"Die Polen kommen - ab 1. Mai geht es los", schrieb die Kölner Tageszeitung "Express". Das Boulevardblatt formulierte dazu sehr anschaulich: "200.000 Polen im Anmarsch". Und Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn prognostiziert: "In der nächsten Dekade kommen Millionen". Dabei spricht er natürlich nicht nur von Polen, sondern von Menschen aus allen acht mittel- und osteuropäischen Beitrittsländern, für die ab dem 1. Mai die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit gilt.
Droht also eine Welle von Billig-Jobbern, die alle mühsam erreichten Standards auf dem deutschen Arbeitsmarkt hinwegspült?
Zunächst ist festzuhalten: Niemand weiß derzeit mit Sicherheit, wie viele Menschen aus den Beitrittsländern wirklich kommen werden. Seriösen Schätzungen zufolge wird die Zahl zunächst zwischen 100.000 und 140.000 jährlich liegen und nach und nach abnehmen. Im Jahr 2020 würden dann bis zu 900.000 zusätzliche Migranten aus den acht Beitrittsländern in Deutschland leben. Das klingt vielleicht nach viel, ist aber weit weniger, als wir im gleichen Zeitraum an Arbeitskräften durch den demografischen Wandel verlieren.
Das Lohngefälle gegenüber Tschechien ist gering
Aus Tschechien beispielsweise werden keine großen Ströme zu erwarten sein: Die Löhne sind dort in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Zudem sind die Tschechen eher heimatverbunden. Die Mobilität ist sogar innerhalb des Landes vergleichsweise gering, obwohl die Lohnunterschiede zwischen manchen ländlichen Regionen und dem Großraum Prag beträchtlich sind.
Die Menschen in Polen, Litauen oder Estland sind deutlich mobiler - aber viele der Wanderungswilligen sind bereits in den letzten Jahren nach Großbritannien oder Irland gegangen. Zwar hat dort die Krise deutliche Spuren am Arbeitsmarkt hinterlassen, woraufhin einige Migranten erst einmal wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Doch selbst wenn sie möglicherweise jetzt nach Deutschland kommen, sind allzu große Wellen nicht zu erwarten.
Die, die kommen, sind in der Regel eher jung und gut qualifiziert. Die Bildungssysteme der acht Beitrittsländer können mit dem deutschen durchaus mithalten. Bei den 25- bis 35-Jährigen, die sich durch besonders hohe Mobilität auszeichnen, ist der Anteil der Ungelernten sogar deutlich geringer als in Deutschland. Die deutsche Wirtschaft wird durch die Arbeitnehmerfreizügigkeit klar profitieren.
Konkurrenz vor allem für Migranten in Deutschland
Das beantwortet noch nicht die Frage: Profitieren auch die Menschen, die bereits jetzt in Deutschland leben? Die Antwort ist hier etwas differenzierter: Kurzfristig können in einigen Bereichen die Löhne durch die stärkere Konkurrenz tatsächlich sinken, gesamtwirtschaftlich ist der Effekt aber gering. Die bereits im Lande lebenden Migranten werden die Konkurrenz stärker spüren als die einheimische Bevölkerung. Auf längere Sicht gibt es keinen negativen Gesamteffekt - weder bei den Löhnen noch bei der Arbeitslosigkeit.
Unterm Strich also Entwarnung, insbesondere weil es in der Leiharbeit ab 1. Mai einen allgemeinverbindlichen Mindestlohn gibt. Ohne den Leiharbeits-Mindestlohn hätten in der Tat größere Verwerfungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt gedroht. Die Arbeitnehmerfreizügigkeit ist nämlich gar nicht das Problem, sondern eher die Dienstleistungsfreiheit.
Wenn polnische oder baltische Zeitarbeitsunternehmen mit Stundenlöhnen von drei oder vier Euro auf dem deutschen Markt aktiv geworden wären, dann hätten sich die Bedenken mit dem Auslaufen der Übergangsfristen durchaus bewahrheiten können.
Dienstag - Ab Mai überrollen uns die Billig-Jobber - stimmt's?
Mittwoch - Zum Schlachten nach Dänemark
Donnerstag - "Tschechien ist gut für meine Karriere"
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