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Mythen der Arbeit Geburtenflaute führt zu Vollbeschäftigung - stimmt's?

Neugeborene in der Uniklinik Leipzig: Gesuchte Fachkräfte der Zukunft? Zur Großansicht
DPA

Neugeborene in der Uniklinik Leipzig: Gesuchte Fachkräfte der Zukunft?

Alle sorgen sich, weil in Deutschland so wenig Kinder geboren werden. Dabei verspricht das Vorteile: Wenn in Zukunft kaum noch junge Leute um freie Jobs buhlen, sollte es keine Arbeitslosigkeit mehr geben. Doch diese Rechnung ist leider allzu schlicht - Arbeitsforscher Joachim Möller erklärt, wo der Denkfehler liegt.

Der holländische Ökonom Wim Derks vertrat bereits vor fünf Jahren die These, dass Holland aufgrund der Geburtenschwäche mittelfristig wieder Vollbeschäftigung erleben werde. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärte er: "Derselbe Effekt wird sich früher oder später auch in Deutschland einstellen. Das ist ein europäisches Phänomen".

Keine Einzelmeinung: Dass der Bevölkerungsrückgang den Arbeitsmarkt massiv entlasten werde, dass dadurch sogar wieder Vollbeschäftigung erreichbar wird, ist immer wieder zu lesen. Hat der Geburtenschwund also wenigstens den Vorteil, dass er uns vom Übel der Arbeitslosigkeit befreit?

Leider gibt es keinen solchen Automatismus. Er würde nämlich voraussetzen, dass der Bedarf an Arbeitskräften mehr oder weniger gleich bleibt. Das ist aber ein fataler Irrtum. Die ökonomische Aktivität wird sich über kurz oder lang an die Schrumpfung der Bevölkerung anpassen. Dies betrifft nicht nur den Konsum, sondern auch die Investitionen.

Sinkt die Zahl der in Deutschland verfügbaren Arbeitskräfte, so werden Unternehmen ihre Investitionen hier tendenziell zurückfahren und sich stärker in Ländern mit wachsendem statt schrumpfendem Arbeitskräftepotenzial engagieren. Einer sinkenden Zahl von Arbeitskräften steht dann ein abnehmendes Angebot an Arbeitsplätzen gegenüber. Für den Arbeitsmarkt wäre damit längerfristig nichts gewonnen.

Falschmeldungen über Arbeitskräftelücke von 6,5 Millionen in 2025

Auch die zahllosen Zeitungsmeldungen, die über eine angebliche Arbeitskräftelücke von 6,5 Millionen Personen im Jahr 2025 berichten, beruhen auf der falschen Annahme einer langfristig konstanten Nachfrage nach Arbeitskräften. Ein Irrtum kommt aber selten allein. Rein rechnerisch würde der Rückgang der verfügbaren Arbeitskräfte bis 2025 zwar etwa 6,5 Millionen betragen - aber nur, wenn entgegen den beobachteten Trends die Erwerbsquoten der Frauen und der Älteren nicht weiter steigen würden, wenn die Rente mit 67 doch nicht kommen würde und wenn wir keine Zuwanderung hätten.

Berücksichtigt man das alles, werden wir 2025 nicht 6,5 Millionen, sondern eher um die 3,5 Millionen potenzielle Arbeitskräfte weniger haben als heute. Zu diesem Zeitpunkt stünden dann noch bis zu 42,5 Millionen zur Verfügung, also 1,5 Millionen mehr, als heute erwerbstätig sind. Wie viele Arbeitsplätze dem dann gegenüberstehen werden, kann man aus heutiger Sicht ebenso wenig seriös prognostizieren wie eine gegebenenfalls bestehende Arbeitskräftelücke.

Es drohen Massenarbeitslosigkeit und Fachkräftemangel zugleich

Nun aber zu einem weiteren wichtigen Argument, warum die eingangs dargestellte "Vollbeschäftigung dank Geburtenrückgang"-These nicht stimmt. Wer nur die Gesamtzahlen des Arbeitskräftepotenzials und der Arbeitsplätze miteinander vergleicht, vergisst, dass Personen und Stellen zueinander passen müssen. Und hier wird aller Voraussicht nach ein Hauptproblem liegen. In einem düsteren, aber leider nicht ganz unwahrscheinlichen Szenario könnte Deutschland im Jahr 2025 sowohl unter hoher Arbeitslosigkeit als auch unter einem gravierenden Fachkräftemangel leiden.

