In letzter Zeit hat Achtenmeyer ein verstärktes Interesse am Thema Führung entwickelt. Er hat Bücher gelesen, deren Untertitel vollgestopft waren mit Begriffen wie talent management und employer branding. Er hat Trainings besucht ("Dein Mitarbeiter, das unbekannte Wesen"). Und er hat Zeitschriftenartikel verschlungen, in denen Zitate wie dieses gefettet hervorgehoben waren: "People join companies, but they leave managers." All das, weil Dr. Karl ihm gesagt hatte, dass Menschen das wichtigste Kapital des Unternehmens seien ("Jetzt aber wirklich, die Sache ist auf CEO-level"), und dass es vornehmste Pflicht jeder Führungskraft sei, die eigenen Mitarbeiter, ihre Wünsche, Motivationen und Sorgen zu kennen.
"Wissen Sie etwa, was Hubvogel aus Ihrer Abteilung am Wochenende treibt?", fragte Dr. Karl rhetorisch. "Wissen Sie, wovon er träumt? Wofür er brennt?" Dr. Karl liebt es, rhetorische Fragen aneinanderzureihen, weil er findet, dass dann die punch-line am Ende noch mehr Wumm hat: "Das sollten Sie aber wissen. Sonst verlieren wir irgendwann einen guten Mann, weil Hubvogel sich nicht von Ihnen wertgeschätzt fühlt."
Achtenmeyer wollte entgegnen, dass Dr. Karl ja ebenfalls nicht wisse, was er, Achtenmeyer, am Wochenende treibt (Städtereisen und Bob Dylan hören). Und dass in seiner Abteilung auch kein Hubvogel arbeitet. Aber sein Vorgesetzter hatte sich - das ist schließlich der taktische Sinn rhetorischer Fragen - bereits wieder seinem Notebook zugewandt.
Ein ganz neuer Blick auf die Welt
Jetzt, viele Wochen, Texte und Trainings später, kann Achtenmeyer gewisse resignative Tendenzen in seiner Gemütslage nicht verleugnen. Sicher, er hat einige No-Brainer wieder aufgefrischt ("Mehr Geld ist nicht gleich mehr Motivation"), doch dem Rätsel Mitarbeiter ist er dadurch nicht näher gekommen. Alles blieb irgendwie vage, schwer fassbar, wie eine Glaskugel aus Rauchquarz.
Da fällt ihm beim Durchblättern einer Zeitschrift ein Text über das nächste große IT-Ding auf: "Augmented Reality". In dieser erweiterten Wirklichkeit werden auf das Smartphone nützliche Informationen über die Realität eingespielt, also etwa Hinweise über freie Wohnungen in einer Straße, die man gerade entlangläuft. In der Zukunft, damit endete der Artikel, könnten diese Informationen auch auf eine kleine Brille projiziert werden.
Ein komplett neuer Blick auf die Welt also, und Achtenmeyer wusste sofort: Das war die Lösung. Ein kleines Dossier über jeden seiner Mitarbeiter, dann bei einer zufälligen Begegnung auf dem Flur das Handy auf den Mann oder die Frau gerichtet, die Realität angereichert - und schon könnte er als Vorgesetzter ganz zwanglos mit dem Betreffenden über dessen Wünsche, Motivationen und Sorgen plaudern.
Typisch Boss - immer einen Schritt voraus
So sieht der Chef der Zukunft aus, jubelte Achtenmeyer innerlich und stürzte aus dem Zimmer, um Dr. Karl umgehend von seiner genialen Idee zu berichten. Wahrhaftig: Die Gehaltserhöhung, deretwegen er vor Monaten bei seinem Vorgesetzten vorstellig geworden war, hatte er damit so gut wie in der Tasche.
Wie es der Zufall wollte, rannte er auf dem Weg genau in Dr. Karl hinein. Sein Chef schaute kurz überrascht, musterte ihn dann intensiv durch eine grünlich eingefärbte Brille, und Achtenmeyer fragte sich kurz, warum ihm diese Brille vorher noch nie aufgefallen war. Dr. Karl riss ihn aus seinen Gedanken: "Achtenmeyer, mein Lieber, gut, dass ich Sie treffe. Leider muss ich Ihre Bitte um mehr Gehalt ablehnen, Sie wissen schon, Konjunktur und so." Dr.Karl machte ein überraschend glaubwürdiges bekümmertes Gesicht.
"Aber", seine Miene hellte sich auf, "als kleines Trostpflaster spendiert die Firma einen Kurztrip nach Barcelona. Und damit Ihnen auf dem Flug nicht langweilig wird, habe ich hier ein Dylan-Privatkonzert vom Herbst 1979. Live, nur 500 Pressungen. Viel Spaß damit!"
Begeistert hielt Achtenmeyer die Platte in Händen. Dass er seinem Chef so viel bedeutete, war ihm gar nicht bewusst gewesen. Tatsächlich: Er war gerührt. Nur irgendwo im Unterbewusstsein hatte er das Gefühl, eine Kleinigkeit übersehen zu haben.
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