Begründung, er würde anderen Gästen den Appetit verderben. 77 Prozent der arbeitsfähigen Behinderten sind in Russland arbeitslos; in Deutschland liegt diese Quote bei 15 Prozent.

Mode für Behinderte ist aber auch hierzulande noch ein Tabuthema - vor allem für die Betroffenen selbst. "Es ist nicht immer ganz einfach, Rollstuhlfahrerinnen für meine Mode zu begeistern", sagt Schlüter. Viele fürchteten, mit schicken Kleidern aufzufallen. Die Scheu vor den Blicken der Menschen sei groß, bestätigt Robert Freumuth, Geschäftsführer der Stiftung MyHandicap. Bei den wenigen Unternehmen, die sich auf Rollstuhlfahrermode spezialisiert haben, nehme die Nachfrage aber langsam zu.

Erfolgreich ohne Lehre und Studium

Wie viele Rollstuhlfahrer es in Deutschland gibt, kann nur geschätzt werden. Das Statistische Bundesamt erhebt lediglich die Gesamtzahl der Menschen mit Handicap, ohne nach dem Grad der Behinderung zu unterscheiden. Freumuth zufolge gibt es landesweit rund 1,5 Millionen Rollstuhlfahrer, wobei davon nicht alle dauerhaft auf das Hilfsmittel angewiesen sind.

Vivien Schlüter kann mittlerweile schon von ihren Kreationen leben, ohne Nebenjobs. Sie ist Autodidaktin, hat weder Schneiderlehre noch Modedesignstudium. Ihre erste Nähmaschine hat sie von ihrer Oma bekommen, fünf Jahre alt war sie damals. Unter Anleitung der Großmutter schneiderte sie Kleider für ihre Puppen.

Es folgten Shirts, Röcke, Hosen - und vor fünf Jahren die erste Modenschau in einem alternativen Jugendzentrum. So kam sie auch zu ihrer Geschäftsidee: "Eine Rollstuhlfahrerin hat mich damals angesprochen und mich gefragt, ob ich nicht mal was für sie machen könnte."

Die Designerin ist optimistisch, dass ihre Kollektion, die sie selbst als "sexy, rockig und selbstbewusst" bezeichnet, bald noch mehr Fans finden wird: "Jede Frau möchte doch schöne Nägel, schöne Haare - und etwas Schönes tragen."

dapd/vet

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