Es sieht alles danach aus, dass sich die Arbeitsmarktchancen für Geringqualifizierte, also für Menschen ohne Berufsausbildung oder gar ohne Schulabschluss, hierzulande noch weiter verschlechtern werden. Der Bedarf an Hochschulabsolventen und anderen qualifizierten Fachkräften steigt dagegen im Trend. In meinen Augen ist es daher unverantwortlich zuzulassen, dass jedes Jahr rund ein Fünftel der Schulabgänger nur Lese- und Mathematik-Kompetenzen auf Grundschulniveau erreicht. Viele von ihnen werden die Langzeitarbeitslosen von morgen sein.

Ein Fenster der Gelegenheiten

Aus dem Gesagten könnte man schließen, dass die demographische Entwicklung überhaupt keinen Effekt auf die Arbeitsmarktlage besitzt. Eine solche Position wäre ebenso falsch wie die Ansicht, dass der Rückgang der Erwerbsbevölkerung alle Probleme am Arbeitsmarkt beseitigt.

Kurz- und mittelfristig kann man die Kapitalausstattung einer Volkswirtschaft - also den Bestand an Produktionsanlagen usw. - als gegeben betrachten. Die Zahl der Arbeitskräfte, die notwendig ist, um sie am Laufen zu halten, die notwendigen Dienstleistungen zu erstellen und Forschung- und Entwicklung zu betreiben, hängt dann wesentlich von Konjunktureinflüssen ab. Wenn die Konjunktur brummt und der Nachwuchs fehlt, kann es in bestimmten Branchen, Berufen, Regionen zu Engpässen kommen. Dies erhöht die Integrationschancen von Arbeitslosen insbesondere dann, wenn Bereitschaft zu beruflicher und regionaler Umorientierung besteht und die Arbeitsmarktpolitik diese Mobilität auch aktiv unterstützt. Insofern öffnet derzeit die demographische Entwicklung ein Fenster der Gelegenheiten, die strukturelle Arbeitsmarktlage in Deutschland nachhaltig zu verbessern.

Unterm Strich: Die Arbeitslosigkeit wird nicht automatisch verschwinden, nur weil wir zukünftig weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter haben werden. Langfristig wird sich vielmehr die Nachfrage nach Arbeitskräften dem verminderten Angebot anpassen. Für einen längeren Übergangszeitraum besteht aber die Möglichkeit, die Arbeitslosigkeit in Deutschland strukturell zu verringern. Die Aussichten, den deutschen Arbeitsmarkt einem Zustand der Vollbeschäftigung anzunähern, dürften in den nächsten Jahren so gut sein wie lange nicht mehr.

Dabei darf sich die Gesellschaft nicht zurücklehnen. Zu glauben, dass es sich dabei um einen Selbstläufer handelt, ist eine gefährliche Illusion. Ohne verstärkte Bildungsanstrengungen, ohne eine wirkungsvolle und ausreichend ausgestattete aktive Arbeitsmarktpolitik, aber auch ohne die individuelle Bereitschaft, die eigene Beschäftigungsfähigkeit zu verbessern, wird sich das Fenster der Gelegenheit wieder schließen. Dann droht auf lange Sicht ein Szenario, in dem sich Massenarbeitslosigkeit mit Fachkräftemangel verbindet.

