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Nach Diktat verreist Der Chef der Zukunft

Stempel drauf: Das ist Achtenmeyers Welt Zur Großansicht
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Stempel drauf: Das ist Achtenmeyers Welt

Blumen zum Geburtstag, goldene Uhr zum Jubiläum: Die Mitarbeiter zu motivieren, ist vornehmste Aufgabe von Vorgesetzten, muss Marketing-Manager Achtenmeyer lernen. Neue Technik eröffnet dabei fantastische Möglichkeiten, wie Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne zeigt.

In letzter Zeit hat Achtenmeyer ein verstärktes Interesse am Thema Führung entwickelt. Er hat Bücher gelesen, deren Untertitel vollgestopft waren mit Begriffen wie talent management und employer branding. Er hat Trainings besucht ("Dein Mitarbeiter, das unbekannte Wesen"). Und er hat Zeitschriftenartikel verschlungen, in denen Zitate wie dieses gefettet hervorgehoben waren: "People join companies, but they leave managers." All das, weil Dr. Karl ihm gesagt hatte, dass Menschen das wichtigste Kapital des Unternehmens seien ("Jetzt aber wirklich, die Sache ist auf CEO-level"), und dass es vornehmste Pflicht jeder Führungskraft sei, die eigenen Mitarbeiter, ihre Wünsche, Motivationen und Sorgen zu kennen.

"Wissen Sie etwa, was Hubvogel aus Ihrer Abteilung am Wochenende treibt?", fragte Dr. Karl rhetorisch. "Wissen Sie, wovon er träumt? Wofür er brennt?" Dr. Karl liebt es, rhetorische Fragen aneinanderzureihen, weil er findet, dass dann die punch-line am Ende noch mehr Wumm hat: "Das sollten Sie aber wissen. Sonst verlieren wir irgendwann einen guten Mann, weil Hubvogel sich nicht von Ihnen wertgeschätzt fühlt."

Achtenmeyer wollte entgegnen, dass Dr. Karl ja ebenfalls nicht wisse, was er, Achtenmeyer, am Wochenende treibt (Städtereisen und Bob Dylan hören). Und dass in seiner Abteilung auch kein Hubvogel arbeitet. Aber sein Vorgesetzter hatte sich - das ist schließlich der taktische Sinn rhetorischer Fragen - bereits wieder seinem Notebook zugewandt.

Ein ganz neuer Blick auf die Welt

Jetzt, viele Wochen, Texte und Trainings später, kann Achtenmeyer gewisse resignative Tendenzen in seiner Gemütslage nicht verleugnen. Sicher, er hat einige No-Brainer wieder aufgefrischt ("Mehr Geld ist nicht gleich mehr Motivation"), doch dem Rätsel Mitarbeiter ist er dadurch nicht näher gekommen. Alles blieb irgendwie vage, schwer fassbar, wie eine Glaskugel aus Rauchquarz.

Da fällt ihm beim Durchblättern einer Zeitschrift ein Text über das nächste große IT-Ding auf: "Augmented Reality". In dieser erweiterten Wirklichkeit werden auf das Smartphone nützliche Informationen über die Realität eingespielt, also etwa Hinweise über freie Wohnungen in einer Straße, die man gerade entlangläuft. In der Zukunft, damit endete der Artikel, könnten diese Informationen auch auf eine kleine Brille projiziert werden.

Ein komplett neuer Blick auf die Welt also, und Achtenmeyer wusste sofort: Das war die Lösung. Ein kleines Dossier über jeden seiner Mitarbeiter, dann bei einer zufälligen Begegnung auf dem Flur das Handy auf den Mann oder die Frau gerichtet, die Realität angereichert - und schon könnte er als Vorgesetzter ganz zwanglos mit dem Betreffenden über dessen Wünsche, Motivationen und Sorgen plaudern.

Typisch Boss - immer einen Schritt voraus

So sieht der Chef der Zukunft aus, jubelte Achtenmeyer innerlich und stürzte aus dem Zimmer, um Dr. Karl umgehend von seiner genialen Idee zu berichten. Wahrhaftig: Die Gehaltserhöhung, deretwegen er vor Monaten bei seinem Vorgesetzten vorstellig geworden war, hatte er damit so gut wie in der Tasche.

