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Musicalsängerin auf dem Clubschiff Dreimal täglich gute Laune

Ihr Publikum ist eher älter und dankbar für jede Ablenkung: Maria, 28, tanzt und singt auf den Bühnen eines großen Kreuzfahrtschiffs. Drei Shows pro Tag, viel Training, fast nie zu Hause und strikte Regeln - trotzdem findet Maria: "Ich habe den besten Job der Welt."

"Die rechte Hand ein wenig höher!", ruft der Choreograf. Maria hebt ihren Arm und schwebt, springt und dreht sich weiter über den Parkettboden. Schwarze Klebestreifen markieren die Kanten einer imaginären Bühne.

Seit Wochen üben die 28-jährige Schwedin und ihre fünf Kollegen jeden Tag in dem großen leeren Raum mit der Spiegelfront in einer stillgelegten Hamburger Schule. Am Ende müssen sie Gesang und Tanzschritte für 13 Musicals beherrschen. Die junge Frau mit dem langen Blondhaar ist fürs Training aus Schweden angereist.

Die echte Entsprechung der Hamburger Probebühne befindet sich in dem drei Decks hohen "Theatrium" der "Aida Sol" - Maria ist Sängerin auf dem großen Kreuzfahrtschiff. Das Publikum: wohlgenährte ältere Herrschaften, die ihre Kunst wohl wieder mit dankbarem Applaus belohnen werden.

Das kennt Maria schon; sie sticht zum dritten Mal mit einem Clubschiff in See. Diesen Sommer führt die Route nach Tallinn, Helsinki, Stockholm und Oslo, im vergangenen Jahr reiste sie auf der "Aida Luna" über Grönland bis ins kanadische Montreal. "Ich habe den besten Job der Welt", findet Maria.

Harte Realität: Mit 48 Kilo als "zu dick" kritisiert

Gerade mal fünf Wochen bleiben ihr und den anderen Tänzerinnen und Tänzern, um die jeweils 30-minütigen Musicals einzustudieren, alle drei Tage eine neue Show mit Text und Choreografie. Heute Vormittag hat sie noch den Gesang für die "Elvis"-Show geprobt, am Nachmittag übt sie Schritte für "Fata Morgana". Viele der Choreografien ähnelten sich, erzählt Maria, da verwechsle man leicht die einzelnen Shows.

Jeder Sänger bekommt die Musicals zusätzlich auf DVD, um sich zu Hause alles einzuprägen, darunter auch die Songs. Viele der Lieder von "Abba", "Elvis" und "James Bond" kennt sie zwar, aber als Mezzosopran muss sie üben, diese in unterschiedlichen Tonlagen zu singen. Dazu kommen die Schlager-Shows, die vor allem die Gäste aus Deutschland und Österreich schätzen. Sperrige deutsche Textpassagen wie "Die kalte Nacht schlingt ihre kalten Arme um mich" bringen die Schwedin manchmal zur Verzweiflung.

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Kreuzfahrt-Jobs: Ein Schiff wird kommen
Dass sie Musical-Darstellerin werden wollte, wusste Maria, seit sie als Neunjährige bei einer Schulaufführung auf der Bühne stand. Mit achtzehn begann sie ein Tanzstudium an der Urdang Academy in London: Jeden Morgen eineinhalb Stunden Ballett, danach Ausdauertraining, dazu die ständige Kritik, dass sie mit ihren 48 Kilogramm zu dick sei. "Es war kein Traum mehr, nur die harte Realität", sagt sie im Rückblick. Nach dem Abschluss hatte Maria erst mal genug vom Tanzen. Sie nahm privaten Gesangsunterricht und arbeitete bald für ein Reiseunternehmen als Entertainerin, in Clubs und Hotels auf Mallorca, Teneriffa oder Kreta.

Andere Leute zu unterhalten sei schwere Arbeit, erzählt die Tänzerin. Viele ihrer ehemaligen Mitschülerinnen aus London hätten Probleme, die Kredite für die Ausbildung zurückzuzahlen. Ein gutes Gehalt bekomme man nur bei großen Produktionen wie "Tarzan" - und auf Kreuzfahrtschiffen. Also bewarb sich Maria 2009 bei Aida Cruises, dort verdient sie nun nach Steuern 89 Euro am Tag, die Einzelkabine und das Essen bekommt sie gratis. Für drei Monate muss sie sich jeweils verpflichten.

In dieser Zeit sieht sie Freund und Familie kaum, vor ihrem aktuellen Engagement war Maria gerade mal fünf Tage zu Hause. Handy- und Internetempfang gibt es auf See nur per Satellit, und der ist teuer, die Übertragung schlecht. Sobald das Schiff in einem Hafen vor Anker geht, läuft Maria mit ihrem Laptop unterm Arm ins nächste Internetcafé.

"Bei welchem Job kriegt man Applaus am Ende jedes Arbeitstages?"

Bei den Shows überwacht ihr "Dance Captain" jeden Schritt, wenn sie nachlässt, gibt es Extratraining anstelle eines Landgangs. Auch sonst steht Maria unter ständiger Kontrolle: Sie musste sich verpflichten, nicht zu sehr zu- oder abzunehmen, sollte sich nicht piercen lassen oder die Haare färben. Wenn sie länger als drei Tage krank ist, müsste sie am nächsten Anleger das Schiff verlassen und dürfte ihr Engagement erst fortsetzen, wenn es ihr wieder gutgeht.

