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Mythen der Arbeit Leiharbeiter bekommen nur den halben Lohn - stimmt's?

Ein Fließband, zwei Arbeitgeber: Manche Firmen spielen Zeitarbeiter und Stammbelegschaften gegeneinander aus Zur Großansicht
dpa

Ein Fließband, zwei Arbeitgeber: Manche Firmen spielen Zeitarbeiter und Stammbelegschaften gegeneinander aus

Lohndumping bei Zeitarbeitern ist schlimm genug - man muss aber die Verleihbranche nicht pauschal verteufeln, findet Arbeitsforscher Joachim Möller. Um die schlimmsten Auswüchse zu verhindern, schlägt er vor, die Gehälter von Leiharbeitern zeitlich gestaffelt anzuheben.

"Leiharbeitnehmer bekommen trotz gleicher Arbeit in Deutschland nur halb so viel wie Festangestellte", sagte Sigmar Gabriel in einem Interview mit der "Stuttgarter Zeitung" im Februar. Dabei dürfte er eine wenige Tage zuvor veröffentlichte Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) im Kopf gehabt haben. "Leiharbeitsbeschäftigte verdienen nur die Hälfte", heißt es dort.

Die entscheidende Aussage der Studie lautet: "Im Westen lag das mittlere Bruttoeinkommen aller Vollzeitbeschäftigten 2009 bei 2805 Euro im Monat gegenüber nur 1456 Euro für Leiharbeitskräfte. Bei vergleichbarer Arbeitszeit ergibt sich ein Einkommensgefälle von 48,1 Prozent; Leiharbeitskräfte verdienen in den alten Ländern damit nur gut halb so viel wie Vollzeitbeschäftigte im Schnitt insgesamt." Diese Aussage ist richtig - und doch entsteht beim Lesen leicht ein falsches Bild im Kopf. Sigmar Gabriels Äußerung ist ein typisches Beispiel. Er ergänzte nämlich die Randbedingung: "trotz gleicher Arbeit". Das stimmt aber aus einer ganzen Reihe von Gründen nicht.

Der durchschnittliche Leiharbeiter unterscheidet sich vom durchschnittlichen Festangestellten in mehreren Punkten. Viele dieser Unterschiede schlagen sich üblicherweise in einem geringeren Lohn nieder. Um nur fünf Faktoren zu nennen:

  • Leiharbeiter sind im Durchschnitt jünger.
  • Sie haben häufiger keine Berufsausbildung.
  • Ihr bisheriger Berufsverlauf ist vermehrt von Brüchen und Arbeitslosigkeit geprägt.
  • Oft handelt es sich bei der Leiharbeit um Anlern- und Aushilfstätigkeiten.
  • Die Beschäftigungsdauer liegt in der Hälfte der Fälle unter drei Monaten.

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Leiharbeit: Sprungbrett oder Sklaverei?
Ein guter Teil der Lohnunterschiede lässt sich damit erklären. Dennoch bleibt ein Unterschied in der Bezahlung, der sich nicht auf solche Faktoren zurückführen lässt. Er liegt bei rund 20 statt bei 50 Prozent. Das ist immer noch viel, und die Forderung, dagegen etwas zu tun, ist durchaus verständlich. Allerdings sollte man dabei aufpassen, dass man nicht das Kind mit dem Bade ausschüttet.

Schmaler Steg statt breite Brücke

Damit meine ich: Wenn man von Anfang an gleiche Bezahlung vorschreibt, verringert man die Chancen von Arbeitslosen, über die Leiharbeit wieder in Beschäftigung zu kommen. Die häufig zitierten Brücken- und Klebeeffekte sind zwar nicht so groß, wie die Zeitarbeitsbranche gerne glauben macht, aber es gibt diese Effekte. Der Klebeeffekt bezeichnet die Häufigkeit, mit der Zeitarbeitnehmer vom Einsatzbetrieb direkt übernommen werden. Die Zeitarbeitsbranche spricht gerne von 30 Prozent. Wissenschaftliche Studien kommen eher auf Werte zwischen sieben und 15 Prozent, wobei einiges für eine Größenordnung spricht, die näher an dem unteren Wert anzusiedeln ist.

Vom Brückeneffekt spricht man, wenn ein zuvor Arbeitsloser nach einer Tätigkeit als Leiharbeiter in eine reguläre Beschäftigung bei irgendeinem Betrieb jenseits der Leiharbeit wechselt. Eine IAB-Studie zeigt: Rund sieben Prozent der vorher Arbeitslosen, die in Leiharbeit gehen, schaffen es im Zweijahreszeitraum nach der Leiharbeit überwiegend beschäftigt zu bleiben und dabei die Leiharbeit komplett hinter sich zu lassen. Es handelt sich somit eher um einen schmalen Steg als um eine Brücke, aber auch ein schmaler Steg ist besser als kein Übergang.

