SPIEGEL ONLINE: Herr Kramer, Herr Schwarzinger, Sie erforschen die seelischen Abgründe von Existenzgründern. Geben Sie mir einen Rat: Morgen will ich reich und berühmt sein. Mein Ego hat eine eigene Vorwahl, ich zaudere nie, bin siegesgewiss, hart zu mir selbst und gemein gegen andere. Soll ich unter die Unternehmer gehen?
Schwarzinger: Allein auf der Basis solcher Charakterzüge würden wir das niemandem empfehlen
SPIEGEL ONLINE: na gut, im Gepäck habe ich auch eine zündende Geschäftsidee, kenne die Branche, ein Businessplan geht mir leicht von der Hand. Reicht's jetzt für einen Gründer-Höhenflug?
Kramer: Es gibt so viele Erfolgsfaktoren, auf die Kombination kommt es an. Wir untersuchen die Persönlichkeiten von Unternehmensgründern. Politik, Wirtschaft und Medien loben stets die Courage von Gründern, ihre Leistungsbereitschaft und Durchsetzungsstärke, Flexibilität und Kreativität. In der bisherigen Forschung geht es ebenfalls meist um die positiven Charakterzüge. Aber für ein differenziertes Bild muss man auch negative Eigenschaften ausleuchten.
SPIEGEL ONLINE: Davon haben Sie viele gefunden: Machtstreben und Geldgier, Arroganz und Gefühlskälte
Schwarzinger: Wir forschen zur "Dunklen Triade der Persönlichkeit", ein Zusammenspiel negativer Charakterzüge, mit denen die von Ihnen genannten Verhaltensweisen einhergehen. Unsere Studien zeigen, dass diese Eigenschaften, die andere Menschen als negativ wahrnehmen, eine Existenzgründung begünstigen können.
SPIEGEL ONLINE: Wer viel aufgibt, um eine eigene Firma zu steuern, braucht einen starken Motor. Was treibt Gründer an?
Kramer: Nach unseren Ergebnissen haben selbstverliebte Persönlichkeiten eine höhere Neigung, Unternehmen zu gründen. Eine starke Überzeugung von sich selbst kann sich positiv auswirken im Umgang mit Risiken. Gründer plagt ja stets die Unsicherheit, wie gut die eigene Idee ist, auf welches Marktumfeld sie trifft. Wer mehr Chancen sieht als Bedenken, wird eine Geschäftsidee schneller und entschlossener umsetzen als andere mit ähnlichen Plänen.
SPIEGEL ONLINE: Als unangenehme Drillinge beschreiben Sie Narzissten, Machiavellisten, subklinische Psychopathen. Was sind das für Typen, was unterscheidet sie?
Schwarzinger: Die Narzissten zeichnet in erster Linie überzogene Selbstwertschätzung aus; sie halten sich für die Besten, wollen bestätigt und bewundert werden. Eine gewisse Empathielosigkeit und Arroganz vereinen sie mit einer starken Anspruchshaltung: Narzissten glauben, sie hätten mehr verdient als ihre Mitmenschen - zum Beispiel ein höheres Einkommen und generell einen Platz auf der Sonnenseite des Lebens.
Kramer: Machiavellisten sind manipulative Machtmenschen und kennen viele Strategien, um Gegner unter Druck zu setzen. Anders als Narzissten können sie sich selbst eher realistisch einschätzen und gehen pragmatisch vor. Ihre emotionale Distanziertheit lässt Machiavellisten komplett ausblenden, was andere von ihnen halten mögen - in Konflikt- oder Wettbewerbssituationen kann es von Vorteil sein, sich ganz auf den Sieg zu konzentrieren.
Schwarzinger: Subklinische Psychopathen haben, wie Narzissten, ein übermäßiges Selbstwertgefühl. Noch ausgeprägter als bei den Machiavellisten ist ihre emotionale Kälte und Bereitschaft, ohne Rücksicht und Schuldbewusstsein fürs eigene Wohl zu lügen und zu betrügen. Auf andere wirken sie oft intelligent, unterhaltsam, auch charmant. Aber es ist ein glatter, oberflächlicher und oft aggressiver Charme. Robert Hare, führender Psychopathie-Forscher aus den USA, spricht in diesem Zusammenhang auch von "sozialen Raubtieren": Ihnen würden genau die Dinge fehlen, die wichtig sind für ein gutes Zusammenleben in der Gesellschaft - ein Gewissen, Achtsamkeit gegenüber Mitmenschen. Ein dritter Aspekt ist ein Lebensstil, der gekennzeichnet ist von Reizhunger, Impulsivität und dem Fehlen langfristiger Pläne.
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