"Im Schnitt bekommen Frauen in Deutschland für die gleiche Arbeit 23 Prozent weniger Lohn als Männer", sagte die Rheinberger Gleichstellungsbeauftragte Diana Schrader der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" - und gab damit eine Zahl wieder, auf die man regelmäßig in der Debatte stößt. So sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel Ende Januar in einem Interview: "Dort, in der deutschen Wirtschaft, ist es aber so, dass Frauen für die gleiche Arbeit im Durchschnitt ein Viertel weniger Lohn bekommen." Und auch die Allianz kolportiert es im Facebook Ratgeber Frauen: minus 23 Prozent, Frauen haben das Nachsehen.
Die Wirklichkeit ist allerdings etwas komplizierter, als es diese schlichte Zahl glauben macht. Was nicht bedeutet, dass das Problem kleiner ist.
Im Durchschnitt ist der Lohn von vollzeitbeschäftigten Frauen tatsächlich knapp ein Viertel geringer als der Lohn von Männern. Dabei spielt aber unter anderem die unterschiedliche Berufswahl von Frauen und Männern eine Rolle - Sozialpädagoginnen werden schlechter bezahlt als Ingenieure. Der Lohnunterschied reduziert sich auf zwölf Prozent, wenn Frauen und Männer mit gleicher Ausbildung, gleichem Beruf und gleichem Alter im gleichen Betrieb verglichen werden.
Ein Teil dieses Lohnunterschieds von zwölf Prozent lässt sich auf weitere Faktoren zurückführen, die statistisch nicht erfasst werden. Ein Beispiel: Verglichen werden Tagesverdienste. Männer machen jedoch in einem höheren Ausmaß als Frauen Überstunden, so dass die längere tatsächliche Arbeitszeit einen Teil des Lohnunterschieds erklärt.
Deutschland ist im internationalen Vergleich ein Negativ-Ausreißer
Ein weiterer Faktor sind Hierarchien innerhalb der Berufe. Männer werden häufiger Gruppen- oder Teamleiter und in der Folge dann besser bezahlt. Vor allem aber wirken sich die längeren Erwerbsunterbrechungen und Phasen der Teilzeitbeschäftigung bei Frauen auf den Verdienst aus - meist wegen der Erziehung von Kindern.
Um die Lohnunterschiede wirkungsvoll abzubauen, müssten sich die Erwerbsunterbrechungen gleichmäßiger auf Frauen und Männer verteilen. Beispielsweise könnte der gesetzliche Anspruch auf Erziehungsurlaub zwischen der Mutter und dem Vater aufgeteilt werden.
Unterm Strich beruht die geringere Entlohnung von Frauen weniger auf finanzieller Ungleichbehandlung im Einzelfall, sondern vor allem auf gesellschaftlichen Strukturen, die Frauen seltener als Männer in gut bezahlte Positionen gelangen lassen. Was nicht heißen soll, dass das gerechter wäre.
Die Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern hat sich gegenüber dem Stand vor 15 Jahren kaum verändert. In Deutschland ist sie allerdings stärker verfestigt als in anderen Ländern. So konnten alle Länder der Europäischen Union, in denen nach der EU-Statistik 1995 die Lohnunterschiede überdurchschnittlich hoch waren, die Lohnungleichheit bis 2005 verringern - mit einer Ausnahme: In Deutschland haben die Unterschiede in den neunziger Jahren zwar abgenommen, sind jedoch seit der Jahrtausendwende wieder angestiegen.
Dafür ist wiederum das auffällige Wachstum des Niedriglohnsektors verantwortlich sowie die generelle Zunahme der Lohnungleichheit. Da Frauen überdurchschnittlich häufig zu Niedriglöhnen arbeiten, wirkt sich das immer stärkere Auseinanderklaffen der Einkommensschere bei ihnen besonders stark aus.
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