Doch zum Ausgleich erlebt sie viele Momente, von denen die Tänzerin später ihren Freunden daheim vorschwärmen kann. Die Minuten nach einer langen Shownacht etwa, wenn sie auf Deck steht und sieht, wie über dem Ozean die Sonne aufgeht und sich auf den Eisschollen im Wasser spiegelt. "Das werde ich mein Leben lang nicht vergessen." Ihre Familie freue sich für sie - und kann, wie auf der aktuellen Reiseroute entlang skandinavischer Häfen, auch mal zu Besuch an Deck kommen.

Doch das ist die Ausnahme, den Großteil ihrer Arbeitszeit verbringt Maria mit den Kolleginnen und Kollegen auf See. Die meisten Tänzerinnen und Tänzer stammen aus der Ukraine, die Sänger aus ganz Europa, Australien und Chile. Man müsse sich schon gut verstehen, sagt sie, um so viel Zeit miteinander zu verbringen. Bis zu drei Aufführungen pro Tag stehen auf dem Programm.

Wenn sie jemanden nicht leiden kann, greift sie zu einem psychologischen Trick: "Ich versuche, eine Sache zu finden, die ich an der Person mag, und wenn es nur ihr Humor ist." An diese Eigenschaft denke sie dann während des Auftritts. "Unser Job ist es, die Leute zu unterhalten und gute Laune zu verbreiten", sagt sie, "da kann man nichts Persönliches mit auf die Bühne nehmen."

Zusätzlich zu den Gruppenshows bekommt auf der "Aida" jede Sängerin und jeder Sänger ein eigenes Soloprogramm, eine 30-minütige Show, die sie oder er völlig frei gestalten darf. Maria hat sich für eine Mischung aus weniger bekannten Musicalsongs entschieden und trägt dabei ein enges Paillettenkleid, das vorn bis zu den Knien und hinten bis auf den Boden reicht. Bei einem Stück sitzt sie auf dem Klavier, "der tollste Moment im ganzen Programm", sagt sie und lacht.

Noch ein paar Jahre möchte Maria so weitermachen. Was danach kommt, weiß sie nicht. Vielleicht will sie eine eigene Tanzschule aufmachen, vielleicht studieren. "Ich bin jetzt ganz schön verwöhnt", sagt sie. "Bei welchem Job kriegt man schon Applaus am Ende jedes Arbeitstages?"

Marie-Astrid Langer (Jahrgang 1985) besucht derzeit die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg und arbeitet als freie Journalistin, zuletzt schrieb sie aus dem SPIEGEL-Büro in Washington.

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insgesamt 10 Beiträge
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    Seite 1    
1. "Gutes Gehalt"
Gaiwa 09.08.2011
Ist ein interessanter Artikel, aber wenn 89€ am Tag "ein gutes Gehalt ist", für den extremen Arbeits- und Zeitaufwand, dann will ich nicht wissen wie wenig Darsteller mit schlechtem Gehalt bekommen.
2. Titellos glücklich!
kjartan75 09.08.2011
Zitat von sysopIhr Publikum ist eher älter und dankbar für jede Ablenkung: Maria, 28,*tanzt und singt auf den Bühnen eines großen Kreuzfahrtschiffs.*Drei Shows pro Tag, viel Training, fast nie zu Hause und strikte Regeln - trotzdem findet Maria: "Ich habe den besten Job der Welt." http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,774291,00.html
Was soll denn diese Werbung für Aida??? Das ist schon der zweite Artikel innerhalb kurzer Zeit. Ich fand es ja schon lustig, dass man im letzten Artikel schon Aida als Luxusliner darstellen wollte. Also, weniger offensichtliche Werbung bitte - auch wenn es die ersten Gehversuche als Journalistin sind.
3. ...
MartinS. 09.08.2011
Zitat von kjartan75Was soll denn diese Werbung für Aida??? Das ist schon der zweite Artikel innerhalb kurzer Zeit. Ich fand es ja schon lustig, dass man im letzten Artikel schon Aida als Luxusliner darstellen wollte. Also, weniger offensichtliche Werbung bitte - auch wenn es die ersten Gehversuche als Journalistin sind.
sowas nennt sich Themenschwerpunkt. Ist jetzt auch nicht wirklich neu und läuft eigentlich schon seit der Einführung der neuen Rubrik so. Und wenn es um die Berufsbetrachtung hinsichtlich Tourismusbranche geht, kommt man an den Kähnen mittlerweile wohl kaum vorbei. Oh, und der Vorredner sollte vielleicht nochmal nachrechnen, was 89 Euro NACH STEUERN pro Tag denn sind. Vor allen Dingen bei freier Kost und Logis - das ist keine ausbeuterische Bezahlung. (an nem normalen Theater kann man tatsächlich kaum was verdienen... die Zuschauer sind einfach nicht bereit, soviel für Karten zu zahlen)
4. Gehalt
Jott, 09.08.2011
Man darf bei diesen Gehältern nicht vergessen, das noch Kost & Logis dazu kommt. Man hat während des Engagements quasi kaum weitere Lebenshaltungskosten...
5. Das soll ein Titel sein...
Mocs, 09.08.2011
Zitat von GaiwaIst ein interessanter Artikel, aber wenn 89€ am Tag "ein gutes Gehalt ist", für den extremen Arbeits- und Zeitaufwand, dann will ich nicht wissen wie wenig Darsteller mit schlechtem Gehalt bekommen.
Dann nehmen Sie das mal 30, bedenken das Kost und Logis dazugehören - und stellen verblüfft fest, dass das echt ein Traumgehalt ist. btw : Im Hotel- und Gaststättengewerbe in Nordrhein-Westfalen beginnt der Tarifverdienst bei 5,25 Euro brutto pro Stunde. Merken Sie was ? Wahrscheinlich nicht, aber sei es drum....
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