Wie es der Zufall wollte, rannte er auf dem Weg genau in Dr. Karl hinein. Sein Chef schaute kurz überrascht, musterte ihn dann intensiv durch eine grünlich eingefärbte Brille, und Achtenmeyer fragte sich kurz, warum ihm diese Brille vorher noch nie aufgefallen war. Dr. Karl riss ihn aus seinen Gedanken: "Achtenmeyer, mein Lieber, gut, dass ich Sie treffe. Leider muss ich Ihre Bitte um mehr Gehalt ablehnen, Sie wissen schon, Konjunktur und so." Dr.Karl machte ein überraschend glaubwürdiges bekümmertes Gesicht.

"Aber", seine Miene hellte sich auf, "als kleines Trostpflaster spendiert die Firma einen Kurztrip nach Barcelona. Und damit Ihnen auf dem Flug nicht langweilig wird, habe ich hier ein Dylan-Privatkonzert vom Herbst 1979. Live, nur 500 Pressungen. Viel Spaß damit!"

Begeistert hielt Achtenmeyer die Platte in Händen. Dass er seinem Chef so viel bedeutete, war ihm gar nicht bewusst gewesen. Tatsächlich: Er war gerührt. Nur irgendwo im Unterbewusstsein hatte er das Gefühl, eine Kleinigkeit übersehen zu haben.


+++ Lessons learned +++

  • Vorsprung durch Wissen: Wer die individuellen Wünsche und Ziele seiner Mitarbeiter kennt, kann gezielt darauf eingehen - und erhöht Motivation und Leistung im Team.
  • Money can't buy me love: Sicher, das Gehalt ist wichtig - doch zahlreiche Studien zeigen, dass Geld nicht mehr als ein "Hygienefaktor", der stimmen muss, aber nicht allein entscheidend ist
  • Mehr als Geld sind gute Worte: Wichtiger ist, dass Mitarbeiter das Gefühl haben, dass ihre Arbeit einen sinnvollen Beitrag zum Unternehmenserfolg leistet und dass sie sich entsprechend ihrer eigenen Leistung entwickeln können.

