Die Company hat eine andere Company gekauft. "Happy Holiday Beverages", lange ein hartnäckiger Konkurrent im Energy- und Lifestyledrink-Segment, jetzt Übernahmeobjekt. Die product ranges ergänzen sich bestens, viele exzellente Leute arbeiten dort, kurz: Es ist eine Hochzeit im Himmel. Und Achtenmeyer ist Trauzeuge. Oder so etwas Ähnliches. Jedenfalls soll er als "Head of Integration" dafür sorgen, dass die Strukturen, Prozesse und das ganze Mindset von "Happy Holiday" seiner Company angepasst werden.
Das Wort "anpassen" hat Dr. Karl gefühlte 278 Mal verwendet, als er Achtenmeyer den neuen Zusatzjob anbot, davon 269 Mal extra stark betont. Nach dem zwölften Mal gab Achtenmeyer, der kürzlich aus Versehen einen Artikel über Change Management gelesen hatte, vorsichtig-konjunktivisch zu bedenken, dass unter Umständen die Kollegen bei "Happy Holiday" den ein oder anderen Einfall gehabt haben könnten, den in der Company zu übernehmen sich lohnen könnte. "Warum nicht von deren Know-how profitieren?", fragte Achtenmeyer und horchte seinem Satz bedächtig nach, als sei ihm der Gedanke gerade erst gekommen. "Wir kochen doch alle nur mit Wasser."
"Sie vielleicht", schoss Dr. Karl ungnädig zurück und sah ihn an, als wolle er mit seiner Tochter durchbrennen. "Ich für meinen Teil, mein lieber Achtenmeyer, stehe einhundertundfünfzig Prozent hinter Personal, Produkten und Methoden unserer Firma." Dr. Karl machte eine seiner gefürchteten Pausen, goss etwas Wasser in den Luftbefeuchter, sortierte ein paar Papiere, richtete iPhone und Blackberry wieder exakt an der Schreibtischkante aus. "Und was die Übernahme angeht und Ihre fixe Idee von gegenseitigem Ideenaustausch: You're either on the train - or under it. Kapiert?"
Tatsächlich steht die passende Gelegenheit nur wenige Stunden später in seinem Büro. Bedermann, den er mit den operativen Details der Integration beauftragt hat (nicht umsonst lautet sein Titel schließlich "Head of Integration", nicht "Hands of Integration") ringt die Hände. Ein sicheres Zeichen, dass er ein wichtiges Anliegen hat. Und er trägt Nadelstreif, ein sicheres Zeichen, dass er sich gestern Abend schon vorgenommen hat, sein Anliegen heute zur Sprache zu bringen. Achtenmeyer nickt aufmunternd.
"Sie Unglücksrabe!"
"Also, Sie hatten ja gesagt, ich solle mich mit der Organisation bei 'Happy Holiday' beschäftigen", beginnt Bedermann nervös, "und beim Blick auf das Organigramm habe ich festgestellt, dass es da die eine oder andere Sache gibt, die wir vielleicht auch hier, also ich meine, bei uns, möglicherweise..." Achtenmeyer wischt ungnädig durch die Luft und macht aus Bedermanns ohnehin stockendem Redefluss ein armseliges Rinnsal. "Jetzt passen Sie mal auf, Bedermann", sagt er. "Sie sind noch jung, Sie haben noch nicht so viel Experience, deshalb erkläre ich es Ihnen. Aber ich mache das nur einmal. You're either on the train - or under it." Bedermann schluckt zweimal und verlässt das Zimmer. "So", denkt Achtenmeyer zufrieden.
Zwei Tage später lässt es sich anlässlich eines Top-Level-Meetings nicht vermeiden, dass er einen Blick auf das Organigramm von "Happy Holiday" wirft. Erst stutzt er, dann stürzt er aus dem Raum und zitiert Bedermann zu sich. "Bedermann, Sie Unglücksrabe! Warum haben Sie mir verschwiegen, dass die Marketing-Funktion - UNSERE Abteilung! - bei 'Happy Holiday' direkt unter dem Vorstand hängt?" Und damit - übertragen auf die eigene Company - gleichwertig mit Dr. Karls Level, fügt Achtenmeyer in Gedanken hinzu. "Sie haben mich neulich ja nicht ausreden lassen", gibt Bedermann beleidigt zurück.
"Nun haben Sie sich nicht so", sagt Achtenmeyer jovial und deutet auf seinen Besprechungstisch. "Jetzt gehen wir alles mal in Ruhe durch, dann kriegen wir das schon hin. Cappuccino? Ein Wasser vielleicht? Kekse?" Keine halbe Stunde später steht die neue Abteilungsstruktur. Mit flinken Strichen und seinem Montblanc-Kuli hat Achtenmeyer seine Abteilung kurzerhand dahin gesetzt, wo sie nach der alten "Happy Holiday"-Struktur auch schon war: Eins unter Vorstand, gleich neben Dr. Karl. Dessen markige Einzeiler sind schließlich auch nicht mehr das, was sie mal waren: Entweder sitzen Sie mit im Zug - oder Sie liegen darunter? Falsch, denkt Achtenmeyer, es gibt noch eine dritte Möglichkeit: Oder Sie machen die Fahrpläne.
+++ Lessons learned +++
1. Auf die sanfte Tour: Die Zeiten, da ein übernehmendes Unternehmen dem übernommenen die Bedingungen und Strukturen überstülpte, sind vorbei. Klüger ist es, die Dinge, die sich bewährt haben, gegenseitig zu integrieren. Das ist nicht nur gut fürs Betriebsklima - es steigert auch die Effizienz.
2. Wer schreibt, der bleibt: Wer die Prozesse, Hierarchien und Berichtslinien festlegt, sitzt naturgemäß am längeren Hebel. Doch Vorsicht: Ein Kästchen oben im Organigramm macht noch keine Führungskraft. Die Position will mit Leben gefüllt und verteidigt werden.
3. Bottom up: Natürlich sind Chefs schlauer, sonst wären sie ja nicht Chefs. Oder? Im Ernst: Mitarbeiter haben auch Ideen, viele und gute. Öfter mal auf sie hören, kann sich für Führungskräfte lohnen.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL | RSS |
| alles aus der Rubrik Berufsleben | RSS |
| alles zum Thema Nach Diktat verreist | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH