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Mode für Behinderte "Wenn man Räder hat, ist das wie eine Bühne"

Mode auf Rädern: Im Rollstuhl über den Catwalk Fotos
dapd

Ein Kleid kann auch im Sitzen gut aussehen - sofern es sich nicht verheddert. Genau das passiert aber Rollstuhlfahrerinnen oft. Modedesignerin Vivien Schlüter schneidert schicke Kleidung für Behinderte. In Moskau fuhren schon Models mit ihrer Kollektion im Rolli über den Catwalk.

Bevor Vivien Schlüter, 33, zu Nadel und Faden greift, setzt sie sich auf einen Holzstuhl in der Mitte ihres Ateliers und rudert mit den Armen. Die Beine hält sie still. Mit den ungewöhnlichen Bewegungen will sich die Modedesignerin in die Lage ihrer Kunden versetzen - sie sitzen im Rollstuhl.

Kleider für körperlich Behinderte zu schneidern sei eine Herausforderung, sagt Schlüter. Röcke müssen angeschrägt werden, damit sie nicht in die Speichen kommen. Der Bund von Rock oder Hose sollte vorn niedriger sein als hinten, damit man sich bequem nach vorne beugen kann - ohne dass die Unterhose hervorlugt. Und die Ärmel dürfen nicht zu eng sein, sonst schränken sie die Bewegungsfreiheit ein.

"Ich gucke aber auch, dass ich die Sachen noch selber anziehen kann", sagt Schlüter. "Es ist also eigentlich eine Kollektion für Rollstuhlfahrerinnen und Frauen ohne Handicap." Im Interview mit Radio Bremen TV führt sie ihre Kleider vor, zusammen mit Sara Capobianco aus Ibbenbüren. Die 23-Jährige leidet an Multipler Sklerose und sitzt seit ihrer Kindheit im Rollstuhl. Auf die Oldenburger Designerin stieß sie im Internet.

Beide Frauen sind von der gleichen Idee fasziniert: einer eigenen Modenschau für Rollstuhlfahrer in Deutschland. "Das würde auch anderen die Motivation geben, mehr zu sich zu stehen", sagt Capobianco. Sie selbst würde jederzeit für ihre Freundin über den Catwalk fahren. "Ich fühle mich schön", sagt sie. "Natürlich gibt es Leute, die sagen, Rollstuhl und Schönheit passe nicht zusammen. Aber ich sage: Wenn man Räder hat, ist das wie eine Bühne, die hebt einen hervor."

Im Rollstuhl über den Laufsteg

Ausgerechnet im behindertenfeindlichen Moskau fand im Juli ein Mode-Wettbewerb für Gelähmte und Blinde statt. Vivien Schlüter war dabei. Mehr als hundert europäische Designer hatten sich beworben, ihre Kollektion wurde ausgewählt und schaffte es sogar unter die zehn Finalisten. Eine tolle Erfahrung, sagt Schlüter: "Das war natürlich eine andere Modenschau, allein backstage brauchte man doppelt so viel Platz, weil es keine laufenden Models gab, sondern die Models im Rollstuhl saßen."

Die Idee zu der Veranstaltung hatte ein deutscher Unternehmer, der damit "die Welt ein wenig besser" machen wollte. In Moskau haben es Behinderte besonders schwer. In Bussen gibt es keine Einstiegshilfen, einem Rollstuhlfahrer wurde kürzlich der Zutritt zu einem Luxusrestaurant verwehrt mit der Begründung, er würde anderen Gästen den Appetit verderben. 77 Prozent der arbeitsfähigen Behinderten sind in Russland arbeitslos; in Deutschland liegt diese Quote bei 15 Prozent.

Mode für Behinderte ist aber auch hierzulande noch ein Tabuthema - vor allem für die Betroffenen selbst. "Es ist nicht immer ganz einfach, Rollstuhlfahrerinnen für meine Mode zu begeistern", sagt Schlüter. Viele fürchteten, mit schicken Kleidern aufzufallen. Die Scheu vor den Blicken der Menschen sei groß, bestätigt Robert Freumuth, Geschäftsführer der Stiftung MyHandicap. Bei den wenigen Unternehmen, die sich auf Rollstuhlfahrermode spezialisiert haben, nehme die Nachfrage aber langsam zu.

