Arbeitsplatzwahl Deutsche misstrauen dem Arbeitsmarkt
Krise hin oder her, die Zahl der Erwerbslosen ist in Deutschland relativ niedrig. Doch das beruhigt Arbeitnehmer nicht: Bei der Jobwahl ist für sie eine sichere Stelle das wichtigste Kriterium, noch vor dem Gehalt. Das war vor zwei Jahren völlig anders - und ist einzigartig in Europa.
Eine sichere Stelle ist für deutsche Arbeitnehmer bei der Jobwahl das Wichtigste. Unter den Entscheidungskriterien rangiert Sicherheit sogar noch vor der Höhe des Gehalts oder einer interessanten Aufgabe. Und auch bei der Frage nach einem Jobwechsel lassen sich Angestellte verstärkt von diesem Aspekt leiten.
Das ist in Europa einzigartig. In den Nachbarländern gucken die Bewerber nämlich sowohl bei der Neueinstellung als auch beim Jobwechsel zuerst aufs Geld. Und während in Deutschland die Sicherheit der drittwichtigste Grund für einen Arbeitgeberwechsel ist, rangiert das Thema europaweit auf Platz sechs.
Das geht aus einer internationalen Umfrage der Unternehmensberatung Towers Watson hervor, der Global Workforce Study. 32.000 Arbeitnehmer in 28 Ländern wurden nach ihrer Motivation bei der Arbeit befragt, darunter gut tausend in Deutschland.
Demnach sind deutsche Arbeitnehmer im europäischen Vergleich sehr gut motiviert: 29 Prozent bringen Top-Leistungen, weitere 23 Prozent sind sehr engagiert, schöpfen aber ihr Potential nicht aus, weil die Bedingungen am Arbeitsplatz nicht optimal sind. Allerdings ist auch ein Viertel der Befragten unmotiviert, von den Aufgaben überfordert oder ausgebrannt.
Die Autoren der Studie interessierten sich vor allem für die Faktoren, die die Motivation beeinflussen: Gehalt und Aufstiegsperspektiven etwa, das Arbeitsumfeld und der Ruf der Firma - oder eben auch Sicherheit. "Dass Sicherheit diese zentrale Rolle spielt, hat uns überrascht", sagt Bernd Süßmuth, Berater bei Towers Watson. Schließlich habe sich der deutsche Arbeitsmarkt auch in der Krise als außergewöhnlich stabil erwiesen, die Arbeitslosenzahl sinkt. "Bei der Vorgängerstudie vor zwei Jahren ist Arbeitsplatzsicherheit überhaupt nicht unter den Top-Themen aufgetaucht", wundert sich Süßmuth. "Heute ist sie selbst für die bestausgebildeten Nachwuchskräfte das wichtigste Thema. Dabei stehen ihnen doch alle Türen offen."
Die Erklärung sehen die Autoren in der Wirtschaftskrise: "Die Konjunkturzyklen haben sich beschleunigt", sagt Süßmuth, "das nehmen viele Arbeitnehmer als Bedrohung wahr." So erklärt er auch, dass neben der Sicherheit auch das Gehalt an Bedeutung gewonnen hat. In Vorgängerstudien spielten weiche Faktoren wie Work-Life-Balance oder das Arbeitsklima eine größere Rolle als bei der aktuellen Befragung. Nun gelte der Grundsatz "pay me now" - auf Deutsch: "Was ich hab, hab ich."
Insgesamt gut motivierte Arbeitskräfte in Deutschland
Auch in anderen europäischen Staaten hat die Bedeutung der Arbeitsplatzsicherheit zugenommen, wenn auch nicht so stark wie hierzulande. Leider gibt Towers Watson dazu derzeit keine detaillierten Zahlen heraus - bis die Tochtergesellschaften der Beratungsfirma in den betreffenden Ländern ihre eigenen Ergebnisse veröffentlicht haben.
Die Motivation der deutschen Arbeitskräfte lässt sich international nur bedingt vergleichen. Mit 29 Prozent Top-Mitarbeitern liege Deutschland in Europa weit vorn - wie weit, verraten die Berater aber nicht. Der europäische Durchschnitt beträgt 26 Prozent.
Noch höher liegt allerdings der weltweite Durchschnitt mit 35 Prozent. "Hier haben wir größte Probleme mit der internationalen Vergleichbarkeit", warnt Süßmuth vor einer Überbewertung. Zum einen spiegele sich darin das rasante Wachstum in einzelnen Regionen der Welt, vor allem in Asien, wieder. "Zum anderen gibt es gravierende Kulturunterschiede bei der Beantwortung solcher Umfragen." In Japan beispielsweise werde die eigene Motivation sehr zurückhaltend beschrieben, in Indonesien sehr euphorisch.
Dreifache Umsatzrendite
Die Studie richtet sich in erster Linie an Führungskräfte in Unternehmen. Ihnen wollen die Autoren vor Augen führen, wie wichtig die Motivation der Mitarbeiter ist. Zwar leuchtet es spontan ein, dass eine engagierte Belegschaft die Zufriedenheit der Kunden eines Unternehmens hebt. Aber in der Betriebswirtschaft zählen vor allem Zahlen - die Towers Watson mitliefert: "Die Umsatzrendite von Unternehmen mit nachhaltig engagierten Mitarbeitern ist dreimal so hoch wie in Unternehmen mit wenig engagierter Belegschaft", sagt Mitautorin Heike Ballhausen.
Wichtig ist dabei, dass bei der Bewertung von Motivation nicht nur der Wille zur Arbeit zählt. In die Top-Kategorie wurden nur jene Befragten einsortiert, die auch von einem Arbeitsumfeld berichteten, "das sie physisch, emotional und sozial unterstützt".
Deswegen sind die unmotivierten Mitarbeiter auch nicht pauschal lustlos, es fehlt vielmehr an Vorgesetzten, die sie aus der Reserve locken und sie so in der Firma einsetzen, dass ihnen die Arbeit Freude macht. Bei einer unmotivierten Belegschaft stimmt die Chemie mit den Chefs nicht: Nur elf Prozent unter den matten Mitarbeitern haben überhaupt Vertrauen in ihre Führungsriege, während sich der Anteil bei den motivierten Kollegen auf 75 Prozent beläuft.

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