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29. Juni 2012, 09:02 Uhr

Mythen der Arbeit

Arbeitnehmer müssen ständig den Job wechseln - stimmt's?

Einst fingen junge Menschen in einem Betrieb an und blieben bis zur Rente. Inzwischen ist der fliegende Jobwechsel normal, denken viele. Der Trend zu befristeten Verträgen und Leiharbeit ist deutlich, erklärt Arbeitsforscher Joachim Möller - dennoch war früher keineswegs alles besser.

Befragt man Arbeitnehmer nach der bisherigen Beschäftigungsdauer in ihrem Betrieb, so ergibt sich aktuell ein Durchschnittswert von 10,8 Jahren. 1992 waren es 10,3 Jahre. Die mittlere Dauer der Betriebszugehörigkeit hat sich also in den letzten zwanzig Jahren gar nicht verringert, sie ist im Gegenteil sogar etwas länger geworden.

Die Zahlen stehen in deutlichem Kontrast zu der weit verbreiteten Auffassung, dass man heute viel häufiger als früher den Job verliert oder zumindest aus Karrieregründen wechseln muss. Worauf lässt sich das allgemeine Empfinden zurückführen, dass die Beschäftigungsverhältnisse instabiler geworden sind?

Möglicherweise tendieren wir dazu, aktuelle Probleme zu überzeichnen und die Vergangenheit in einem zu positiven Licht zu sehen. Betriebsschließungen und Massenentlassungen sind keineswegs ein neues Phänomen. Erinnert sei an den teilweise dramatischen Stellenabbau in den Bereichen Kohle und Stahl oder in der Textilindustrie in den siebziger und achtziger Jahren. Viele Betroffene mussten nicht nur den Arbeitgeber, sondern auch den Beruf wechseln. Vom sicheren Arbeitsplatz bis zur Rente konnte auch damals in weiten Bereichen nicht die Rede sein.

Ungleiche Verteilung der Risiken

Für die gefühlte höhere Unsicherheit gibt es aber auch eine reale Grundlage. Für bestimmte Gruppen von Beschäftigten zeichnen sich tatsächlich instabilere Beschäftigungsverhältnisse ab. Das gilt vor allem für junge Beschäftigte: Seit gut zehn Jahren sinkt die mittlere Beschäftigungsdauer von Arbeitnehmern unter 30 deutlich. Insgesamt ist sie in diesem Zeitraum um ein Viertel zurückgegangen und liegt mittlerweile deutlich unter zwei Jahren.

Ins Bild passt, dass insbesondere Berufseinsteiger viel häufiger als zuvor nur befristete Verträge erhalten. Auch die Leiharbeit hat in den letzten Jahren rapide zugenommen. Die mittlere Beschäftigungsdauer in der Leiharbeit beträgt dabei gerade einmal drei Monate - jedes zweite Beschäftigungsverhältnis endet in diesem Zeitraum.

Hinzu kommt: Ein immer größerer Teil der Beschäftigten macht Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit. Bei den 1960 Geborenen ist der Anteil der Beschäftigten, die zwischen dem 25. und dem 43. Lebensjahr mindestens einmal arbeitslos geworden sind, mit rund 50 Prozent erheblich höher als bei den 1950 Geborenen. Bei ihnen waren es nur 28 Prozent. Das könnte man als Beleg für die These eines Trends zur "Risikogesellschaft" sehen: In seinem gleichnamigen Buch schrieb der Soziologe Ulrich Beck bereits 1986, dass die Beschäftigungssicherheit allgemein schwinde und Arbeitslosigkeit zunehmend jeden treffen könne.

Gute Ausbildung zahlt sich aus

Indizien belegen jedoch auch eine stärkere Spaltung des Arbeitsmarktes. Auf der einen Seite des Spektrums stehen Stammbelegschaften mit relativ hoher Beschäftigungssicherheit, auf der anderen Seite Randbelegschaften, die die Last der konjunkturellen und strukturellen Anpassungen tragen. Mit guter Ausbildung ist das Risiko deutlich geringer, zu den Letzteren zu gehören.

Vieles spricht dafür, dass bei der Verteilung der Risiken zukünftig auch der demografische Wandel eine Rolle spielen wird. Die Gewinner am Arbeitsmarkt werden aller Voraussicht nach die jungen Gutqualifizierten sein. Unternehmen werden dieser Gruppe bessere Bedingungen bieten müssen, um genügend Nachwuchs rekrutieren zu können. Dazu könnte neben der Entlohnung auch verstärkt wieder Beschäftigungssicherheit gehören.

Geringqualifizierten wird aber die Verknappungstendenz beim Arbeitskräfteangebot vermutlich nicht viel nützen. Einfache Routinetätigkeiten werden im Trend immer weniger benötigt. Wer nur für solche Tätigkeiten in Frage kommt, für den werden die Risiken eher zu- als abnehmen, unabhängig vom Alter.

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