"Leiharbeitnehmer bekommen trotz gleicher Arbeit in Deutschland nur halb so viel wie Festangestellte", sagte Sigmar Gabriel in einem Interview mit der "Stuttgarter Zeitung" im Februar. Dabei dürfte er eine wenige Tage zuvor veröffentlichte Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) im Kopf gehabt haben. "Leiharbeitsbeschäftigte verdienen nur die Hälfte", heißt es dort.
Die entscheidende Aussage der Studie lautet: "Im Westen lag das mittlere Bruttoeinkommen aller Vollzeitbeschäftigten 2009 bei 2805 Euro im Monat gegenüber nur 1456 Euro für Leiharbeitskräfte. Bei vergleichbarer Arbeitszeit ergibt sich ein Einkommensgefälle von 48,1 Prozent; Leiharbeitskräfte verdienen in den alten Ländern damit nur gut halb so viel wie Vollzeitbeschäftigte im Schnitt insgesamt." Diese Aussage ist richtig - und doch entsteht beim Lesen leicht ein falsches Bild im Kopf. Sigmar Gabriels Äußerung ist ein typisches Beispiel. Er ergänzte nämlich die Randbedingung: "trotz gleicher Arbeit". Das stimmt aber aus einer ganzen Reihe von Gründen nicht.
Der durchschnittliche Leiharbeiter unterscheidet sich vom durchschnittlichen Festangestellten in mehreren Punkten. Viele dieser Unterschiede schlagen sich üblicherweise in einem geringeren Lohn nieder. Um nur fünf Faktoren zu nennen:
Schmaler Steg statt breite Brücke
Damit meine ich: Wenn man von Anfang an gleiche Bezahlung vorschreibt, verringert man die Chancen von Arbeitslosen, über die Leiharbeit wieder in Beschäftigung zu kommen. Die häufig zitierten Brücken- und Klebeeffekte sind zwar nicht so groß, wie die Zeitarbeitsbranche gerne glauben macht, aber es gibt diese Effekte. Der Klebeeffekt bezeichnet die Häufigkeit, mit der Zeitarbeitnehmer vom Einsatzbetrieb direkt übernommen werden. Die Zeitarbeitsbranche spricht gerne von 30 Prozent. Wissenschaftliche Studien kommen eher auf Werte zwischen sieben und 15 Prozent, wobei einiges für eine Größenordnung spricht, die näher an dem unteren Wert anzusiedeln ist.
Vom Brückeneffekt spricht man, wenn ein zuvor Arbeitsloser nach einer Tätigkeit als Leiharbeiter in eine reguläre Beschäftigung bei irgendeinem Betrieb jenseits der Leiharbeit wechselt. Eine IAB-Studie zeigt: Rund sieben Prozent der vorher Arbeitslosen, die in Leiharbeit gehen, schaffen es im Zweijahreszeitraum nach der Leiharbeit überwiegend beschäftigt zu bleiben und dabei die Leiharbeit komplett hinter sich zu lassen. Es handelt sich somit eher um einen schmalen Steg als um eine Brücke, aber auch ein schmaler Steg ist besser als kein Übergang.
Gehaltsangleichung in drei Schritten
Zeitarbeit bietet für die Betriebe die Möglichkeit, Personalengpässe bei Auftragsspitzen zu glätten. Darüber hinaus haben Zeitarbeitsfirmen den Vorzug, Personen testweise in verschiedenen Tätigkeiten einsetzen zu können, um damit herauszufinden, wo ihre produktiven Stärken liegen. Idealerweise hat Zeitarbeit also eine wichtige gesellschaftliche Funktion, als Instrument flexiblen Personalmanagements ebenso wie als Mittel zur Integration von arbeitsmarktfernen Personen. Eine pauschale Verteufelung ist deshalb fehl am Platz.
Allerdings sollte auch klar sein: Zeitarbeit wird pervertiert, wenn sie in manchen Betrieben zur Dauereinrichtung wird und man sie dazu einsetzt, die Stammbelegschaften unter Druck zu setzen oder das Lohnniveau zu senken.
Wie könnte nun eine Lösung aussehen, die die unschönen Seiten der Zeitarbeit verhindert, ohne ihr das Wasser abzugraben? Mein Vorschlag läuft auf eine stufenweise Anpassung der Löhne hinaus. Nach spätestens sechs Monaten sollte der Grundsatz der gleichen Bezahlung von Leiharbeitern und Stammkräften gelten. Bereits nach zwei und nach vier Monaten wird die Differenz zwischen dem Einstiegslohn der Zeitarbeiter und dem Lohn der Stammkräfte um jeweils ein Drittel reduziert.
Die stufenweise Anhebung verringert die Gefahr, dass zum jeweiligen Stichtag die Zeitarbeiter einfach durch neue Zeitarbeiter ersetzt werden, um die Lohnangleichung zu vermeiden. Wenn ein Arbeitgeber auf diese Strategie setzt, müsste er eine sehr große Fluktuation in Kauf nehmen und ständig neue Kräfte einarbeiten - das wird sich in vielen Fällen nicht für ihn rechnen.
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