• Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Die fabelhaften Boshi-Boys Diese Masche zieht

Firmengründer: Verblüffender Erfolg mit bunten Häkelmützen Fotos
Neumann & Rodtmann/ SPIEGEL JOB

Häkeln ist doch nichts für Jungs? Thomas Jaenisch und Felix Rohland sehen das anders: Die smarten MyBoshi-Gründer sind an der Spitze der Handarbeitsbewegung, ihre Bücher Bestseller, und alle wollen ihre bunten Mützen kaufen. Oder selbst häkeln.

Minus mal Minus ergibt Plus, sagt die Mathematik. Bisweilen gilt die seltsame Formel auch im wahren Leben. Wenn etwa die Zutaten unscheinbarer nicht sein könnten, das Ergebnis an Coolness aber kaum zu toppen ist. Wenn die Häkelarbeiten bayerischer Rentnerinnen zwei junge Männer zu Trendsettern machen.

Hof ist ein verschlafenes Kaff in Oberfranken, weder besonders hübsch noch besonders hässlich. Jeden Herbst finden hier die Internationalen Filmtage statt. H&M in der Fußgängerzone, Würstchenverkäufer an Straßenecken, ansonsten: hochgeklappte Bürgersteige, gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen. In einem Laden zwischen Bahnhof und Stadtkern verkaufen zwei 28-Jährige gehäkelte Mützen, dazu buntes Garn und Nadeln. So what, das wärmt halt den Kopf, wenn's kalt ist.

Seltsam nur: Im vergangenen Jahr vertickten die beiden über ihren Online-Store MyBoshi um die 20.000 Mützen. Zuweilen geht schon mal die Internetseite in die Knie. Ihre Bücher mit Häkelanleitungen sind die wohl meistverkauften Handarbeitsbücher, die es je in Deutschland gab; seit der Gründung im März 2009 haben sie den Umsatz jährlich vervielfacht, allein 2012 waren es rund 650.000 Euro.

"Des is a Sucht"

Plus. Plus. Plus. Dieser Laden trifft nicht den Zeitgeist, dieser Laden ist der Zeitgeist. "Wir werden der Apple-Store unter den Handarbeitsgeschäften genannt. Schüler kaufen in ihren Pausen neue Häkelwolle. Wir haben einen Trend geschaffen, das ist schon geil", sagt Geschäftsführer Thomas Jaenisch.

Was ist da passiert? Thomas Jaenisch und Felix Rohland haben bereits zusammen Abitur gemacht. Sie mögen Schnee, die Berge und den Winter. Während Felix in Bayreuth Informatik büffelte und Thomas in Freiberg Wirtschaftsingenieurwesen, jobbten sie nebenher als Skilehrer. Zusammen mit 40 europäischen Skikollegen fuhren sie im Winter vor vier Jahren nach Japan. Tagsüber düsten sie die Pisten runter, nur leider gab es abends nichts zu tun in ihrer Unterkunft, dem Keller einer unbeheizten Turnhalle.

Eine spanische Skilehrerin verbrachte die langen Stunden mit Häkeln. "Da gab es diese Frotzeleien, Männer häkeln nicht und so", erzählt Thomas. "Also wollten wir das mal ausprobieren. Uns war so langweilig." Die Jungs häkelten sich bunte Mützen und fanden das ganz lustig. Sie reisten noch zwei Wochen durch Japan, auf den langen Zugfahrten häkelten sie weiter. "Das wurde so ein kleiner Wettkampf zwischen uns", sagt Felix.

Das neue Magazin SPIEGEL JOB

Die fabelhaften Boshi-Boys

2009 ging es los: Zwei junge Franken starteten mit Häkelmützen durch, zwei Berliner Modedesignerinnen mit einem eigenen Label. Beide Geschichten erzählt SPIEGEL JOB. Für das Heft entwarfen die Boshi-Boys eine Häkelkrawatte, Johanna Perret und Tutia Schaad ein Schnittmuster fürs perfekte Büro-Outfit.

Das neue Berufs-Magazin ist seit Dienstag, 30. April 2013, am Kiosk erhältlich!

