"Niedriglöhne sind Einstiegslöhne", verbreitete die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) Ende August auf Grundlage einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft. Das Medienecho war groß - teils mehr, teils weniger kritisch. Was ist dran an der These von den Niedriglöhnen als Einstiegslöhnen?
Die Studie vergleicht die Stundenlöhne von Personen mit denen, die jeweils im Vorjahr erzielt wurden. Unterschieden werden Niedriglohnempfänger mit einem Stundenverdienst unter neun Euro sowie Normalverdiener und schließlich Besserverdienende. Eine der Hauptaussagen ist: "Jährlich steigen 24,1 Prozent aller Geringverdiener in den Normalverdienerstatus auf. In umgekehrter Richtung liegt die Zahl bei lediglich 4,8 Prozent", wie auf der INSM-Website zu lesen ist.
Das klingt erst einmal recht überzeugend. Die Aufwärtsmobilität bei den Verdiensten ist demnach viel höher als die Abwärtsmobilität. Fast jede vierte arbeitslose Person, die eine Beschäftigung zu einem Niedriglohn aufnimmt, hätte im Folgejahr die Chance, in den Kreis der Normalverdiener aufzusteigen, aus dem man nur mit geringer Wahrscheinlichkeit wieder herausfällt.
Leider ist das optimistische Bild, das hier gezeichnet wird, irreführend. Die Niedriglohnbeschäftigung ist für die große Mehrheit nicht der Fahrstuhl nach oben. Dass die Methodik der Studie keineswegs hieb- und stichfest ist, soll hier nicht im Mittelpunkt stehen. Auch wenn man die dort genannten Zahlen zugrunde legt, kann man zu völlig anderen Schlüssen kommen als die Autoren. Die 4,8 Prozent beziehen sich nämlich auf eine viel größere Grundgesamtheit als die 24,1 Prozent.
Zahlen für Auf- und Absteiger liegen eigentlich viel näher beieinander
In absoluten Zahlen sind die Übergänge aus dem Normalverdiener- in den Niedriglohnstatus in beiden Richtungen bei weitem nicht so weit auseinander (1,7 Millionen Aufsteiger, 1,2 Millionen Absteiger). Wenn man berücksichtigt, dass Normalverdiener nicht nur in den Niedriglohnbereich, sondern auch in die Arbeitslosigkeit fallen können, halten sich Auf- und Absteiger zahlenmäßig in etwa die Waage - mit einem leichten Übergewicht der Absteiger.
Die meisten neu hinzugekommenen Geringverdiener waren im Jahr zuvor übrigens keineswegs arbeitslos. Das waren nicht einmal 20 Prozent. Die größte Gruppe der neu hinzugekommenen Geringverdiener, fast die Hälfte, war vorher Normalverdiener.
Dass die Abstiegsängste der Mittelschicht heute nicht so ganz unberechtigt sind, zeigt auch ein anderer Sachverhalt. Die genannten 4,8 Prozent "Abstiegswahrscheinlichkeit" sind ein Mittelwert aus einem sehr langen Beobachtungszeitraum. Sieht man sich den in der Studie dargestellten Zeitverlauf an, so stellt man einen Anstieg von vier auf sechs Prozent fest. Da ist also durchaus eine unerfreuliche Entwicklung zu sehen.
Es liegt nicht allein an fehlenden Qualifikationen
Der Studie zufolge ist der Niedriglohnsektor von 16 Prozent im Jahr 1994 auf 22 Prozent im Jahr 2009 angewachsen. Im internationalen Vergleich ist Deutschland eines der OECD-Länder mit dem höchsten Anstieg der Lohnungleichheit. Etwa seit dem Zeitpunkt der Wiedervereinigung befinden sich die Realverdienste vollzeitbeschäftigter Geringqualifizierter in Westdeutschland im Sinkflug. Die Kaufkraft des Lohns von Personen mittleren Alters in dieser Gruppe liegt heute auf einem bereits Mitte der 80er Jahre erreichten Niveau. An der Zuwachs des gesellschaftlichen Wohlstands in den vergangenen 25 Jahren nahmen die Geringqualifizierten daher nicht teil.
