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Nach Diktat verreist Die Angst des Managers vor der Pause

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Achtenmeyers Schreibtisch: Schnell mal Rückrufe einschieben, die nicht dringend sind

Sie lesen SPIEGEL ONLINE im Büro? Haben Sie zu viel Zeit? Mindestens ebenso schlimm für Führungskräfte wie der andauernde Stress ist es, wenn der Stress einmal ausbleibt. Wie man die peinliche Leere füllen kann, das testet Mittelmanager Achtenmeyer in Klaus Werles Karriere-Kolumne.

Die Face-time mit Dr. Karl ist bis 16 Uhr terminiert. Jetzt ist es 15.48 Uhr, und Achtenmeyer hat alle offenen Punkte auf seiner Liste abgehakt. "Prima, das war's", sagt er und freut sich darauf, den unverhofften Zeitgewinn in einen Café Latte unten am Automaten zu investieren.

Sein Vorgesetzter hat aber anderes im Sinn. "Nicht so hastig, mein lieber Achtenmeyer", sagt Dr. Karl. "Wie sieht es denn mit unserer Strategie 'Path 2020' aus?" Innerlich zuckt Achtenmeyer fragend die Schultern, nach außen entgegnet er: "Alles im Plan, alle Ampeln grün, das Projekt läuft." Doch Dr. Karl stellt eine belanglose Nachfrage, dann noch eine, und noch eine und noch eine, bis es schließlich 16 Uhr und er in zwei Millisekunden durch die Tür verschwunden ist.

Achtenmeyer bleibt ratlos zurück. Üblicherweise ist er immer derjenige, der noch in den letzten fünf Minuten zehn Fragen an seinen Chef abfeuert. Und Dr. Karl ist derjenige, der dann, schon halb im Mantel, mal eben über Millionenetats entscheiden muss, weil seine Zeit als Mitglied des Senior Managements einfach viel zu knapp bemessen ist. Umso erstaunlicher, findet Achtenmeyer, dass er die ungeplante Pause, die ihm sein direct report bescherte, mit öden Routinefragen füllte.

Was, wenn der Strom der Frager versiegt?

Erstaunlich, sicher, doch bei näherer Betrachtung auch wieder nicht überraschend. Leben doch Führungskräfte der höheren Levels zwar unter Dauerstress, gleichzeitig aber in dem angenehmen Bewusstsein, dass die Zeit, die sie ihren Mitarbeitern schenken, ein derart kostbares Gut ist, dass keiner freiwillig auch nur auf ein Minütchen davon verzichtet. Dieses Bewusstsein wiederum, fährt Achtenmeyer fort zu analysieren, speist sich vorrangig aus der Tatsache, dass ja tatsächlich ständig und überall jemand etwas von einem will. Versiegt dieser Strom der Frager, Bittsteller und Um-Entscheidungen-Bettelnder plötzlich und unerwartet, dann gähnt plötzlich eine Leere, die selbstbewusstseinsseitig sehr unangenehm werden kann, auch wenn sie nur zehn Minuten dauert. Oder die, wie im Fall von Dr. Karl, für den allzeit gefragten Top-Manager derart unerhört und im Wortsinn unvorstellbar ist, dass er sie schlicht ignoriert.

Ein interessantes psychologisches Phänomen eigentlich, das einer tiefergehenden wissenschaftlichen Untersuchung würdig wäre, befindet Achtenmeyer. Leider ist er kein Wissenschaftler, sondern Mittelmanager. Und als solcher sind seine Ziele nicht von akademischen Interessen, sondern vom Aufstiegsgedanken geleitet.

Dafür sorgen, dass sich der Chef wohlfühlt

Was in diesem Fall zweierlei zur Konsequenz hat: Erstens muss er für sich selbst (und für seine Peers, die anderen Mitglieder des Mittleren Managements) eine Strategie für den Umgang mit den eigenen Mitarbeitern entwickeln. Schließlich ist nicht nur Dr. Karls Zeit eng begrenzt, sondern auch sein, Achtenmeyers, Tag gleicht einem penibel durchgetakteten Räderwerk, von dessen Präzision, Effizienz und Engmaschigkeit sich manch einer eine Scheibe abschneiden könnte, zum Beispiel die Deutsche Bahn. Zweitens muss Achtenmeyer dafür sorgen, dass sich auch sein Chef wohlfühlt, von dem seine eigene Karriere nicht unmaßgeblich abhängt.

