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Nach Diktat verreist Achtenmeyers Kickstart ins neue Jahr

Achtenmeyers Abenteuer: Auch ein Top-Level-Führungskräfte-Gehirn stößt an Grenzen Zur Großansicht
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Achtenmeyers Abenteuer: Auch ein Top-Level-Führungskräfte-Gehirn stößt an Grenzen

Mehr Sport, mehr Ordnung, für jeden ein Lächeln: Mittelmanager Achtenmeyer hat fürs neue Jahr nur die besten Vorsätze. Doch die sind meist schnell vergessen und bisweilen sogar gefährlich. Erst recht, wenn es um die Deko im Sekretariat geht, wie Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne zeigt.

Die erzwungene Ruhe zwischen den Jahren hat auch Achtenmeyer genutzt, um innezuhalten, Bilanz zu ziehen. The good news: Sein Alter (Mitte oder Ende 40, das hängt von diversen mathematischen Streitfragen rund um die Zahlen 47 fortfolgende ab) ist überraschenderweise nicht sein größtes Problem. Was Achtenmeyer beim Bilanzziehen am meisten Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass der Prozess des Bilanzierens selbst von Jahr zu Jahr komplexer wird. Sogar sein Top-Level-Führungskräfte-Gehirn, in seiner effizienten Eleganz nur noch vergleichbar mit einem von der Nasa entwickelten chirurgischen Skalpell, stößt da an Grenzen.

Just to give an example: Noch vor nicht langer Zeit konnte Achtenmeyer sämtliche Fotos, die er innerhalb des jeweils vergangenen Jahres geschossen hatte, in den paar Minuten durchgehen, die der Bundespräsident für seine Weihnachtsansprache benötigte. Kam das Staatsoberhaupt zum Schluss, war auch Achtenmeyer durch und hatte anhand der Fotos schon eine ziemlich präzise Back-of-the-envelope-Bewertung seiner persönlichen Erfolge und Misserfolge angestellt.

Mittlerweile lähmt ihn allein der Gedanke an die zahllosen Gigabyte an Bildern, die die Festplatte seines Notebooks verstopfen. Neulich hat er ausgerechnet, dass allein die Zeitmenge, die er bräuchte, um sie grob durchzusehen und zu sortieren, größer wäre als sämtliche Bundespräsidenten-Weihnachtsansprachen seit Gründung der BRD zusammengenommen. Ein echter show-stopper, und die Fotosache ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Wie er der Flut von E-Mails, Posts, digitalen Bildern, MMS, Chat-Protokollen, PDFs, Video-Filmchen und so weiter als Privatmensch jemals Herr werden soll, bleibt für Achtenmeyer ein Rätsel.

Jahresanfangsenergie bis unter die Haarspitzen

Glücklicherweise hält die Welt für ihn noch immer einen Ort bereit, wo er im driver seat sitzt: seine company. Wie die meisten Menschen reagiert Achtenmeyer auf den Jahresendfrust mit neuen Vorsätzen. Und wie die meisten Menschen wählt er eine einige harte Nüsse sowie (wohl wissend, dass er die harten Nüsse auch im nächsten Jahr nicht knacken wird) einige leichte, schnell zu verwirklichende Ziele.

Sein erstes Opfer: Frau Schnitzel. Die Weihnachtskarten, die sie jedes Jahr wie eine Garnison Pappsoldaten auf der Fensterbank im Sekretariat aufreiht, waren ihm schon immer ein Dorn im Auge. Und so, getrieben vom Wunsch nach Ordnung und mit Jahresanfangsenergie bis unter die Haarspitzen aufgeladen, wischt er die Kartensammlung am nächsten Morgen mit kräftigem Schwung in den Papierkorb. "Meine liebe Frau Schnitzel, wir haben hier eine clean desk policy. Der Zustand des Büros spiegelt den geistigen Zustand seiner Besitzer, und da wollen wir doch einen guten Eindruck hinterlassen, nicht wahr?"

Ehe Frau Schnitzel etwas erwidern kann, lässt sich Achtenmeyer hinter seinem eigenen, wie stets makellosen Schreibtisch nieder. Mag Ordnung im Privatleben weiterhin ein issue sein - sein Vorzimmer wenigstens ist aufgeräumt.

Ober sticht Unter

Zufrieden seufzend beginnt er sich durch die ersten E-Mails des neuen Jahres zu klicken, als Dr. Karl in sein Büro platzt, ebenfalls voller Schwung und Jahresanfangsenergie. Die Quartalszahlen sind fertig, der Marketing-Look-out glänzt wie ein frisch poliertes Diadem, Achtenmeyer fühlt sich gewappnet.

Doch sein Vorgesetzter hat etwas anderes auf dem Herzen. Wo denn die schönen Weihnachtskarten seien, die ihm sonst immer den Start ins neue Jahr versüßten, will Dr. Karl wissen. "Einer meiner Vorsätze ist: mehr Freiraum für die Mitarbeiter, mehr Persönlichkeit für die company. Mein lieber Achtenmeyer, wir sind ein Konsumartikler. Wir leben von den Gefühlen der Menschen. Wie wir mit unseren Mitarbeitern umgehen, spiegelt den Zustand unserer Firma. Da wollen wir doch einen guten Eindruck hinterlassen, nicht wahr?"

So fällt die Bilanz dieses trüben Januartages schließlich recht durchmischt aus: Frau Schnitzel verbringt zwei glückliche Stunden damit, ihre Weihnachtskarten neu zu arrangieren. Dr. Karl fährt mit dem beruhigenden Gefühl nach Hause, schon nach einem Tag hinter einen seiner Vorsätze ein Häkchen setzen zu können. Und Achtenmeyer sortiert mit Hilfe der Gesichtserkennung alle Fotos aus, auf denen er nicht lächelt.

Das kostet ihn zwar immer noch die ganze Nacht - aber das ist es wert. Schließlich will er einen guten Eindruck hinterlassen.


+++ Lessons learned +++

  • Megatrend Bottom up: Neue Technologien und mehr Transparenz bringen Hierarchien zum Schmelzen. Künftig werden Meinungen und Stile "einfacher" Mitarbeiter wichtiger für das Gesamtbild eines Unternehmens. Das Top-Management wird sie verstärkt als Trend-Barometer nutzen. Der klassische Mittelmanager sollte sich darauf einstellen - sonst wird er zwischen oben und unten zerrieben.
  • An die eigene Nase fassen: Jede Führungskraft kennt das Problem - andere dazu zu bringen, etwas zu tun, ist meist schwieriger, als es selbst zu tun. Deshalb sollten Neujahrsvorsätze nur die eigene Person betreffen. Das ist schon anstrengend genug.
  • Lead by emotions: Achtenmeyer argumentiert gegenüber Frau Schnitzel abstrakt, während Dr. Karl seine Anweisung in ein persönliches Anliegen verpackt. Manager werden sich aber immer weniger hinter formalen Regeln verschanzen können - persönliche Überzeugungskraft wird eine zentrale Rolle in der Führung spielen.

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Zum Autor
Klaus Werle (Jahrgang 1973) ist Redakteur beim manager magazin und Buchautor ("Die Perfektionierer"). In seiner Kolumne "Nach Diktat verreist" demonstriert Protagonist und Mittelmanager Achtenmeyer regelmäßig, dass Karrieremachen wirklich ganz einfach ist. Nach allem, was er so hört.

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