Heft versandkostenfrei bei Amazon bestellen

In Tokio quatschten zwei Australier sie an: "Hey, coole Mützen!" Für knapp zehn Euro gaben Thomas und Felix ihre selbstgehäkelten Kopfbedeckungen her. Zurück in Bayern, hingen sie längst an der Nadel ("Des is a Sucht"), häkelten abends vor dem Fernseher, verkauften die Mützen an Freunde und Bekannte. Im Frühjahr 2009 gründeten die Studenten ihr Label MyBoshi; auf Japanisch heißt Mütze Boshi. Ohne Businessplan, ohne Marktforschung, ohne Gründerzuschuss. Erster Arbeitsplatz: die Wohnzimmer ihrer Eltern.

Im Jahr darauf steckten sie ihre ersten Gewinne in eine neue Website. Per Konfigurator kann sich jeder Kunde seine eigene Mütze zusammenstellen: Form, Farben, Muster. Die Modelle haben Namen wie Sapporo, Gifu oder Ichikawa. Spätestens nach zwei Wochen liegt die individuelle Boshi im Briefkasten. Normalpreis: ab 40 Euro aufwärts. "Der Konfigurator war der Durchbruch", sagt Thomas. Bestellungen kommen auch aus Luxemburg, Schweden, England oder Italien.

Mützen-on-Demand von Häkelomas

Längst häkeln die beiden nicht mehr selbst, die Mützen-on-Demand fertigen "Häkelomas" aus der Region, in der es früher viel Textilwirtschaft gab. Bis zu 40 ältere Damen arbeiten auf 400-Euro-Basis für MyBoshi, jede Woche kommen neue Bewerbungen.

Jetzt freuen sich Rentnerinnen wie Ursula Sturhan aus Münchberg über den Nebenerwerb. Sturhan, 69, Großmutter von fünf Enkeln, bringt für den Besuch Kaffee und Berliner. Gut 4000 Mützen hat sie bereits in ihrer Dreizimmerwohnung gehäkelt. Zwischen 45 Minuten und eineinhalb Stunden braucht sie pro Boshi und verdient etwa sieben Euro, netto. Üppig ist das nicht, aber Häkeln sei ja für sie auch "keine Arbeit, sondern Entspannung", sagt Sturhan.

Im Januar 2012 erschien das erste Buch, "Mützenmacher: Mützen in deinem Style selber häkeln". "Da ging der Boom richtig los", sagt Thomas. In ganz Deutschland kaufen nun Jungs und Mädchen, Männer und Frauen ihre Anleitungen, dazu die MyBoshi-Wolle in Trendfarben wie Neonpink, Ocker oder Pastellmint. Deshalb gibt es jetzt auch Häkel-Guides für Babysachen. Und für Krawatten - die sehen die Jungs als perfekte Männermode-Zutat in diesem Sommer.

"Warum wir so großen Erfolg haben, wissen wir selbst nicht ganz genau. Aber ich glaube, der Do-it-yourself-Wahn hat seinen Höhepunkt noch nicht erreicht. Selbermachen macht ja nicht nur Spaß, es ist auch meditativ in diesem schnellen Leben", findet Thomas.

Kapuzenpullis, Turnschuhe, dazu Augenringe

Eine Lehrerin einer Schule für Schwererziehbare bedankte sich einmal völlig fassungslos bei den beiden: "Das ist verrückt - die größten Chaoten, die sich sonst nur prügeln, sitzen auf einmal ganz ruhig und häkeln." Dass die Boshis auch auf Schulhöfen als obercool gelten, kommt vor allem Felix' Image zugute. Er arbeitet mittlerweile als Realschullehrer in Oberbayern, die Verbeamtung war zu verlockend.

MyBoshi-Gesellschafter sind sie aber noch immer beide, das operative Geschäft in Hof wuppt Thomas mit inzwischen mehreren Angestellten. Er hat seinen ursprünglichen Berufswunsch Unternehmensberater ohnehin längst aufgegeben.

Wahrscheinlich liegt das Erfolgsgeheimnis darin, dass die Idee so simpel ist. Und das Mützenduo so normal. In Berlin tragen erfolgreiche junge Selbständige gern Röhrenjeans, große Brille und einen latent arroganten Zug um die Mundwinkel. In Hof tragen sie leicht verwaschene Kapuzenpullis, Turnschuhe und Augenringe.