Gehaltsangleichung in drei Schritten

Zeitarbeit bietet für die Betriebe die Möglichkeit, Personalengpässe bei Auftragsspitzen zu glätten. Darüber hinaus haben Zeitarbeitsfirmen den Vorzug, Personen testweise in verschiedenen Tätigkeiten einsetzen zu können, um damit herauszufinden, wo ihre produktiven Stärken liegen. Idealerweise hat Zeitarbeit also eine wichtige gesellschaftliche Funktion, als Instrument flexiblen Personalmanagements ebenso wie als Mittel zur Integration von arbeitsmarktfernen Personen. Eine pauschale Verteufelung ist deshalb fehl am Platz.

Allerdings sollte auch klar sein: Zeitarbeit wird pervertiert, wenn sie in manchen Betrieben zur Dauereinrichtung wird und man sie dazu einsetzt, die Stammbelegschaften unter Druck zu setzen oder das Lohnniveau zu senken.

Wie könnte nun eine Lösung aussehen, die die unschönen Seiten der Zeitarbeit verhindert, ohne ihr das Wasser abzugraben? Mein Vorschlag läuft auf eine stufenweise Anpassung der Löhne hinaus. Nach spätestens sechs Monaten sollte der Grundsatz der gleichen Bezahlung von Leiharbeitern und Stammkräften gelten. Bereits nach zwei und nach vier Monaten wird die Differenz zwischen dem Einstiegslohn der Zeitarbeiter und dem Lohn der Stammkräfte um jeweils ein Drittel reduziert.

Die stufenweise Anhebung verringert die Gefahr, dass zum jeweiligen Stichtag die Zeitarbeiter einfach durch neue Zeitarbeiter ersetzt werden, um die Lohnangleichung zu vermeiden. Wenn ein Arbeitgeber auf diese Strategie setzt, müsste er eine sehr große Fluktuation in Kauf nehmen und ständig neue Kräfte einarbeiten - das wird sich in vielen Fällen nicht für ihn rechnen.

