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23. Januar 2013, 08:50 Uhr

Mythen der Arbeit

Ein-Euro-Jobs gehören abgeschafft - stimmt's?

In einer Frage sind sich FDP und Linke einig: Die Ein-Euro-Jobs müssen weg. Das Instrument aus der Zeit der Hartz-Reformen entwerte die Leistung von Arbeitslosen und bringe Handwerker um ihre Aufträge. Doch so einfach ist die Rechnung nicht, erklärt Arbeitsforscher Joachim Möller.

"Ein-Euro-Jobs gehören abgeschafft", erklärt der Bund der Steuerzahler. Sie würden den Betroffenen nicht helfen, in den regulären Arbeitsmarkt zurückzukehren. "Ein-Euro-Jobs gehören abgeschafft", sagt auch die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linken, Sabine Zimmermann. Und was forderte schon 2005 Hermann Otto Solms von der FDP? Genau: "Ein-Euro-Jobs gehören abgeschafft".

Ein-Euro-Jobs, im Amtsdeutsch "Arbeitsgelegenheiten in der Mehraufwandsvariante", haben einen schlechten Ruf. Sie würden nichts bringen, Arbeitslose würden damit nur drangsaliert, und außerdem würde im großen Stil reguläre Beschäftigung verdrängt.

Stimmt das alles? Sollte man Ein-Euro-Jobs wirklich abschaffen? Um das seriös zu beantworten, muss man ein wenig genauer hinschauen. Allerdings ist dann das Ergebnis, wie so oft, nicht schwarz oder weiß. Die Behauptung beispielsweise, Ein-Euro-Jobs würden Arbeitslosen nicht helfen, reguläre Jobs zu bekommen, stimmt so nicht. Forschungsergebnisse zeigen, dass Ein-Euro-Jobs langfristig durchaus positive Eingliederungswirkungen erreichen, allerdings sind die Effekte statistisch nicht sehr ausgeprägt. Im Einzelnen hängt der Erfolg sehr stark von der Ausgestaltung der Maßnahme ab - und von der richtigen Auswahl der Teilnehmer.

Der Gesetzgeber hatte Ein-Euro-Jobs ohnehin nur für die Fälle vorgesehen, in denen andere Fördermaßnahmen nicht mehr in Frage kommen - also für besonders arbeitsmarktferne Personen, die beispielsweise bereits sehr lange erfolglos nach Arbeit suchen. Die Forschungsergebnisse bestätigen, dass die Ein-Euro-Jobs tatsächlich am ehesten bei den arbeitsmarktfernen Teilnehmern Wirkung entfalten. Ein 55-jähriger Langzeitarbeitsloser, der sich seit fünf Jahren erfolglos bewirbt und dessen Selbstvertrauen entsprechend gelitten hat, kann von einem Ein-Euro-Job durchaus profitieren. Bei einem 20-Jährigen ohne Ausbildung, der erst seit drei Monaten Arbeit sucht, ist hingegen eher eine Qualifizierungsmaßnahme sinnvoll.

Während in den ersten Jahren nach der Einführung 2005 noch durchschnittlich 300.000 Ein-Euro-Jobs besetzt waren, wurde die Förderung mittlerweile auf weniger als 150.000 Stellen zurückgefahren. Diese gewollte Verknappung ist grundsätzlich richtig. Der Einsatz der Ein-Euro-Jobs sollte sich auf Arbeitslosengeld-II-Empfänger beschränken, die sich im Wettbewerb am Arbeitsmarkt schwertun.

Werden reguläre Jobs verdrängt?

Ein-Euro-Jobs ganz abzuschaffen hieße aber, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Gezielt eingesetzt sind Ein-Euro-Jobs durchaus ein sinnvolles Instrument der Arbeitsmarktpolitik. Dabei reicht ihr mögliches Einsatzspektrum von der Verbesserung der Beschäftigungschancen über die Erprobung von Arbeits- und Leistungsbereitschaft bis hin zur Stärkung sozialer Integration und Teilhabe.

Befragungen zeigen, dass eine Mehrzahl der Teilnehmer die sozialen Kontakte durch die Arbeitsgelegenheit als positiv bewertet. Die Mehrheit hat auch das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Vielen ist zudem wichtig, dass sich durch die Ein-Euro-Jobs ihre finanzielle Situation verbessert.

Bleibt noch die Frage nach der Verdrängung regulärer Jobs. In der Tat darf dieses Risiko nicht vernachlässigt werden. Doch deuten die Forschungsergebnisse darauf hin, dass die Ein-Euro-Jobs eher an die Stelle früherer Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) getreten sind. Verdrängung regulärer Beschäftigung kann in Einzelfällen nie ausgeschlossen werden, in großem Stil findet sie jedenfalls nicht statt.

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