Erfolgreich ohne Lehre und Studium

Wie viele Rollstuhlfahrer es in Deutschland gibt, kann nur geschätzt werden. Das Statistische Bundesamt erhebt lediglich die Gesamtzahl der Menschen mit Handicap, ohne nach dem Grad der Behinderung zu unterscheiden. Freumuth zufolge gibt es landesweit rund 1,5 Millionen Rollstuhlfahrer, wobei davon nicht alle dauerhaft auf das Hilfsmittel angewiesen sind.

Vivien Schlüter kann mittlerweile schon von ihren Kreationen leben, ohne Nebenjobs. Sie ist Autodidaktin, hat weder Schneiderlehre noch Modedesignstudium. Ihre erste Nähmaschine hat sie von ihrer Oma bekommen, fünf Jahre alt war sie damals. Unter Anleitung der Großmutter schneiderte sie Kleider für ihre Puppen.

Es folgten Shirts, Röcke, Hosen - und vor fünf Jahren die erste Modenschau in einem alternativen Jugendzentrum. So kam sie auch zu ihrer Geschäftsidee: "Eine Rollstuhlfahrerin hat mich damals angesprochen und mich gefragt, ob ich nicht mal was für sie machen könnte."

Die Designerin ist optimistisch, dass ihre Kollektion, die sie selbst als "sexy, rockig und selbstbewusst" bezeichnet, bald noch mehr Fans finden wird: "Jede Frau möchte doch schöne Nägel, schöne Haare - und etwas Schönes tragen."