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insgesamt 64 Beiträge
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1. Leiharbeit völlig falsch dargestellt
xoxox 28.09.2011
Leider närt der Spiegel mal wieder den Mythos, dass Leiharbeiter eh nur die "schlechten" Jobs machen, sie sind oft arbeitlos, schlecht ausgebildet. Da macht es ja nichts, dass man sie wie Dreck behandelt. Sorry Spiegel, die letzten Jahre komplett verschlafen? Leiharbeit ist vorherschende "Arbeitsform" unter Akademikern jüngeren Alters. Ich selbst bin "Leiharbeiter" bei BMW, allerdings mit Dipl-Ing. E-Technik. Praktisch 90% meiner halbwegs gleichalten Kollegen sind ebenfalls Externe. Beim Gehalt kommt's drauf an ob man per Werksvertrag oder per Arbeitnehmerüberlassung "vermittelt" wird. Beim Werksvertrag bleibt man de jure bei seiner "Verleihfirma" angestellt und muss vordefinierte Arbeitspakete "abarbeiten". Das Gehalt wird dann mit der "Verleihfirma" ausgehandelt. Bei AnÜg ist die "Ausleihfirma" für einen gewissen Zeitraum der Dienstvorgesetze. Bei BMW ist es z.B. so dass AnÜgler denselben Tariflohn erhalten wie die internen Mitarbeiter, allerdings ohne weitere Extras (Gewinnbeteiligung, Urlaubsgeld, Vergünstigungen, etc.). Es existieren also schon da gewaltige Lohnunterschiede Bei den Verleihfirmen gibt es solche und solche. Meine Verleihfirma ist sehr anständig, gibt auch andere die ihre Mitarbeiter über's Ohr hauen. Großes Problem ist dass z.B. BMW die Verleihfirmen massivst(!) im Preis drücken. Daher kommen u.a. die hohen Gewinne in den letzten Jahren. Selbst jetzt wo es kaum neue Ingenieure gibt, steigen die Preise nicht.
2. Arbeitertum gegeneinander ausspielen
skurilla 28.09.2011
Wieder ein Versuch die unteren Schichten (Arbeiter) gegeneinander in Stimmung zu bringen und gegeneinander auszuspielen, damit diese Bevölkerungsschicht ja nicht auf den Gedanken kommt, das deren Gegner woanders zu suchen sind.
3. Nur teilweise richtig
omnifight 28.09.2011
Ich muss xoxox zum Teil Recht geben. Auch ich bin als Elektrotechniker seit fünf Jahren dauerhaft an einen großen Konzern ausgeliehen und wurde nur deswegen eingestellt. Mein Lohn entspricht auch in etwa dem Grundgehalt der internen Mitarbeiter. Jetzt allerdings kommen die großen Unterschiede. Während ich 40 Std. die Woche arbeiten muss, müssen interne Mitarbeiter nur 35 Std. arbeiten. Desweiteren können interne bis zu 20% ihres Grundgehaltes an leistungsbezogener Zusatzvergütung erhalten, das ist bei mir nicht der Fall. Dazu kommen Kleinigkeiten wie verschiedene Preise für den Kantinenbesuch, keine Werksparklätze für externe,... Eine Übernahme in den Konzern ist derzeit für mich nicht in Sicht. Es ist schade, dass das Gesetz, welches die Entleiher zwang einen externen Mitarbeiter nach spätestens 2 Jahren zu übernehmen im Jahre 2004 (glaube ich) abgeschafft wurde. Das würde die Motivation eines jeden AÜ-lers steigern, sich voll und ganz für die Firma einzubringen. Ausserdem dauert eine "Auftragsspitze" ja wohl kaum länger als zwei Jahre. Fazit ist, dass Leiharbeiter eben doch billige(re) Arbeitskräfte sind und die Firmen dies mehr oder weniger schamlos ausnutzen.
4. Wieso Mythen?
eku 28.09.2011
Zitat von sysopLohndumping bei Zeitarbeitern ist schlimm genug - man muss aber die Verleihbranche nicht pauschal verteufeln, findet Arbeitsforscher Joachim Möller. Um die schlimmsten Auswüchse zu verhindern, schlägt er vor, die Gehälter von Leiharbeitern zeitlich gestaffelt anzuheben. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,788644,00.html
Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen dass: -Leiharbeiter bei gleicher Arbeit etwa 60% Lohn bekommen -Nur in Ausnamefällen in einen Festvertrag wechseln -Stellen die mit Leiharbeitnehmern besetzt werden über mehr als fünf Jahre unverändert bestehen, also mitnichten dem Abbau von Spitzen geschuldet sind. Merkwürdigerweise scheint es in der Metallindustrie problemlos möglich zu sein Leiharbeitnehmern den gleichen Lohn zu zahlen wie Festangestellten; was soll also das ganze Geschwafel von den wirtschaftlichen Segnungen der Leiharbeit? Wenn Flexibilität wichtig ist, sollte sie auch vergütet werden; in der Wirtschaft ist es völlig normal für flexiblere Leistung mehr zu bezahlen, warum sollten also gerade die flexibelsten Arbeitnehmer am schlechtesten entlohnt werden? Man sollte Leiharbeit endlich als das benennen, was es ist: Scham- und hemmungslose Ausbeutung der Schwächsten.
5. Das wird nichts bringen!
Piawanegawa 28.09.2011
Wenn die Masse weniger als drei Monate in einem Betrieb beschäftigt ist, bringt es wenig, wenn sie nach sechs Monaten einen angemessenen Lohn erhalten hätten. Das Ergebnis wird nur sein, dass die Fluktuation unter den Zeitarbeitern weiter erhöht wird, damit verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen der Zeitarbeiter noch weiter, weil sie sich an keine Arbeitsstelle mehr gewöhnen können und wirklich nur noch "heute hier, morgen da" sind. Gleiches Geld vom ersten Tag an, das hilft. Dann überlegt man es sich als Arbeitgeber zwei mal, ob man einen Arbeiter einarbeitet, und tut das auch nur, wenn wirklich personelle Engpässe vorliegen. Kommt damit die Zeitarbeit zum Erliegen, ist der Beweis erbracht, dass das Instrument wirklich primär zum Lohndumping verwendet wird, dann kann man es auch ganz einstampfen. Dafür dann einen flächendeckenden Mindestlohn, damit hat der Niedriglohnsektor dann ein Ende.
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Zum Autor
IAB
Der Volkswirt Joachim Möller (Jahrgang 1953) ist seit 2007 Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Die Forschungsstelle gehört zur Bundesagentur für Arbeit. In seiner regelmäßigen Kolumne auf KarriereSPIEGEL rückt er falsche Gewissheiten über die Arbeitswelt zurecht.
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