Flugs macht sich Achtenmeyer daran, eine Liste mit "Emergency Measures" für den Fall eines plötzlich auftretenden Zeitüberschusses zu erstellen. Fein säuberlich unterteilt, je nachdem, ob jemand den Zeitüberschuss erhält (Manager-Perspektive) oder verursacht (Mitarbeiter-Perspektive). Kurz gesagt also: Wie man sich in toter Zeit beschäftigt, ohne unterbeschäftigt zu wirken. Und wie man seinem Vorgesetzten am besten niemals das Gefühl gibt, er werde gerade nicht gebraucht.

Kalkiges Wasser und die Work-Life-Balance

Nach einer halben Stunde steht die Liste, nun fehlt noch der Praxistest. Er schlendert auf den Flur, weil er Dr. Karl übellaunig brummeln hört. Sein Vorgesetzter steht vor der Kaffeemaschine und macht ein Gesicht wie die letzte Bilanz von Lehman Brothers. Heute ist nicht sein Tag, wahrscheinlich war noch ein Meeting vorzeitig vorbei, schlussfolgert Achtenmeyer, bevor er sagt: "Dr. Karl, das freut mich außerordentlich, dass Sie sich persönlich um das Problem mit dem kalkigen Kaffeewasser kümmern. Aufgrund der enormen Bedeutung des Automaten für die Work-Life-Balance unserer Talente ist es sicher das Beste, wenn sich jemand vom Senior Management der Sache annimmt."

Dr. Karl schaut verdutzt, dann schleicht ein Lächeln über seine bis eben missmutigen Züge. Mit plötzlichem Schwung dreht er sich um, strafft die Schultern und eilt davon, ein Liedchen pfeifend. Achtenmeyer weiß genau, was sein Chef jetzt denkt: "Ich habe mir nicht einfach einen Latte gemacht. Sondern ein äußerst wichtiges Projekt auf die Schiene gesetzt. Und dass, wo ich ohnehin so viel um die Ohren habe." Wieder ein gutes Werk getan.


+++ Lessons learned - Achtenmeyers Notfallmaßnahmen für plötzlich auftretende Zeitüberschüsse +++

Manager-Perspektive:

  • Wie stets ist Dr. Karl hier Vorbild - verwickeln Sie also Ihren Mitarbeiter in ein längliches Q&A bezüglich langfristiger Projekte. Weichen Sie aber niemals auf private Themen aus - deutlicher kann man nun wirklich nicht demonstrieren, dass man nicht ausgelastet ist.
  • Lassen Sie Ihr Sekretariat wöchentlich eine Liste mit Rückrufbitten von Menschen der "Kann, muss aber nicht"-Kategorie erstellen. Taucht plötzlich ein Zeitüberschuss auf, lassen Sie sich mit einem von der Liste verbinden. Betonen Sie aber gleich zu Beginn, dass Sie eigentlich keine Zeit haben, den Call aber noch "rasch dazwischengequetscht" haben.
  • Erledigen Sie endlich private Dinge und kümmern Sie sich etwa um Ihre Steuererklärung, kaufen Sie Geschenke online oder vergleichen Sie Angebote für Sportwagen.

Mitarbeiter-Perspektive:

  • Stellen Sie interessierte Fragen zur Situation der Branche und der Wettbewerber. Jeder Vorgesetzte, der auf sich hält, wird aus dem Stand einen Vortrag dazu halten können.
  • Handeln Sie proaktiv: Tracken Sie im Meeting-Verlauf regelmäßig das Verhältnis von Zeit und offenen Punkten. Droht ein Zeitüberschuss, ziehen Sie bereits in einem frühen Stadium einzelne Punkte mittels Nachfragen in die Länge. Ihrem Chef wird dies das gute Gefühl geben, dass er seinem begriffsstutzigen Mitarbeiter auch wirklich alles erklären muss.
  • Halten Sie stets die neuesten Management- und Sport-Apps auf ihrem Smartphone vor und erwähnen Sie beiläufig, dass diese auch "kinderleicht" auf das Telefon Ihres Vorgesetzten aufgespielt werden könnten. Die Installation beschert Ihnen locker zehn Minuten.