dapd/vet

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insgesamt 6 Beiträge
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1. ....
janne2109 14.09.2012
Zitat von sysopEin Kleid kann auch im Sitzen gut aussehen - sofern es sich nicht verheddert. Genau das passiert aber Rollstuhlfahrerinnen oft. Modedesignerin Vivien Schlüter schneidert schicke Kleidung für Behinderte. In Moskau fuhren schon Models mit ihrer Kollektion im Rolli über den Catwalk. Modedesignerin Vivien Schlüter entwirft Kleidung für Rollstuhlfahrer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/modedesignerin-vivien-schlueter-entwirft-kleidung-fuer-rollstuhlfahrer-a-855227.html)
tolle Idee, nur die abgebildeten Modelle sind nicht gegen das verheddern in den Speichen gefeit. Hoffentlich fallen der jungen Dame noch bessere Modelle ein und in den Medien wird es noch mehr k9mmuniziert. Gute Ideen sollten unterstützt werden.
2.
verpiler 14.09.2012
Also ich habe bei Rollstuhlfahrern oder, allgemeiner, bei Behinderten genau den selben Geschmack wie sonst. Und außer zu Fasching schließt dieser ganz sicher kein Kleid ein. Eine ganz normale Jeans oder Hose, ein schönes Oberteil, alles gepflegt und elegant, dezent geschminkt, und es wirkt hundert mal sympathischer, als die ganzen Querschussexperimente, die man häufig auf der Straße trifft.
3.
Hugh 15.09.2012
Zitat von verpilerAlso ich habe bei Rollstuhlfahrern oder, allgemeiner, bei Behinderten genau den selben Geschmack wie sonst. Und außer zu Fasching schließt dieser ganz sicher kein Kleid ein. Eine ganz normale Jeans oder Hose, ein schönes Oberteil, alles gepflegt und elegant, dezent geschminkt, und es wirkt hundert mal sympathischer, als die ganzen Querschussexperimente, die man häufig auf der Straße trifft.
Nicht viel Ahnung vom Problem, nicht war? Haben sie schon mal versucht eine/n Gelähmte/n anzuziehen? Das geht mit einem Kleid wesentlich einfacher und lässt der Person, die da angezogen, wird ihre Würde. Meine Mutter hat lange Zeit nur Hosen getragen. Aber nachdem sie querschnittgelähmt war, und sie den Tag im Rollstuhl verbrachte, war ihr ein Kleid lieber. Aus genau dem Grund. Kleidung dient dazu sich wohl zu fühlen, ob behindert oder nicht. Und ich kann mir vorstellen, dass Rollstuhl fahrende Frauen sich in diesen eleganten Modellen sehr wohlfühlen. Und welchen -Geschmack- Sie bei Rollstuhlfahrern und/oder bei Behinderten allgemein haben, ist völlig irrelevant, Sie sind nicht der Nabel der Welt.
4. Behinderte was?
jorinde1968 17.09.2012
Wir sind nicht einfach nur "Behinderte", sondern Menschen mit Behinderungen. Zuerst Menschen. "Behinderte" suggeriert, wir wären eine eigene Spezies oder eine homogene Gruppe. Beides ist falsch und diskrimierend. Würden Artikel mit "Mode für Nichtbehinderte" überschrieben sein, würde das jedem einleuchten. Der Artikel selbst widerspricht dem ebenfalls, denn die Mode ist nicht etwa für gehörlose Männer gedacht, sondern für rollstulnutzende Frauen. Wir "sitzen" auch nicht einfach nur im Rollstuhl, sondern nutzen ihn. "Sitzen" klingt nach Unbeweglichkeit, so wie Püppchen, von Kindern irgendwohin gesetzt. Tatsächlich nutzen wir unsere Rollstühle sowohl zur Fortbewegung, um z. B. im Museum vor einem Bild zu stehen oder am Schreibtisch zu sitzen. Ich wünsche mir von den JournalistInnen mehr sprachliche Differenz. Diskriminierungsfrei. Darüber hinaus würde ich diese Mode nicht tragen wollen. Nicht, weil ich zu devot wäre, ein schickes Kleid zu tragen, sondern weil ich einen anderen Geschmack habe als Frau Schlüter und auch keine Freundin von "Sondermode" bin, die obendrein häufig teurer, im Stil sehr eingeschränkt und nicht am Wohnort erhältlich ist. Das hat wenig mit einem Tabu zu tun, so als sei es unanständig darüber zu reden, sondern vielmehr damit, dass die meisten von uns schlicht ihre Kleidung auf dem gleichen Weg erwerben, wie nichtbehinderte Menschen auch. Über eine Modedesignerin zu schreiben, die auch für Rollstuhlnutzerinnen näht, ist völlig ok, den Artikel mit reisserischen Elementen zu bestücken, dagegen nicht. Und liebe MitkommentartorInnen: RollstuhlnutzerInnen tragen selbstverständlich die gleiche Bandbreite an Mode wie FussgängerInnen auch. Ob Sie das immer als geschmackvoll oder praktisch empfinden, ist für uns genauso irrelevant, wie umgekehrt.
5. Rollstuhlmodelle beim Catwalk
Aase 18.09.2012
Mit Verlaub; aber: vorderes der abgebildeten Models: Kleid verheddert sich im Rollstuhl und ein Teil des Kleides schleift auf dem hinteren, rechten Rad. Wie lange dabei der Kleiderstoff ohne Schmutz und ohne mechanische Einwirkung mit Folgen (Loch) von außen bleibt, ist eine spannende Frage für mich ; alle vier für die Präsentation der Mode genutzten Rollstühle machen den Chic der Mode und die Schönheit der Damen zunichte, da (wie beim Schuh) Kleid UND Rollstuhl zusammen passen müssen, oder geht jemand mit Gummistiefeln UND Abendrobe in die Oper? Warum werden die Protagonistinnen nicht wenigstens in Rollstühlen präsentiert, die die Charakterisierung 'schnittig' und 'schick' vertragen? Die in der Fotoserie abgebildeten Rollstühle würde ich nie und nimmer fahren. Die Außenwirkung der Rollstühle ist eine (meiner Meinung nach) komplett passive Außenwirkung. Die wiederum überträgt sich auf die Protagonistinnen selber. Da helfen dann weder Kleid noch Schminke noch ein Lächeln auf den Lippen, um die durch die schlecht designten Rollstühle, die dazumal schlecht proportioniert sind, den Damen übergeholfenen Nachteile (Nachteil = unvorteilhafte Außenwirkung durch die Rollstühle in genannter Ausführung) aufzuwiegen. So lange der Firma Otto Bock durch Behindertenverbände und die Bundesregierung der Hof gemacht wird, so lange werden Behinderte in Rollstühlen umherkarren, die den Namen schick und modern nicht mal mit einer Silbe verdienen.
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