"Heute Morgen bin ich um fünf Uhr aufgewacht, habe SPIEGEL ONLINE gelesen und mir im Internet Ihr Autorenfoto angeschaut. Ich wollte wissen, wer da kommt", sagt Thomas. Er staunt noch immer, dass Journalisten quer durch die Republik reisen, nur um ihn zu treffen.

  • Die Häkelkrawatte wird das Accessoire des Sommers, davon sind die Mützenjungs überzeugt und haben für SPIEGEL Job einen Baumwollschlips entworfen. Die Anleitung zum Selbermachen gibt es unter: www.spiegeljob.de/haekelkrawatte

  • Lena Greiner (Jahrgang 1981) ist Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
kuddel37 01.07.2013
Zitat von sysopHäkeln ist doch nichts für Jungs? Thomas Jaenisch und Felix Rohland sehen das anders: Die smarten MyBoshi-Gründer sind an der Spitze der Handarbeitsbewegung, ihre Bücher Bestseller, und alle wollen ihre bunten Mützen kaufen. Oder selber häkeln. MyBoshi-Häkelmützen: Die Masche zieht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/myboshi-haekelmuetzen-die-masche-zieht-a-907560.html)
Auf 400 € Basis häkeln die Omis ! Schön das auch diese beide den Niedriglohnsektor ausnutzen.
2. Idee
kaffee111 01.07.2013
Zitat von sysopHäkeln ist doch nichts für Jungs? Thomas Jaenisch und Felix Rohland sehen das anders: Die smarten MyBoshi-Gründer sind an der Spitze der Handarbeitsbewegung, ihre Bücher Bestseller, und alle wollen ihre bunten Mützen kaufen. Oder selber häkeln. MyBoshi-Häkelmützen: Die Masche zieht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/myboshi-haekelmuetzen-die-masche-zieht-a-907560.html)
Die Idee ist wirklich super! Aber die Jungs als Erfinder des neuen Häkelbooms hinzustellen ist überzogen. Die beiden schwedischen Freeride-Profis Kaj Zackrisson & Sverre Liliequist haben bereits im Jahre 2001 mit selbst gehäkelten Mützen ihr Label Kask gegründet. Der Grund für den Start war ebenfalls Langeweile bei schlechtem Wetter. Kask » History (http://www.kaskofsweden.com/history/)
3. 7 Euro
Lorbeerblatt 01.07.2013
Sieben Euro pro Mütze macht einen Stundenlohn von weniger als 6 Euro netto! Wolle etwa 2-3 Euro pro Mütze, bleiben über 30 Euro für Werbung, Logistik und Gewinn. Nicht schlecht. Nur sehr traurig, warum die hier als Helden gefeierten Boshimeister nicht in der Lage sind, wenigstens faire Löhne zu zahlen...
4. Glaube nicht...
fatherted98 01.07.2013
...das dieser Trend anhält....die Klorollenwärmer sehen einfach zu blöd aus...obwohl...uns kann man doch alles verkaufen.
5. Es gibt noch mehr Männer, die stricken
blaueroute 01.07.2013
Hallo ich selber hab schon vor 20 Jahren gestrickt. In dem Sinne keine neue Erfindung. Und Seit letztem Jahr hab ich bei Dawanda einen Onlineshop ( http://BlaueRoute.dawanda.com ) wo ich meine selbstgetrickten Mützen und Chalkbags für Kletterer als OneManProducer anbiete. DIe Idee ist nicht schlecht von den Beiden, aber die Geschichte mit den Omas und deren Stundenlohn ist nicht so der Hit.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Modemacher - KarriereSPIEGEL
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen



Aus SPIEGEL JOB 1/2013
Fotostrecke
Sneaker-Store in der Provinz: Turnschuhe für 1500 Euro

Verwandte Themen

Fotostrecke
Junge Gründer: Anfang und Ende vom eigenen Modelabel

Fotostrecke
Fotostrecke: Upcycling: So wird aus Müll Design

Social Networks