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insgesamt 4 Beiträge
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    Seite 1    
1. Seltsam, seltsam,
polyphemos 06.03.2012
Zitat von sysopSie lesen SPIEGEL ONLINE im Büro? Haben Sie zu viel Zeit? Mindestens ebenso schlimm für Führungskräfte wie der andauernde Stress ist es, wenn der Stress einmal ausbleibt. Wie man die peinliche Leere füllen kann, das testet Mittelmanager Achtenmeyer in Klaus Werles Karriere-Kolumne. Nach Diktat verreist: Die Angst des Managers vor der Pause - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,819513,00.html)
das beschriebene Verhalten klingt wie Symptome einer psychischen Erkrankung. Etwa einer Sucht oder einer larvierten Depression.
2. Was soll das werden?
Te Henga 06.03.2012
Zitat von sysopZweitens muss Achtenmeyer dafür sorgen, dass sich auch sein Chef wohlfühlt, von dem seine eigene Karriere nicht unmaßgeblich abhängt.
Sie so die deutsche Arbeits-/Managementwelt heute aus? "Proactive Brown-Nosing" zelebriert im Spiegel Online? Ach ja, ich hatte sie fast schon vergessen, die deutsche Untertanenmentalitaet...
3. Arme Wurst
postmaterialist2011 06.03.2012
Oh Gott solche Zustände kenne ich auch noch von meiner vorigen Firma. Jede Minute wurde mit Meetings, Briefings und Forecasts gefüllt, wovon die meisten absolut unnötig, sogar eher kontraproduktiv waren. Aber Hauptsache alle wirken unglaublich beschäftigt und effizient. Hätte man die Arbeitszeit mit elementar wichtigen Dingen ausgefüllt, hätten die meisten Mitarbeiter um 17 Uhr gehen können und hätten dann eine gute "Work-Life-Balance" gehabt und die hohe Fluktuation mit den damit verbunden Kosten wäre vermieden worden. In meinem jetzigen Job gibt es nur Meetings, wenn wichtige Strategien und Vorgehensweisen abgesprochen werden, ansonsten geht alles per Email und Telefon, sprich alle sind viel entspannter und man erzielt Erfolge ohne konstantes Herzinfarktrisiko.
4.
missp 06.03.2012
Zitat von postmaterialist2011Oh Gott solche Zustände kenne ich auch noch von meiner vorigen Firma. Jede Minute wurde mit Meetings, Briefings und Forecasts gefüllt, wovon die meisten absolut unnötig, sogar eher kontraproduktiv waren. Aber Hauptsache alle wirken unglaublich beschäftigt und effizient. Hätte man die Arbeitszeit mit elementar wichtigen Dingen ausgefüllt, hätten die meisten Mitarbeiter um 17 Uhr gehen können und hätten dann eine gute "Work-Life-Balance" gehabt und die hohe Fluktuation mit den damit verbunden Kosten wäre vermieden worden. In meinem jetzigen Job gibt es nur Meetings, wenn wichtige Strategien und Vorgehensweisen abgesprochen werden, ansonsten geht alles per Email und Telefon, sprich alle sind viel entspannter und man erzielt Erfolge ohne konstantes Herzinfarktrisiko.
Solche Firmen sollte es öfter geben. So ist Leben (Stichwort: Work-Life-Balance, Familie!!) auch besser zu meistern.
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Zum Autor
Klaus Werle (Jahrgang 1973) ist Redakteur beim manager magazin und Buchautor ("Die Perfektionierer"). In seiner Kolumne "Nach Diktat verreist" demonstriert Protagonist und Mittelmanager Achtenmeyer regelmäßig, dass Karrieremachen wirklich ganz einfach ist. Nach allem, was er so hört.
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