Als Achtenmeyer die Sache mit den Reservekanistern las, die so mürbe sind, dass sie jeden Augenblick zerbröseln können, und die trotzdem auf dem Dach des Geländewagens bleiben, weil das so schön pittoresk aussieht, da war es um ihn geschehen. "Jetzt reicht's", murmelte er und klickte auf das Symbol seines Textverarbeitungsprogramms, um sein Kündigungsschreiben aufzusetzen.
Wäre seine Programm-Version nicht veraltet gewesen und hätte Achtenmeyer nicht über der enervierenden Suche nach dem Update seinen Elan verloren, dann wäre er jetzt schon seinen Job los. Und das nur, weil er irgendwo die Geschichte über ein Ehepaar gelesen hatte, das seit mehr als 25 Jahren um die Welt reist und alle bürgerlichen key assets - Job, Haus, Kinder - jederzeit für einen Sonnenuntergang in Papua-Neuguinea stehenlässt.
Fernweh, Abenteuer, Spontaneität - der ganze spirit ungezügelter Freiheit lief da als Film vor Achtenmeyers geistigem Auge ab, und seine allzeit willfährige Ratio lieferte prompt auch noch gute Gründe, warum er jetzt unbedingt auch auf ewige Weltreise gehen müsse: Verhielt sich Dr. Karl nicht in letzter Zeit ihm gegenüber merkwürdig schroff? Wurde seine Abteilung nicht immer häufiger übergangen, bevormundet, gegängelt von dahergelaufenen Controllern und übergeschnappten Produktingenieuren?
Und überhaupt: Saß er nicht schon viel zu lange auf der gleichen öden Position?
"Alles bestens, doch..."
Das Problem ist: Nach einigen Stunden war die Fernweh-Euphorie weg, doch die rationalen Gründe, die sein Gehirn als Rechtfertigung für eine Kündigung produzierte, immer noch da. Doch statt Dr. Karl im ersten Furor und per Mail die Brocken hinzuwerfen, tut Achtenmeyer, was jeder Konzern-Mittvierziger mit jobbedingter Midlife-Crisis tut: Er ruft seinen Headhunter an. "You know, Egon, natürlich läuft es hier total super für mich, key performance indicators alle on track, perspectives bestens, und doch..." Vielsagend lässt Achtenmeyer den Satz schweben, und Egon, der Profi, erkennt das Stichwort sofort: "Du willst was anderes, frischer Wind, neuer Schwung, die ganze Palette, versteh' schon."
Wie es der Zufall will, fährt Egon fort, wobei das Wort "Zufall" natürlich für seine eigene, unvergleichliche Arbeit steht, wie es der Zufall also will, habe er gerade auch an Achtenmeyer gedacht. Ihm liege da nämlich diese Anfrage eines Klienten vor, streng geheim, er selbst kenne noch nicht mal den Firmen- geschweige den Kundennamen, aber keine Sorge, absolut First Tier, Top-Gehalt, für Achtenmeyers Profil wie maßgeschneidert. "Mit dem aktuellen Mann ist mein Klient eigentlich ganz zufrieden", sagt Egon, der Profi. "Aber er will halt, wie soll ich sagen, frischen Wind, neuen Schwung, du verstehst schon."
Am bewussten Tag ist Achtenmeyer exakt die zwei Minuten zu früh, die den Wechselkandidaten von Welt kennzeichnen. Sorgsam steuert er auf einen Tisch in einer Nische zu, legt das Feuilleton gewichtig darauf und beginnt, imaginäre Flusen von seiner Krawatte zu zupfen. Nicht zu fassen, mein lieber Achtenmeyer, das erste Bewerbungsgespräch seit fast zehn Jahren, obwohl an Angeboten natürlich kein Mangel war, denkt er. Bevor er aber in selbstgefällige Rückschau verfallen kann, nimmt er im Augenwinkel den "FAZ"-Schriftzug wahr, der draußen vorbeihuscht.
Glasklar, Dr. Karl ist Vollprofi
Die Scheibe ist so verrauchglast, dass Achtenmeyer den Tageszeitungsträger nicht erkennen kann, doch vorsorglich steht er schon mal auf, schließt den obersten Jackettknopf und - sieht Dr. Karl im Windfang stehen, "FAZ"-Feuilleton unterm Arm, suchender Blick. Dann bleibt der Blick seines aktuellen Vorgesetzten an seinem, Achtenmeyers, Feuilleton hängen, geht langsam nach oben und wendet sich sofort wieder ab, als sich ihre Blicke kreuzen. Auf dem Absatz kehrt Dr. Karl um und verlässt das Lokal.
Drei Dinge lassen sich als key take-outs festhalten, denkt Achtenmeyer am nächsten Tag, an seinem alten und zugleich neuen Schreibtisch. Erstens: Die Diskretion seines Headhunters ist kein Marketinggeschwätz, sondern in der Tat äußerst belastbar. Zweitens: Dr. Karl ist ein Vollprofi - Lage binnen eines Wimpernschlags analysiert, seither kein Wort darüber verloren, sie wollten beide etwas Neues und wissen nun das Alte wieder zu schätzen. Und drittens: Das Feuilleton der "FAZ" ist gar nicht schlecht. Hätte er schon früher mal reinschauen sollen.
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