Flache bunte Kartons in den verschiedensten Größen stehen in deckenhohen Regalen. Was dort keinen Platz findet, liegt auf dem Boden verstreut und ist auf bedrohlich schief gestapelte Säulen verteilt. Die wenigen freien Quadratzentimeter sind bedeckt mit Mini-Autos, halbfertigen Bausätzen und Papierstapeln. Von der Decke baumeln an Nylonfäden Flugzeuge, bedeckt mit einer feinen Staubschicht. Dieses kreative Chaos braucht der Mann, der mittendrin steht: Ullrich Taubert, Chef-Entwickler des Modellbau-Marktführers Revell.
Von außen wirkt die Zentrale des Unternehmens im ostwestfälischen Bünde nicht wie die Pforte zum Wunderland der Träume. Doch je weiter man zu Tauberts Büro vordringt, desto mehr Modelle finden sich in den Vitrinen - vom Dreimaster bis zum ferngelenkten Hubschrauber.
Mit Taubert zusammen entwickelt eine Handvoll Leute die Ideen für die Modelle der nächsten und übernächsten Saison, diesmal rund 200 Stück. "Was davon schließlich ausgewählt wird, entscheiden Geschäftsleitung, Marketing, Vertrieb und die Finanzabteilung", sagt der 60-Jährige. Am Ende bleiben um die 30 Projekte übrig, bis zum Verkaufsstart dauert es dann noch ein Jahr. "Das Schwierigste sind meist die Genehmigungen und Lizenzen", sagt Taubert. Bis zu zwei Millionen Euro Lizenzgebühren zahlt der Modellbauer im Jahr, um die Namen und Formen der echten Autos und Schiffe nutzen zu dürfen.
Just another car in the wall
"Schwierig war die Suche nach einem Ferrari 250 GTO", erinnert sich Taubert. Davon wurden weniger als 40 Stück gebaut. Einen davon besitzt Nick Mason, Schlagzeuger der Band "Pink Floyd". Mit an die 20 Millionen Euro sei es der teuerste gehandelte Oldtimer der Welt. Und tatsächlich half Auto-Narr Mason aus und ließ seinen Wagen von allen Seiten fotografieren. Aus den Unterlagen wird beim Revell-Partner in China das Modell. Die eigentliche Herstellung erfolgt dann in Polen.
Eigentlich ist Taubert Groß- und Außenhandelskaufmann, doch schon unmittelbar nach der Ausbildung bei Revell entwickelte er nebenbei sein erstes Modell. Es hätte ihn fast das Leben gekostet: "Es war eine BMW R 75/5", erinnert er sich. Das Original-Motorrad, das er für das Modell fotografiert, kauft er sich. Kurz darauf überlebt er nur knapp einen schweren Unfall.
"Spielkonsolen und der ganze Quatsch"
Modellbau ist für Taubert nicht nur ein Beruf: Die Faszination für die Mini-Ausgaben der Originale will er auch weitergeben. "Unsere Zielgruppe sind vor allem die Erwachsenen", sagt Taubert, aber er weiß, dass die möglichst schon als Jugendliche mit dem Modellbau-Virus infiziert werden sollten. "Die Jugend hat sich verändert, mit den Spielekonsolen und dem ganzen Quatsch." Darum fördert Revell Jugendabteilungen in Modellbauclubs.
Außerdem versucht das Unternehmen mit der Aktion "Modellbau macht Schule" schon im Jugendalter an die neuen Kunden heranzukommen. Bundesweit 85 Schulen, vor allem offene Ganztagsschulen, machen mit. "Darunter sind nicht nur Jungs", sagt Taubert. "Bis sie 12, 13 Jahre alt sind, sind Mädchen sogar die besseren Modellbauer, aber dann ändern sich deren Interessen, leider."
Dennoch ist er überzeugt, dass die Faszination für den Modellbau nie ganz abflauen wird. "Es ist der Wunsch, einen Traum zu besitzen, wenn auch nur im Maßstab 1:24." In naher Zukunft soll den statischen Modellen mehr Leben eingehaucht werden. Mittelfristig werde der Verbraucher Modelle am Computer entwerfen, die ein spezieller Drucker dann dreidimensional "ausdruckt". Taubert selbst will noch möglichst lange mitmischen. Es gebe so viele Themen wie Trecker oder Bagger, die er noch viel zu selten entworfen hat.
Matthias Benirschke/dpa/mia
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