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insgesamt 13 Beiträge
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    Seite 1    
1. ...
Newspeak 06.09.2011
Fakt ist, daß fast niemand freiwillig arbeitet, jedenfalls von den abhängig Beschäftigten. Das widerspricht in seinem ganzen Umfeld (Zeiteinteilungen, Machtstrukturen) wahrscheinlich sogar schon der menschlichen Biologie. Insofern ist das mit der Motivation der Mitarbeiter nur ein Bonus. In Wirklichkeit müsste man mal zu der Erkenntnis gelangen, daß in dieser hochtechnologisierten und reichen Gesellschaft viel zu viel gearbeitet wird. Arbeit ohne Notwendigkeit, nur um absurde Gewinne zu erzielen. Für wen eigentlich? Der Chef der Zukunft muß nicht wissen, was seine Mitarbeiter gerne in ihrer Freizeit tun, was sie begeistert, er muß ihnen einfach nur die Zeit geben, das zu tun.
2. ....
OlafKoeln 06.09.2011
Zitat von sysopBlumen zum Geburtstag, goldene Uhr zum Jubiläum: Die Mitarbeiter zu motivieren, ist vornehmste Aufgabe von Vorgesetzten, muss Marketing-Manager Achtenmeyer lernen. Neue Technik eröffnet dabei fantastische Möglichkeiten, wie Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne zeigt. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,784483,00.html
1. Mitarbeiter (Human Ressourcen, Schwerpunkt auf Resourcen) sind Kostenfaktoren 2. Mitarbeiter haben am Abend oder am WE nichts vorzuhaben, da sie flexibel sein müssen. Von daher muss der Chef auch nicht Wissen, was sie nicht vorhaben. 3. Träumen tun die Mitarbeiter von Nestwärme, die sie empfinden, wenn sie mal wieder gaaanz schnell über den Tisch gezogen werden. Zugegeben etwas überspitzt, aber sicher näher an der Realität als die goldenen Uhr, die es heute nicht mehr gibt, es sei denn sie ein Schnäppchen vom türkischen Basar.
3. ...
Blueser 06.09.2011
Zitat von Newspeak...er muß ihnen einfach nur die Zeit geben, das zu tun.
Auch dieses Rezept greift etwas zu kurz, denn in erster Linie ist Motivation nicht nur an einem Grund festzumachen. Richtig ist, dass Geld nur ein Hygienefaktor (unter mehreren) ist, der aber mit Vorsicht zu genießen ist, wenn man den Bereich Bonus betritt, denn hier kann ein Gewöhnungseffekt einsetzen, der sogar kontraproduktiv sein kann: immer mehr, damit Bonus überhaupt noch einen Effekt erzielt. Oder man erreicht genau das Gegenteil. Wichtig sind Faktoren wie Kommunikation & Feedback, Information, Mitwirkung, das Gefühl etwas erreicht zu haben und noch einige Faktoren mehr. Sehr interessant ist hier das Buch von Daniel Pink (Drive), das gute Anregungen zum Nachdenken gibt. Die Misere in den Chefetagen ist aber immer noch der Managementstil 'Anweisung und Kontrolle' (command & control) und der Gedanke, dass alleine Geld (und vielleicht noch Freizeit) die Mitarbeiter motiviert. Genau das ist der falsche Ansatz - nur diesen aus den Köpfen zu bekommen ist sehr schwierig, zumal nachrückende Manager, die vielleicht frische Ideen und Einstellungen mitbringen, sehr schnell durch die reale Umwelt (Eric Parsloe: the law of visible reward) 'umgepolt' werden. Ich versuche immer wieder mit kurzen Workshops zum Thema Kommunikation, Motivation, Führung etwas die Köpfe der Führungskreise zu öffnen, gestaltet sich aber sehr schwierig. Also Vorsicht vor kurzen Patentrezepten und lieber mal ein richtiges und gutes Mitarbeitergespräch führen (und auch mal zuhören!!) und den Mitarbeiter auch als Mensch und nicht als Produktionsfaktor zu betrachten.
4. Blumen find ich gut1
kdshp 06.09.2011
Zitat von sysopBlumen zum Geburtstag, goldene Uhr zum Jubiläum: Die Mitarbeiter zu motivieren, ist vornehmste Aufgabe von Vorgesetzten, muss Marketing-Manager Achtenmeyer lernen. Neue Technik eröffnet dabei fantastische Möglichkeiten, wie Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne zeigt. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,784483,00.html
Hallo, der artikel zeigt doch das deutsche unternehmen bzw. deren chef´s es eben nicht drauf haben ihre mitarbeiter zu motivieren oder mehr zu motivieren. Ist auch meine erfahrung so in der arbeitswelt da wird sehr oft eher genau das gegenteil erreicht wo dann mitarbeiter krank feiern, die arbeit sabotieren, gezielt mist bauen usw. aber das empfinde ich als etwas "typisch deutsches"!
5. Firmen
Quagmyre 06.09.2011
Zitat von sysopBlumen zum Geburtstag, goldene Uhr zum Jubiläum: Die Mitarbeiter zu motivieren, ist vornehmste Aufgabe von Vorgesetzten, muss Marketing-Manager Achtenmeyer lernen. Neue Technik eröffnet dabei fantastische Möglichkeiten, wie Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne zeigt. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,784483,00.html
Ein scheint in den Chefetagen von Firmen zunehmend die Idee zu grassieren, die Mitarbeiter würden arbeiten, weil es ihnen gefällt, und monetäre Vergütungsbestandteile könnten doch mehr und mehr durch ein freundliches Klopfen auf die Schulter ersetzt werden. So erlebt und artikuliert in der Firma, für die ich arbeite. Komisch nur, dass es in den oberen Etagen nur und ausschließlich um Kohle geht, während man dem Fußvolk einreden will, dass Geld nicht alles sei.
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Zum Autor
Klaus Werle (Jahrgang 1973) ist Redakteur beim manager magazin und Buchautor ("Die Perfektionierer"). In seiner Kolumne "Nach Diktat verreist" demonstriert Protagonist und Mittelmanager Achtenmeyer regelmäßig, dass Karrieremachen wirklich ganz einfach ist. Nach allem, was er so hört.
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