"Im Kern ist die Entlohnung - und abgeleitet davon die Niedriglohnbeschäftigung - eine Frage der Qualifikation", steht in der INSM-Studie zu lesen. Dies ist insofern richtig, als es im Mittel bei den Verdiensten einen beträchtlichen Unterschied macht, ob eine Person eine abgeschlossene Berufsausbildung, Abitur oder gar ein abgeschlossenes Studium an einer Fachhochschule oder Universität vorzuweisen hat. Es zeigt sich aber auch, dass Qualifikation keineswegs in jedem Fall vor Niedriglohnbeschäftigung schützt.
Die Autoren der INSM-Studie räumen das ein: "Wird allein von den tatsächlichen Qualifikationen ausgegangen, haben 82 Prozent der Niedriglohnbeschäftigten mindestens eine abgeschlossene Berufsausbildung." Nun kann man einwenden, dass Personen mit einer bestimmten formalen Qualifikation ebenfalls in unterwertigen Tätigkeiten beschäftigt sind, die tatsächliche Qualifikation also über der erforderlichen liegt. Berücksichtigt man dies, so sinkt der genannte Anteil auf 54 Prozent. Das heißt aber immer noch, dass für die Mehrheit der Niedriglohnjobs eine Ausbildung erforderlich ist. Da dürfen aus meiner Sicht schon Zweifel angebracht sein, ob sich das Ausmaß des Niedriglohnsektors in Deutschland wirklich allein mit der mangelnden Qualifikationen der Beschäftigten rechtfertigen lässt.
Verfahren anfällig für Fehler
Die INSM-Studie betrachtet Veränderungen von einem Jahr auf das andere. Dieses Vorgehen ist sehr anfällig für Datenfehler, insbesondere dann, wenn die Lohninformationen - wie es hier der Fall ist - auf Befragungsergebnissen beruhen. Es ist deshalb besser, etwas längere Zeiträume zu betrachten. Eine IAB-Untersuchung aus dem Jahr 2008, die auf harten Sozialversicherungsdaten für Vollzeitbeschäftigte basiert, wählt eine Zeitspanne von sechs Jahren.
Das Ergebnis ist, dass es im Durchschnitt etwa jedem Achten gelingt, in diesem Sechs-Jahres-Zeitraum als Vollzeitbeschäftigter der Niedriglohnfalle zu entkommen. Männer schaffen dies eher als Frauen, Jüngere eher als Ältere und Qualifizierte häufiger als Geringqualifizierte. Überdies wirkt sich eine Beschäftigung in einem Großunternehmen positiv auf die Aufstiegschance aus.
Die Studien sind zwar aufgrund ihrer unterschiedlichen Anlage nur sehr eingeschränkt vergleichbar. Doch dieses Ergebnis weist darauf hin, dass für eine wichtige Teilgruppe der Niedriglohnbeschäftigten der dauerhafte Aufstieg zum Normalverdiener ein vergleichsweise seltenes Ereignis ist. Mehr noch, es gibt Hinweise, dass sich die Bedingungen sogar tendenziell verschlechtert haben. Einer älteren IAB-Studie von 2005 zufolge haben sich die Aufstiegschancen für Geringverdiener in Deutschland gegenüber früheren Zeiten und auch im internationalen Vergleich zunehmend verringert.
Laut einer OECD-Untersuchung für den Zeitraum von 1986 bis 1991 lag die Aufstiegswahrscheinlichkeit von westdeutschen Geringverdienern damals noch ungefähr im EU-Durchschnitt - und weit höher als in den USA. Eine ähnliche Analyse für 12 EU-Länder und für die Jahre 1995 bis 2001 kommt dagegen zu dem Befund, dass Deutschland mittlerweile das Schlusslicht bildet. In allen anderen untersuchten Ländern war die Aufstiegswahrscheinlichkeit höher.
Die Befürworter einer Ausweitung des Niedriglohnsektors in Deutschland argumentieren, dass dadurch in den letzten Jahren viele Arbeitsplätze für Personen mit geringer Produktivität entstanden seien. Sicher ist in aller Regel eine Niedriglohnbeschäftigung der Arbeitslosigkeit vorzuziehen. Eine Niedriglohnbeschäftigung für eine Zeitlang mag zumutbar erscheinen. Allerdings sollte sie dann Perspektiven bieten. Wenn die große Mehrheit in diesem Sektor gefangen bleibt, wird sich unsere Gesellschaft nachteilig verändern. Nur ein Beispiel: Das künftig ohnehin zunehmende Problem der Altersarmut wird dadurch weiter verschärft.
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