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1. Pech gehabt!!
fleischwurstfachvorleger 01.09.2011
Zitat von sysopAlle sorgen sich, weil in Deutschland so wenig Kinder*geboren werden. Dabei verspricht das Vorteile: Wenn in Zukunft kaum noch junge Leute um freie Jobs buhlen, sollte es keine Arbeitslosigkeit mehr geben. Doch diese Rechnung ist leider allzu schlicht - Arbeitsforscher Joachim Möller erklärt, wo der Denkfehler liegt. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,783478,00.html
Hatte mich schon gefreut, dass ich mit Eintritt in die normale Rente, endlich wieder einen guten Job kriegen würde. Aber selbst meine derzeitigen Kunden wollen jetzt wieder verstärkt Lehrlinge ausbilden, weil der Markt an spezifischen Fachkräften leergefegt ist. Sollten vielleicht auch mal andere Unternehmen darüber nachdenken!! Umschulung und die gezielte Einstellung von Arbeitnehmern älter 50 würde Deutschland und den betrieben auch schon helfen.
2. Wichtigster Aspekt fehlt
Phi-Kappa 01.09.2011
Der Schreiber übersieht einen sehr wichtigen Aspekt vollständig: Die zunehmende Automatisierung! Selbst bei sonst gleichbleibenden Voraussetzungen werden durch diese immer mehr Arbeitsplätze wegfallen,vollautomatisch und unaufhaltsam. Mit ein bisschen RFID-Technik und ein wenig Rechenpower könnte man schon heute JEDE EINZELNE Supermarkt-Kassiererin problemlos einsparen. Und das ist nur EIN Beispiel…
3. .
Interessierter0815 01.09.2011
Zitat von sysopAlle sorgen sich, weil in Deutschland so wenig Kinder*geboren werden. Dabei verspricht das Vorteile: Wenn in Zukunft kaum noch junge Leute um freie Jobs buhlen, sollte es keine Arbeitslosigkeit mehr geben. Doch diese Rechnung ist leider allzu schlicht - Arbeitsforscher Joachim Möller erklärt, wo der Denkfehler liegt. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,783478,00.html
Heil Arbeit - was unterm Strich dabei rauskommt ist doch auch egal. Hauptsache jeder hat Arbeit. Ich kann es nicht mehr hören...
4. Das Problem...
igab 01.09.2011
... bleibt die Bildung, und das wurde ja im Artikel auch angesprochen. Es ist halt einfach zu kurz gedacht, wenn man Arbeitskräfte und nachgefragte Arbeitskraft gegenüber stellt, denn wir sind hier nicht in China, sondern in Deutschland, einer Hochindustrienation. Auf dem Gebiet der innovativen Technik liegen unsere Stärken, auf diesem Gebiet brauchen wir gut ausgebildete Fachkräfte und Akademiker. Die stärker werdende Konkurrenz aus China wird diesen Trend noch verschärfen, dass wir immer mehr Vorreiter in verschiedenen Produktsparten werden müssen und uns danach weniger auf die eigentliche Produktion und den Verkauf verlassen können. Und jetzt zu denken, dass schlecht ausgebildete, lernunwillige junge Menschen durch eine sinkende Gesamtbevölkerung bessere Chancen haben, ist genauso falsch gedacht, wie mit Massenmigration schlecht ausgebildeter Menschen dem Trend entgegenzuwirken. Deutschland hat leider seit langem schon an Reiz für gut ausgebildete Menschen aus dem Ausland verloren, von Leuten, die gefordert statt unnötig gefördert werden wollen, die sich integrieren wollen, und nicht mit den integrationsunwilligen unter einen Hut gesteckt werden wollen. Diese Fachkräfte gehen weiterhin nach Australien, Kanada, Amerika, nach Singapur oder in alle möglichen anderen Länder, in denen es wirksame Migrationsschranken gibt und in denen es eine Herausforderung ist, wirklich hineinzukommen. Bleibt abzuwarten, inwieweit Deutschland die Fehler der letzten Jahre und Jahrzehnte wieder rückgängig machen kann und was andernfalls die Konsequenz ist, ich weiß nur für mich, dass ich bereit bin, überall auf der Welt zu arbeiten, sollte es in Deutschland weiter den Bach runter gehen, und ich bin nicht der einzige, der das so sieht.
5. Meine Rede seit Jahren schon
Breen 01.09.2011
Zitat von sysopAlle sorgen sich, weil in Deutschland so wenig Kinder*geboren werden. Dabei verspricht das Vorteile: Wenn in Zukunft kaum noch junge Leute um freie Jobs buhlen, sollte es keine Arbeitslosigkeit mehr geben. Doch diese Rechnung ist leider allzu schlicht - Arbeitsforscher Joachim Möller erklärt, wo der Denkfehler liegt. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,783478,00.html
Aber wie's so ist - leider wollte es keiner hören, was u.U. daran liegt, daß ich das nicht bei SPON veröffentlicht habe.
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Zum Autor
IAB
Der Volkswirt Joachim Möller (Jahrgang 1953) ist seit 2007 Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Die Forschungsstelle gehört zur Bundesagentur für Arbeit. In seiner regelmäßigen Kolumne auf KarriereSPIEGEL rückt er falsche Gewissheiten über die Arbeitswelt zurecht.
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